Heute ist es so weit. Ich habe Hannes gebeten, mich von der Bar abzuholen. Logischerweise hat er mir zugesagt. Meine gesamte Schicht zerbreche ich mir den Kopf, wie ich dieses Gespräch anfangen soll. Viel Zeit zum Nachdenken und Planen habe ich allerdings nicht, ich muss ja Kunden bedienen. In meiner kurzen Pause starre ich in den Himmel. Linda hat Recht. Wenn ich es ihm nicht erzähle, dann ist die Chance, dass es wie bei Merlin endet, hoch. Andererseits habe ich das Gefühl, dass mich Hannes niemals in so eine Situation bringen wird. Mit ihm fühlt sich alles so sicher an, so zärtlich. Allerdings wird Hannes auch nicht ewig Geduld mit mir haben, schließlich habe ich gesehen, wie er mich ansieht. Wenn es wieder und wieder nicht klappt, wird er wahrscheinlich denken, ich will das gar nicht. Das wäre natürlich völliger Quatsch und ich würde ihm das auch tausendmal erzählen, aber am Ende könnte er es mir trotzdem übelnehmen. Meine Gedanken verrennen sich in dieser Konjunktivschleife. Langatmig blase ich meinen Atem in die Abendluft. Ich muss es ihm sagen. Er wird es verstehen. Wer, wenn nicht er.
"Ich hätte nicht gedacht, dass du mich mal bittest, dich abzuholen.", Hannes fühlt sich geschmeichelt. Wir sind eine Weile Hand in Hand schweigend nebeneinanderher gelaufen. Doch so langsam wird meine Unruhe offensichtlich. Er drängelt mich nicht. Ich kann in seinen Augen sehen, dass er weiß, dass ich was ausbrüte. Das mag ich so an Hannes. Er gibt mir immer Zeit, Dinge in meinem Tempo zu machen. Ich muss es ihm sagen, alles andere wäre unfair. "Ich muss dir was gestehen.", fange ich an. Er bleibt stehen und schenkt mir seine volle Aufmerksamkeit. "Ich hatte noch nie Sex.", beichte ich. Seine Finger streichen sanft über meinen Handrücken. "Ist doch nicht schlimm.", antwortet er ruhig, aber seine Augen forschen weiter. Irgendwie bin ich erleichtert. Das wäre schon mal raus. Jetzt zum schwierigen Teil. "Da ist noch was." Hannes muss erneut warten, bis ich die richtigen Worte finde. "Ich hatte bis jetzt erst einen richtigen Freund und mit dem hab ich eine blöde Erfahrung gemacht, was Sex angeht." Sein Blick wandert ernst über mein Gesicht. "Willst du mir sagen, was passiert ist?", seine Frage ist ein Angebot ohne Hintergedanken. Ich schaue zu ihm auf und nicke. "Ok, dann suchen wir uns jetzt eine Bank.", sein Blick schweift umher und er orientiert sich, dann zieht er mich sanft in eine Richtung.
Die Bank steht am Rand eines kleinen Platzes, der um diese Uhrzeit menschenleer ist. "Ich hör dir zu.", sagt Hannes sanft. Ich lehne meinen Kopf an seine Schulter, damit ich ihn nicht ansehen muss. "Ich war noch auf dem Gymnasium, als wir uns kennengelernt haben. Er hat an unserer Schule eine alte Messingstatue wieder hübsch gemacht. Sein Name war Alek und er müsste so ungefähr zwei Jahre älter gewesen sein." Mit dem Erzählen kommen die Erinnerungen zurück, die guten und die schlechten. "Ich fand ihn cool und ich denke er fand mich niedlich. Mir war schon lange vorher klar, dass ich auf Männer stehe, aber er war der erste, der auch auf mich stand. Wir haben uns heimlich nach der Schule getroffen. Meistens waren wir bei ihm, damit meine Eltern nichts rausfinden. Eigentlich total albern.", erinnere ich mich. "Du weißt ja wie neugierig ich bin und das war damals nicht anders. Ich hab Alles ausprobiert, wollte Alles wissen und Alek hat es mir gerne gezeigt. Ich war nicht sein erster Freund." Ich mache eine Pause. Hannes Finger haben anfangen meine Haare zu kraulen. "Nur eine Sache habe ich mich nicht getraut. Analsex.", mein Blick wird weit. "Immer wieder und wieder hat er versucht, mich zu überzeugen. Mal mit Worten, mal mit Toys, einmal hat er es sogar mit einem Geschenk versucht. Aber ich hatte Schiss.", erzähle ich. "Und wie lange ging das so?", stellt Hannes nüchtern seine erste Zwischenfrage. In meinen Gedanken gehe ich die Monate durch. "Ein halbes Jahr vielleicht. Alek war sehr hartnäckig. Wahrscheinlich fand er die Vorstellung geil, mir die Jungfräulichkeit zu nehmen." Hannes schweigt und hört mir weiter zu. "Jedenfalls hatte ich nach dem Abi viel Zeit. Wir haben super viel zusammen gemacht, weil er schon eigenes Geld hatte. An einem Abend hat er mich auf eine Party mitgenommen. Das war der erste Abend, an dem ich wirklich viel Alkohol getrunken habe. Ich will nicht sagen, dass er mich abgefüllt hat. Es war einfach im Club und wir haben getanzt und getrunken." Vor meinem inneren Auge sehe ich noch genau die flackernden Lichter und Aleks ausgelassenes Rumgetobe. "Danach sind wir logischerweise zu ihm. Ich hatte meinen Eltern erzählt, dass ich bei Freunden übernachte. Es war eigentlich ein superlustiger Abend. Wir haben wild rumgemacht und ich war ziemlich angeheitert. Deswegen habe ich auch zugestimmt, als er mich erneut dazu angespornt hat. Alek war auch betrunken und konnte sich einfach nicht mehr zurückhalten.", meine Stimme stockt. "Es ging alles so schnell. Wir waren nackt und er war auf mir drauf. Von hinten. Keine Ahnung, ob wir Gleitgel benutzt haben. Alles, woran ich mich klar erinnern kann, ist der stechende Schmerz. Es hat einfach nur weh getan. Ich hab geschrien oder so, aber ich konnte ihn nicht von mir runter schieben. Alek wollte nicht aufhören. Irgendwie hab ich es dann doch geschafft. Hat nicht lange gedauert. 30 Sekunden höchstens." Wieder mache ich eine Pause und mein Blick sieht schnell nach, ob Hannes Gesicht eine Reaktion zeigt. Seine Miene ist sehr ernst und er scheint die Informationen zu verarbeiten. "In der Nacht haben wir uns noch heftig gestritten und letztendlich bin ich weinend nach Hause gerannt." Mir fällt auf, dass es mit Merlin fast genauso war. Hannes stößt hörbar Luft aus. "Das ist der Grund, warum ich keinen Alkohol mag und auch warum ich so verkrampft war.", beende ich meine Ausführung. "Verständlich.", sagt Hannes. Hinter seinen Augen rattert es. Schweigend krault er meine Haare. Jetzt ist es endlich raus. Bisher hatte ich es nur Linda erzählt. Mit geschlossen Augen schmiege ich mich noch mehr an seine Schulter.
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Von Kellner zu Kellner
DragosteTim hat einen dämlichen Wunsch, nämlich, dass sein Traummann eines Tages durch die Tür der Gaybar kommt, in der er kellnert. Eventuell könnt es ja Hannes sein, der in genau dieser Gaybar von einem Typen sitzen gelassen wird. Als Tim dann auch noch M...
