"Wer da?", kommt es undeutlich aus der Klingelanlage. "Ich bin's." Mit einem lauten Surren erklärt sich die Tür bereit, geöffnet zu werden. Die Wohnungstür ist schon offen, als ich oben ankomme und ich trete einfach in den Flur. Freudig ziehe ich meine Schuhe aus und schließe die Tür hinter mir. Linda werkelt irgendwas in der der Küche. Beschwingt laufe ich den Geräuschen entgegen. Es riecht nach frischen Kaffee. Linda ist dabei Milch in ihre Tasse zu gießen, ihre Haare sind noch ungemacht. Ich werde stutzig, das ist untypisch für Linda, es ist schon nach 11 und ich bin schon 3 Minuten hier und noch keine einzige Frage kam aus ihrem Mund. Meine Freude schlägt zu Besorgnis um. "Alles ok?" Sie nimmt einen großen Schluck Kaffee und lächelt mir zu. "Ja alles gut. Nur schlecht geschlafen." Ich kann sehen, dass sie geweint hat. Das letzte Mal, als ich sie in diesem Zustand gesehen habe, hatte sie eine Drei auf ein Protokoll bekommen. Mit zwei Schritten bin ich bei ihr und lege meine Hand auf ihre Schulter. "Hey, mir machst du nichts vor. Was ist passiert?", frage ich sanft. Eigentlich dämmert es mir schon, was los ist, aber ich werde mich hüten, meine Vermutungen in den Raum zu streuen. "Halb so wild. Es soll doch heute um dich gehen.", weicht sie meiner Frage aus. "Linda, ich wäre ein schlechter Freund, wenn ich dich jetzt voll laber, anstatt mich um dich zu kümmern.", ich führe sie in ihr Wohnzimmer. Ihr Dad bezahlt die Wohnung, wahrscheinlich, um seine Schuldgefühle wegen der Scheidung zu unterdrücken, deswegen hat Linda ein Wohnzimmer. Wir setzten uns auf die Couch. "Es ist nur Leo.", fängt sie an, "Ich dachte wirklich, ich kann ihn überzeugen, mit zu meiner Mama zu kommen. Ich hab alles versucht." Ihr Blick huscht kurz in eine Ecke. Ich folge ihm und sehe einen BH mit Spitze in der Ecke liege. Ich laufe rot an und mir wird klar, wie weit ihre Überzeugungsversuche gingen. "Hat alles nichts gebracht und wir haben uns gestern heftig gestritten.", fährt sie fort. Ihre Finger klammern sich an ihre Kaffeetasse. Behutsam lege ich meinen Arm um ihre Schultern. "Das kann schon mal passieren.", rede ich leise auf sie ein. Sie nickt: "Ich weiß. Streit gehört dazu und so, aber ich hätte nicht gedacht, dass er einfach geht." Ihre Stimme zittert leicht. In meinem Kopf taucht die Frage auf, ob er gegangen ist, bevor sie miteinander geschlafen haben oder erst danach. Der Position des BHs zu urteilen eher danach. Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Was fällt diesem Kerl eigentlich ein? Entschlossen nehme ich Linda in den Arm: "Jungs sind manchmal echt bescheuert." Sie nickt wieder. "Denkst du wir vertragen uns wieder?", fragt sie nach einer Weile. "Willst du das denn?", stelle ich die Gegenfrage. Sie sieht mich an. "Natürlich! Nur weil wir uns einmal streiten, müssen wir uns nicht gleich trennen." In ihrem Blick ist zu erkennen, dass sie diese Beziehung noch nicht abgeschrieben hat. Ein Seufzer entweicht meinen Lippen. Aufgeben ist für sie echt keine Option. "Ihr könnt ja reden, wenn du wiederkommst. Dann habt ihr ein bisschen Abstand von der Sache.", schlage ich vor. Ihr Lächeln kommt zurück. "Klar. So machen wir es. Dann ist auch der Druck weg. Ich hab ihn wahrscheinlich einfach zu sehr gestresst." Dass sie ihn gestresst hat, ist keine Frage, ich kenne Linda. Aber ob das der einzige Grund ist? So ganz bin ich nicht überzeugt. "So jetzt aber raus mit der Sprache. Da pass ich einmal nicht auf und schon schleppst du Hannes ab." Die alte Linda ist zurück und sie brennt vor Neugier. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihr jedes Detail zu schildern.
"Das klingt so romantisch.", schwärmt Linda. "Und er wollte wirklich nicht mehr?" Ich schüttle grinsend den Kopf. "Er war super zurückhaltend." "Was ein Gentleman. Aber vielleicht will er dich gar nicht so doll.", stichelt sie. "Oh glaub mir. Hättest du seine Augen gesehen, dann wüsstest du, dass er mich will.", prahle ich. Linda stützt ihr Kinn auf ihre Hände und säuselt verschwörerisch: "Und wirst du es ihm geben?" Mein Gesicht wird heiß. "Ich weiß nicht. Eigentlich schon.", druckse ich herum. "Aber was, wenn es nicht klappt?" Unsicherheit macht sich in mir breit. "Mach dir keinen Kopf Tim. Lasst euch einfach Zeit.", beruhigt sie mich. "Und was ist, wenn er ungeduldig wird?" Linda sieht mich vorwurfsvoll an. "Tim. Jetzt hör mir mal zu. Hannes hat bis jetzt geduldig auf dich gewartet. Er sieht mir nicht danach aus, als wollte er das jetzt überstürzen. Und hast du mir nicht erzählt, er sucht was Festes?" Ich sehe betreten zu Boden. "Du hast ja Recht.", gebe ich zu, "Ich will es nur nicht vermasseln." "Das wirst du nicht. Mach einfach nichts, was dir nicht gefällt. Hannes ist eh komplett in dich verknallt. Du kannst gar nichts falsch machen.", ermutigt sie mich. Mit hoffungsvollem Blick starre ich an die Decke. "Ich hoffe du hast recht."
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Von Kellner zu Kellner
RomanceTim hat einen dämlichen Wunsch, nämlich, dass sein Traummann eines Tages durch die Tür der Gaybar kommt, in der er kellnert. Eventuell könnt es ja Hannes sein, der in genau dieser Gaybar von einem Typen sitzen gelassen wird. Als Tim dann auch noch M...
