Dienstag 7

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Nervös gucke ich auf mein Handy. Es ist 15 Uhr. Merlin hat mir ein Café geschickt, in dem wir uns treffen wollen. Jetzt stehe ich davor und kann mein Herz pochen hören. Wie lange ist es her, dass ich ein Date hatte? Hatte ich mit Alek überhaupt ein Date? Wir waren mal gemeinsam nach seiner Arbeit essen. Zählt das schon? 


Völlig in Gedanken versunken, stehe ich vor dem Café. Plötzlich spüre ich Hände an meiner Hüfte, die mich herumwirbeln. Ich kann gerade noch realisieren, dass es sich um Merlin handelt, bevor mir ein Kuss den Atem raubt. Seine Lippen sind weich und nachdem ich den Schock verarbeitet habe, lasse ich mich darauf ein. Merlin grinst wie ein Honigkuchenpferd, als wir uns draußen an einen Tisch setzen. "Macht es dir so viel Spaß Leute unerwartet zu küssen?", frage ich. "Bei dir ganz besonders.", sagt er mit einem Zwinkern. In Person ist der Effekt noch mal schlimmer. Er trägt ein ärmelloses Shirt, dass sich über seine Brust spannt und kurze Jeans. Das auffälligste sind seine blauen Turnschuhe, die komplett aus der Rolle fallen. Seine Locken fallen ihm golden ins Gesicht. "Wie lief die Klausur?", beginne ich ein Gespräch. Merlin schnappt sich die Karte. "Superleicht nach dem ganzen Büffeln. Aber 3 Stunden rumsitzen und konzentrieren ist echt nichts für mich." Eine Kellnerin kommt an unserem Tisch und wir bestellen beide ein Eis. Meine Nervosität lässt nicht nach und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Merlin löst die Stille auf: "Bist du schon fertig mit deinem Unikrams?" Ich nicke und wir quatschen über Unistress, bis das Eis da ist. 

"Wie hat Linda dich eigentlich aufgegabelt?", will Merlin wissen, während er langsam das Eis vom Löffel leckt. Ich lasse mich mit Absicht nicht auf diese Provokation ein. "Aufgegabelt trifft es ganz gut." "Wie lang ist das her?" Ich versuche seinem Blick Stand zu halten: "Wir haben uns erst im Volleyballclub kennengelernt, also noch gar nicht so lange." Merlin runzelt die Stirn: "Ich hatte gedacht, dass ihr euch schon ewig kennt. Ihr passt so gut zusammen." Ich muss kichern. Fragend werde ich von seinen grünen Augen gemustert: "Was denn?" "Sorry, aber Linda hat das am Anfang auch gedacht und das war ein sehr komischer Moment im Club." Jetzt hab ich seine Aufmerksamkeit. Er lehnt sich zu mir rüber und scheint auf eine Erklärung zu warten. "Hat sie das noch nicht erzählt?" "Was denn, spann mich nicht so auf die Folter. Erzähl!" Es scheint tatsächlich Sachen zu geben, die Linda peinlich sind. Aber es ist auch meine Geschichte, also darf ich sie erzählen. "Vielleicht ist es dir schon aufgefallen, aber Linda liebt es Leute zu verkuppeln. Sie sieht die Welt durch eine rosarote Brille und die Liebe ist hinter jeder Ecke." Merlin nickt wissend. "Als wir mit dem Volleyball angefangen haben, war sie noch Single. Zwischen uns hat es sofort geklickt und ab da waren wir ein super Team. Wir haben uns auch nach dem Volleyball getroffen und so weiter." "Und was dann?", will er wissen. Er sieht echt niedlich aus. "Naja, wir haben ein kleines Turnier gewonnen und uns riesig gefreut. In der ganzen Freude hat sie mich einfach geküsst. Sie dachte, ich stehe auf sie. Dem ganzen Team danach zu erklären, dass ich, du weißt schon", ich überlege, wie ich es sagen soll, „nicht auf Frauen stehe, war etwas unangenehm. Aber im Endeffekt ist es eine lustige Story." Grinsend kommentiert Merlin: "Da hab ich ja Glück gehabt, aus Lindas Fingern hätte ich dich niemals bekommen." Ich werde rot. "Hast du auch so eine Outing Story?", versuche ich das Thema von mir wegzulenken. Merlin lehnt sich zurück und leckt sich den letzten Rest Sahne von den Lippen. "Mein Outing war nicht ganz so lustig. Du musst wissen, auf meiner Schule war ich anfangs sehr beliebt." "Kann ich mir gar nicht vorstellen.", wende ich ironisch ein. "Ich weiß, es ist nicht verwunderlich bei meinem Charm. Auf alle Fälle mochten mich viele, bis ich entdeckt habe, dass ich schwul bin. Ich hab mir nichts daraus gemacht und es einfach erzählt." Erstaunt blicke ich von meinem Eisbecher hoch: "Das hast du dich getraut?" "Ja. War nur dumm. Danach konnte mich keiner mehr leiden. Nur noch Leo ist mir geblieben.", bei den letzten Worten legt er sich theatralisch die Hand auf die Stirn. Ich rolle mit den Augen. Merlin grinst schelmisch zu mir rüber, dann fällt er wieder in die Rolle und klagt: "Doch jetzt hat er mich vollends für Linda verlassen und ich muss allein auf dieser Erde wandeln." Übertrieben verzweifelt greift er über den Tisch hinweg nach meiner Hand. "Errettest du mich aus meiner Einsamkeit Tim?" Er schafft es genau eine Sekunde die verzweifelte Miene aufrecht zu erhalten, dann schleicht sich ein Schmunzeln auf seine Lippen. Ich kann mir ebenfalls das Grinsen nicht verkneifen: "Wenn du dann deinen süßen Mund hältst." "Der hat eh ganz andere Dinge als reden vor.", raunt Merlin. Diesmal überrascht mich der Kuss nicht. Unsere Lippen sind kalt von Eis, aber der sorgt für eine ganz andere Hitze. 

Von Kellner zu KellnerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt