Freitag 8

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Hannes wartet bereits an der Haltestelle, als ich aussteige. Er trägt ein lockeres weißes Hemd und eine ausgewaschene rote kurze Hose. Ein Großteil seines Gesichts ist hinter eine Sonnenbrille versteckt. "Was hast du denn alles dabei?", ich deute auf den großen Beutel, der unter seinem Arm klemmt. Durch seine Sonnenbrille kann ich nicht sehen, wo seine Augen hinsehen, aber ich bin sicher, dass er mich gerade auscheckt. "Was man halt so braucht. Handtuch, Sonnencreme, bisschen Obst und eine Picknickdecke.", antwortet er. Wir laufen los Richtung See. "Ich hoffe, du hast deine Badehose nicht vergessen.", witzle ich. "Nein natürlich nicht.", Hannes bietet mir seine Hand an. Ich sehe schmunzelnd zu ihm hoch. "Und was wird das, wenn ich fragen darf?" "Ich dachte, das soll ein Doppeldate sein, also dachte ich wir können auch Händchen halten." Er ist dabei seine Hand wieder zurückzuziehen, aber ich schnappe sie mir schnell. "Alle blöden Kommentare von Linda gehen hiermit auf deine Kappe.", merke ich an, während wir Hand in Hand nebeneinander laufen. Er hat ziemlich große Hände und es fühlt sich schön an.


"Da seid ihr ja!" Linda hüpft uns ein Stück entgegen, sie hat bereits ihr Oberteil gegen ein Bikinitop ausgetauscht. Sie umarmt uns beide überschwänglich und Hannes ist etwas überfordert. Leo steht an der Badestelle und hebt nur grüßend die Hand. Hannes stellt sich ihm höflich vor, während mich Linda verschwörerisch wegzieht. "Ihr seid also schon beim Händchenhalten. Habt ihr euch schon geküsst?", ihr Grinsen reicht von Ohr zu Ohr. "Wir hatten auch schon Sex in der Straßenbahn.", weiche ich der Frage sarkastisch aus. Davon lässt sich Linda nicht die Laune verderben, sondert kichert einfach nur. Manchmal frage ich mich, was durch ihren Kopf geht. "Na dann ab ins Wasser.", fordert sie mich und die anderen auf. Sie schlüpft aus ihrem Rock und ist bereits im Bikini. Ich ziehe nach und werfe ebenfalls mein Shirt und meine kurze Hose auf mein Handtuch. Darunter kommt eine enganliegende Badehose zum Vorschein. Lachend sprinte Linda hinterher. Das Wasser ist angenehm kühl an meinen Beinen. "Wo bleibt ihr denn?", ruft Linda an den Strand. Dort stehen immer noch Leo und Hannes wie angewurzelt, aber ihre Gesichtsausdrücke könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Leo schamlos seine Freundin in Bikini bewundert, hat Hannes seinen roten Kopf beinahe panisch weggedreht, als ich mich zum Strand wende. Linda beugt sich zu mir rüber und flüstert: "Da hast du aber jemanden aus dem Konzept gebracht." Jetzt muss ich kichern. Ich gehe noch etwas tiefer ins Wasser, sodass nur noch mein Oberkörper aus dem Wasser ragt. Winkend fordere ich Hannes auf, ins Wasser zu kommen. "Genau ihr Feiglinge, sonst müsst ihr fürs Gucken bezahlen.", steigt Linda ein. Die beiden ziehen sich ihre Badehosen an und zu meiner Enttäuschung trägt Hannes keine enge Badehose, sondern eine von den langen lockeren. Er sieht trotzdem noch gut genug aus, dass ich abtauchen muss, um meine hitzigen Gedanken zu verscheuchen. 

Hannes wirft seine nassen Haare nach hinten und wischt sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht. Wir haben schon eine Weile im Wasser herumgetollt und Leo hat bereits den ersten Nassmachwettbewerb gegen Linda verloren. Er sieht nicht sehr begeistert aus. Hannes und ich hatten dagegen unseren Spaß. "Was haltet ihr von einem kleinen Wettkampf?" Mit so einem Vorschlag hat Hannes sofort Lindas Aufmerksamkeit. "Wir nehmen Tim und Linda auf unsere Schultern und sehen, wer wen zuerst ins Wasser schupsen kann.", schlägt er vor. Linda ist sofort begeistert. "Los zeigen wir Ihnen, wer das coolere Pärchen ist.", spornt sie Leo an. "Muss das sein?", Leo ist nicht überzeugt. Linda fällt ihm um den Hals. "Och bitte Schatz, das wird lustig." Sie küsst seine Nasenspitze. In der Zwischenzeit schwimme ich zu Hannes. Ich bin der Einzige, der hier nicht mehr entspannt stehen kann. "Meinst du wir haben eine Chance gegen diese zwei Riesen?", frage ich und stütze mich auf seine Schulter. Er sieht mich lächelnd an und zieht mich etwas näher zu ihm. Das Wasser glitzert auf seinen breiten Schultern. Auch wenn wir verlieren sollten, ich werde definitiv bequemer sitzen als Linda. Hannes sieht sich unsere Gegner genau an und kommentiert dann, wie bei einer Sportsendung: "Die beiden haben definitiv mehr Reichweite, aber das kann ihnen auch zum Verhängnis werden. Lindas lange Arme könnten Leo aus dem Gleichgewicht bringen und dann schlagen wir zu." Er sieht mir direkt in die Augen. "Du musst dich nur auf Linda konzentrieren, ich halt sich schon fest." Seine Hände legen sich um meine Hüften. Sie sind viel rauer als Merlins, das kommt wahrscheinlich vom Gitarre spielen. "Vertraust du mir?", flüstert er. Mein Herz schlägt bis zum Hals, weil unsere Gesichter so nah sind. "Na was ist?", reißt uns Lindas Stimme aus dem Moment. Sie sitzt bereits auf Leos Schultern. Hannes hebt mich etwas umständlich hoch und ich steige aus dem Wasser auf seine Schultern. Seine Hände halten meine nackten Oberschenkel fest. "Wir sind bereit.", erwidert Hannes und geht auf die beiden zu. Linda hat ihren Matchblick aufgesetzt. Sie nimmt das hier viel zu ernst. Wir versuchen gegenseitig unsere Handgelenke zu packen, aber wir kennen uns zu gut, trotzdem merke ich, dass Leo etwas mehr Schwierigkeiten hat, dass Gleichgewicht zu halten. "Wollen wir doch mal sehen, ob du dein Versprechen hältst.", raune ich Hannes zu und lehne mich unvermittelt nach hinten. Lindas Hand schnappt ins Leere. Ich kann spüren, wie Hannes seine Arme anspannt, um mich auf seinen Schultern zu halten, aber ich konzentriere mich darauf, Lindas Hand zu greifen. Lachend verliert sie das Gleichgewicht und lässt sich mich einem Köpfer ins Wasser gleiten. Hannes hebt seine Hand für ein High Five, dann stapft er einfach Richtung Strand. Hinter uns tröstet Linda Leo mit einem Zungenkuss, den ich nur aus dem Augenwinkel mitbekomme. "Hey, lässt du mich mal runter?" "Ne.", Hannes schüttelt lachend den Kopf und läuft einfach weiter, "Wir drehen eine Siegerrunde." Ich rolle mit den Augen und lasse mich von ihm bis zu der Picknickdecke tragen. Ich kann den Blick von Linda förmlich in meinem Rücken spüren. 

Die beiden kommen kurze Zeit später auch aus dem Wasser. Linda wirft Leo ein Handtuch zu. "Das war lustig." Ich sehe zu ihr runter. "Könntest du Hannes bitte davon überzeugen mich runterzulassen." "Wieso, willst du nicht auch mal der Größte sein?", stichelt Leo mit einem schrägen Grinsen, während er sich abtrocknet. "Ha, ha, ha.", ist mein einziger Kommentar. Linda macht es sich auf der Picknickdecke gemütlich und hat genüsslich die Augen geschlossen, aber Leo steigt schon wieder in seine Hose. "Musst du schon los?", fragt Hannes überrascht. "Jap, ich hab noch was vor.", er stopft sein Handtuch in seinen Rucksack. Verdutzt richtet sich Linda auf: "Du gehst schon?" "Ich hab dir doch gesagt, ich hab noch zu tun.", er schwingt sich den Rucksack auf den Rücken. "Bis dann.", er geht. "Hey warte mal.", Linda rappelt sich auf und läuft ihm hinterher. Ich sehe nach unten zu Hannes und Hannes sieht nach oben zu mir. Ich zucke nur mit den Schultern. 

Mit einem entschuldigenden Lächeln auf den Lippen kehrt Linda zu uns zurück. "Sorry seine Eltern wollten noch was von ihm." Ich bin mir sicher, dass es eine Ausrede ist, aber diesen Kommentar verkneife ich mir. "Du hast ihn ja immer noch nicht runtergelassen.", stellt sie fest, um das Thema zu wechseln. Hannes wird rot: "Ich hab keine Ahnung, wie ich das sicher machen soll." Ich spiele mit seinen Haaren. "Hannes hat anscheinend die Angewohnheit, Dinge nicht bis zum Ende durchzudenken.", stänkere ich. Linda stemmt ihre Hände in die Seite. "Geh doch einfach in die Knie, du Schlauberger." "Und was, wenn Tim runterfällt?" Linda und ich müssen lachen. "Ich werd schon nicht runterfallen und wenn doch, fängt mich Linda.", beruhige ich ihn. Ohne Probleme steige ich von seinen Schultern. Wir sind inzwischen trocken von der Sonne. Gemeinsam liegen wir auf der Picknickdecke, ich liege in der Mitte. Linda richtet sich auf und schaut über mich hinweg zu Hannes: "Und was hast du mit Tim vor?" Hannes Augen sind wieder hinter der Sonnenbrille versteckt. "Ich hab gar nichts vor. Tim hat mich doch heute eingeladen." Sie mustert ihn kritisch. Ich muss kichern: "Willst du ihn jetzt verhören?", werfe ich ein. "Ah, dann bist du Struppi.", fügt Hannes hinzu. Linda sieht mich verwirrt an. "Ich hab ihn mit Fragen gelöchert und jetzt fängst du auch noch an, also sind wir Tim und Struppi.", erkläre ich ihr. "Ich bin doch nicht dein Hund.", beschwert sie sich kichernd. "Hab ich nie behauptet.", verteidige ich mich. "Darfst trotzdem rumschnüffeln.", scherzt Hannes etwas zu selbstbewusst. Ich beiße mir auf die Zunge, denn das war ein Fehler. Jetzt setzt sie sich komplett auf. Ihre Augen funkeln. "Na dann verratet mir doch, was das mit euch ist." Ich schiele zu Hannes rüber. "Wie meinst du das?", Hannes zieht seine Sonnenbrille runter, um Linda anzusehen. "Naja, seid ihr Freunde, Freunde mit Vorteilen, zusammen oder nur Fuckbuddies.", zählt sie scheinheilig auf. Die Sonnenbrille abzunehmen war ein weiterer Fehler von Hannes, denn so kann Linda ganz genau sehen, wie er rot wird. "Wir sind auf alle Fälle keine Fuckbuddies und Vorteile gibt's auch keine. ", werfe ich hastig ein. Ihrem Blick standzuhalten, kostet sehr viel Willenskraft. "Dann bleibt ja nicht mehr viel übrig.", tüdelt Linda. Warum muss sie immer so direkt sein? "Ich denke, wir sind äh erstmal nur ähm Freunde.", versucht Hannes eine Antwort. Linda hebt nur eine Augenbraue. "Er hat recht.", stimme ich Hannes zu. Ihre Augenbraue geht nur noch höher. "Erstmal.", wiederholt sie langsam, dann sieht sie Hannes ernst an. "Wehe du tust ihm weh." Jetzt werde ich rot. "Linda.", stammle ich beschwichtigend, doch Hannes guckt genauso ernst zurück. "Hab ich nicht vor." Ich blicke von einem ernsten Gesicht zum anderen. Was zur Hölle geht den hier ab? Ich stupse Hannes an der Schulter. "Hattest du nicht Obst mitgebracht?", versuche ich die Spannung aufzulösen. "Stimmt ja.", Hannes wühlt in seinem großen Beutel und befördert geschnittenes Obst zum Vorschein. Damit ist die Stimmung wieder lockerer und wir können die restliche Zeit ohne so ernste Fragen verbringen.

Von Kellner zu KellnerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt