Dienstag 8

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Ich stehe vor dem kleinen Restaurant, in dem Hannes arbeitet und warte auf ihn. Ich trage ein weißes T-Shirt und blaue kurze Hosen. Was Besseres ist mir nicht eingefallen, als mich Hannes gestern gefragt hat, ob ich mit ihm nach seiner Schicht noch spazieren gehen will. Die Nachricht kam unvermittelt, aber nicht ungelegen. Ein Spaziergang klingt mehr nach etwas, dass ich freiwillig tue, als ein Gig oder eine Party. In meinen Gedanken sehe ich Hannes grade in seinem schwarzen Hemd, wie er die Tische abräumt. Es ist noch hell, denn er muss heute nicht bis zum Schließen arbeiten. Schon komisch, dass er so ordentlich aussehen kann und gleichzeitig in einer Rockband spielt. Bei diesem Gedanken zücke ich mein Handy und suche nach dem Song, den Hannes auf dem Gig gespielt hat, ohne Erfolg. 


Hannes kommt aus dem Gebäude, leicht enttäuscht stelle ich fest, dass er seine Kellneruniform bereits gegen ein sommerliches Shirt getauscht hat. "Hallo kleiner Kellner.", begrüßt er mich. Diesen Spitznamen bin ich also wirklich nicht losgeworden. "Bedienen tu ich dich erst morgen wieder.", gebe ich zurück. "Und wo soll es hingehen?", möchte ich wissen. "Hat dein Freund auch nichts dagegen?", fragt Hannes mich. Ich sehe ihn verwirrt an. "Freund?" "Na der Typ von letzter Woche.", Hannes wirkt etwas unsicher. Er spielt auf Merlin an, aber an das will ich jetzt nicht denken. "Das mit dem Typ hat sich fürs Erste erledigt.", beruhige ich ihn, "Aber was interessiert dich das eigentlich so?" Ich hebe prüfend eine Augenbraue. Hannes sieht in den Himmel. "Ich dachte wir gehen bei dem schönen Wetter in den Park, so am Wasser lang schlendern, dachte ich.", lenkt er von meiner Frage ab. Mit einem Schmunzeln lasse ich es ihm durchgehen und wir setzten uns in Bewegung. "Ich konnte euren neuen Song online gar nicht finden.", breche ich nach einer Weile die Stille. Hannes lacht verlegen. "Das könnte daran liegen, dass wir ihn noch gar nicht aufgenommen haben." Meine Augen fixieren ihn interessiert. "Georg hat mich ja voll dazu genötigt, den zu singen. Ich find den Song gar nicht so gut.", redet er weiter. Jetzt bin ich überrascht. "Ich fand den Song cool. Was magst du denn daran nicht?" "Naja. Meine Stimme passt nicht so ganz zu dem Song.", versucht er zu erklären. Meine Augenbraue geht skeptisch nach oben. "Was denn? Meine Stimme ist wirklich nicht so gut.", geht Hannes in die Defensive. "Willst du etwas sagen, dass ich keinen Geschmack habe?", ärgere ich ihn. "Komm schon Tim, nicht du auch noch." "Ach, ich bin wohl nicht der Einzige, der den Song mag.", rede ich weiter. Hannes gibt sich geschlagen. "Nein bist du nicht. Fred und vor allem Georg ist davon überzeugt, dass ich häufiger singen sollte. Wenn es nach den beiden gehen würde, wäre ich schon längst Leadsänger." "Und warum willst du das nicht?", frage ich neugierig. Über diese Frage muss Hannes einige Momente nachdenken. "Ist mir viel zu stressig. Glaub ich." "Was ist denn am Lead Singer sein stressig?", hake ich nach. Hannes guckt zu mir runter: "Und wo hast du Struppi gelassen?" Ich muss lachen. "Sorry ich wollte dich nicht löchern.", lenke ich ein. "Dann darfst du mich jetzt was fragen.", biete ich ihm an. 

Für eine Weile bleibt es still zwischen uns, während wir durch den Park spazieren. Die Sonne spiegelt sich inzwischen orange im Wasser des kleinen Sees, den wir umlaufen. "Ok gut. Ich hab eine Frage." Ich gebe ihm meine volle Aufmerksamkeit. "Du stehst doch auf Männer, oder?", er sieht mich fragend an. Ich kann mir ein Kichern nicht verkneifen. "Na die Frage hast du jetzt aber ganz schön vergeudet.", stelle ich amüsiert fest. Er kratzt sich am Hinterkopf. "Ich wollte nur sichergehen.", murmelt er. "Ja, ich stehe auf Männer. Ich glaube sogar, dass ich ausschließlich auf Männer stehe, also bist du voll meine Zielgruppe.", antworte ich mit einem Lächeln. "Und ich nehme an, dass du auch auf Männer stehst.", füge ich hinzu. Mit Erleichterung im Gesicht nickt Hannes. "Da das offensichtliche geklärt ist, darfst du gern noch eine Frage stellen.", ermutige ich ihn. Die Sonne ist warm auf meiner Haut und ich genieße die Ruhe des Parks sehr. "Seit wann weißt du, dass du schwul bist?", fragt Hannes mich. Ich denke zurück an meine Vergangenheit. "Eigentlich schon immer.", beantworte ich seine Frage. Das scheint ihn zu überraschen. "Du etwa nicht?", jetzt bin ich neugierig. "Bin da wohl eher ein Spätzünder. Ich habe es erst im Studium gemerkt.", erzählt er. "Wie merkt man denn das erst so spät?" "Tja ich hatte vorher keine Gelegenheit es herauszufinden und dann als ich mal einen anderen Studenten geküsst habe, wurde mir alles klar." In mir beginnt es zu kribbeln. Hannes hat also auch noch nicht so viel Erfahrung. Mein Grinsen wird breiter und meine Neugier wächst. "Und warst du dann mit dem zusammen?" Hannes schüttelt lachend den Kopf: "Nein. Ich hab ihn auf einer Kursfahrt geküsst, weil wir Wahrheit oder Pflicht gespielt haben. Ich glaube ihm hat der Kuss nicht so gut gefallen." "Vielleicht hättest du vorher üben müssen.", werfe ich scherzend ein. "Was für eine Unterstellung. Ich küsse gut.", protestiert er spielerisch. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Ob ich herausfinden werde, ob er die Wahrheit sagt. "Wie viele Typen hast du denn schon geküsst?", will er wissen. Ich bleibe stehen und denke nach, dann hebe ich meine Hand und beginne mit meinen Fingern zu zählen. Hannes versucht mitzukommen, um herauszufinden wie viele dutzend Kerle ich schon um den Finger gewickelt habe. Schnippisch stecke ich ihm die Zunge raus und sage: "Zwei, eher drei." Damit stolziere ich an ihm vorbei. Muss er ja nicht wissen, dass ich eigentlich nur Alek und Merlin geküsst habe und das auch meine einzige wirkliche Erfahrung ist.

Wir blödeln rum, bis wir wieder aus dem Park raus sind. Man kann sich echt locker mit Hannes unterhalten. Er studiert Politische Bildung und Musik auf Lehramt. So richtig als Lehrer kann ich ihn mir aber nicht vorstellen. Ich lehne mich an das Haltestellenschild und genieße die letzten Sonnenstrahlen. Ich kann spüren, wie Hannes mich ansieht. Ich höre leise, wie der Bus näherkommt. "Kann ich dir noch eine letzte Frage stellen?", Hannes Stimme ist etwas brüchig. Ich öffne die Augen und sehe ihm direkt in seine braunen Augen. Sie bleiben für einen Moment an meinen Lippen hängen. "Bist du grad auf der Suche nach etwas Festem?" Diese Frage hat dafür gesorgt, dass Dean ihn sitzen gelassen hat. Der Bus hält neben mir und die Türen gehen auf. "Ich kann es mir gut vorstellen.", antworte ich und steige in den Bus. Mit einem breiten Lächeln sehe ich Hannes an, während sich der Bus in Bewegung setzt. Diesmal rauft er sich nicht die Haare, als ich ihn immer kleiner werdend durch die Rückscheibe des Busses beobachte.

Von Kellner zu KellnerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt