Samstag 12

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Es verspricht ein schöner Tag zu werden. Die Sonne scheint, es ist aber nicht unerträglich warm. Hannes wartet bereits unten auf mich, seine Augen sind auf sein Handy gefesselt und er blickt erst auf, als die Tür hinter mir ins Schloss fällt. Hastig lässt er sein Handy in der Hosentasche verschwinden. Neugierig versuche ich zu erkennen, was er da gemacht hat, doch leider kann ich so schnell Nichts erkennen. "Na bereit, für eine halbe Stunde anzustehen, um dann 3 Minuten durch die Gegend zu flitzen?", begrüßt er mich mit einer Umarmung. "War doch dein Vorschlag.", erinnere ich ihn grinsend. Er kratzt sich am Hinterkopf: "Ich musste mich ja auf einmal entscheiden." Kichernd lege ich den Kopf an seine Brust. "Es wird bestimmt lustig.", beruhige ich ihn. Lindas Auto kommt herangebraust und sie bremst etwas überschwänglich. "Das wird die erste Achterbahnfahrt für heute.", raune ich Hannes zu und öffne die Beifahrertür. "Hallo Jungs.", begrüßt sie uns überschwänglich. "Alles anschnallen. Es geht los!" 


Hannes sitzt hinter mir und muss wohl oder übel bei Lindas spontanem Autobahnkonzert mitsingen. "Du kannst das echt gut.", lobt Linda. "Warum bist du nicht der Frontsänger von Dirty Socks?", sie wirft einen Blick in den Rückspiegel. "So gut bin ich auch wieder nicht.", wehrt Hannes ab. "Doch ist er.", widerspreche ich. "Du hättest ihn mal bei der Bandprobe hören sollen." Wir ziehen Hannes die restliche Autofahrt noch ein Wenig auf und ich bin froh, dass wir so Linda auf andere Gedanken bringen.

Einen leeren Freizeitpark gibt es nur, wenn er geschlossen ist. Schritt für Schritt schieben wir uns vorwärts. Ich halte sowohl Lindas als auch Hannes Hand, damit wir uns nicht verlieren. Die beiden können eh vielmehr sehen, weil ich außer Menschen eigentlich gar nichts sehen kann. Linda zieht uns zielstrebig zur ersten von vielen Achterbahnen. Die Zeit vergeht wie im Flug und ich komme schon nicht mehr mit, welche Attraktionen wir bis jetzt schon gemacht haben und welche nicht. Während einer Trinkpause studiert Linda zusammen mit Hannes den Lageplan. Die beiden verstehen sich prima. Bestimmt deutet sie auf die Karte. "Da gehen wir hin." Ich schiele an Hannes vorbei, um zu erkennen, auf was sie deutet. Es ist ein Totenkopf. "Was ist das?", möchte ich wissen. "Die Geisterbahn.", erklärt mir Hannes. Verwirrt sehe ich zu Linda rüber. "Aber du magst doch gar keinen Grusel." Sie grinst nur diebisch. "Ich fahr ja auch nicht mit.", sagt sie triumphierend und packt unsere Hände. "Wie jetzt?", Hannes weiß nicht, wie ihm geschieht.

Alle Überzeugungsversuche, die Hannes und ich unternehmen, während wir in der Schlange stehen stoßen auf taube Ohren. Linda kommt nicht mit, aber sie besteht darauf, dass ich mitfahre, obwohl ich auch kein Horrorfan bin. Mit einem mulmigen Gefühl steige ich in den Wagen, der wie eine alte rostige Lore aussieht. Hannes wird von Linda kurz zur Seite genommen und sie flüstert ihm etwas ins Ohr. "Was hat sie gesagt?", will ich wissen, als er sich neben mich setzt. Ruckelnd setzt sich die Bahn in Bewegung und wir fahren in einen dunklen Höhleneingang. Mit lautem Zischen wird uns eiskalte Luft entgegen geblasen und zucke zusammen. Unwillkürlich habe ich mich an Hannes Arm geklammert. Er muss lachen und zieht mich näher zu sich. "Sie ist zu clever." An mehreren Stellen erschrecke ich mich und Hannes scheint sich nur zu amüsieren. Teilweise vergrabe ich mein Gesicht in seiner Brust, aber immer dann streift irgendwas meine Haut und mir gruselt es noch mehr. Da kann mich Hannes noch so sehr beschützen. Am Ende der Tour wartet Linda mit einem breiten Grinsen auf uns. Ich bin kreidebleich und mir ist kalt. Mit schnellen Schritten komme ich auf sie zu: "Das war so fies!" Sie lacht und auch Hannes kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Ihr seid doch beide doof.", schimpfe ich. "Sorry. Du warst super tapfer.", beschwichtigt mich Hannes und umarmt mich. Ich strecke ihm die Zunge raus.


Kauend schlendern wir an ein paar Buden vorbei, an denen man typische Karnevalsspiele spielen kann. Linda hat als Entschädigung eine Runde 1m lange Lakritzstangen spendiert. Hannes bleibt vor einem Glücksrad stehen und sieht sich die Preise an. "Wollen Sie ihr Glück versuchen. Einmal drehen 2 Euro, drei Mal drehen 5 Euro.", will uns der Budenbesitzer das Drehen schmackhaft machen. Hannes holt eine 2€ Münze aus seiner Tasche. "Willst du wirklich drehen?", frage ich skeptisch. Die Chancen etwas zu gewinnen sind fast Null. "Warum denn nicht? Ich war doch auch glücklich genug, dich zu bekommen." Linda rollt die Augen bei diesem kitschigen Kommentar. Ich verschränke die Arme vor der Brust: "Ist dein Geld." Hannes grinst vielsagend. "Genau genommen ist es dein erstes Trinkgeld, was du mir gegeben hast.", er schnippst die Münze in die Luft. "Gott bist du romantisch.", Linda deutet an, zu kotzen. Lachend übergibt Hannes die Münze und dreht das Rad. Das Rattern hält eine ganze Weile an, weil es ganz schön Schwung bekommen hat. Unglaublicher Weise bleibt die Nadel nicht auf einem der vielen Trostpreisfelder stehen. "Haha!", strahlend nimmt Hannes einen kleinen Plüschhasen als einen Preis entgegen. "Herzlichen Glückwunsch.", sagt der Budenbesitzer. "Wollt ihr auch mal? Jeder Dreh ein Gewinn." Mit schüttelndem Kopf laufen wir weiter. Neidisch schiele ich auf den Stoffhasen, den Hannes an seine Brust drückt. "Darf ich ihn auch mal haben?", frage ich zuckersüß. Hannes dreht sich weg. "Niemals.", sagt er schnippisch. "Du wolltest ja gar nicht, dass ich drehe. Er gehört nur mir." "Aber es war mein Trinkgeld.", werfe ich ein und sehe ihn mit großen Augen an. Mit der Nase zum Himmel gerichtet, ignoriert er mich. Linda beobachtet uns feixend. "Och bitte.", ich versuche ihm das Häschen aus der Hand zu schnappen. Hannes schüttelt vehement den Kopf und hält das Plüschtier so hoch er kann über seinen Kopf. "Du musst es dir wohl selbst holen.", fordert er mich selbstsicher heraus. Nichts leichter als das. Mit einem Schritt stehe ich direkt vor seiner Brust und katapultiere mich wie beim Blocken nach oben. Mit Leichtigkeit schnappe ich mir das Kuscheltier und lande wieder sicher auf dem Boden. Hinter mir lacht sich Linda halb tot, weil Hannes komplett verdutzt seine leere Hand in die Luft streckt. Er ist komplett sprachlos. Zufrieden reibe ich das Häschen an meine Wange. "Dankeschön.", säusle ich. Immer noch lachend legt Linda Hannes eine Hand auf die Schulter. "Vol-ley-ball.", erklärt sie kichernd. Fassungslos starrt er auf seine leere Hand.

"Das müssen wir machen.", Linda zeigt auf einen Stand mit Büchsenwerfen. "Wetten ich mach dich platt.", stichelt sie Hannes. "Warum fragst du nicht Tim?", Hannes ist immer noch geknickt, weil ich ihm seinen Hasen geklaut habe. "Mit den Armen ist er doch keine Herausforderung für mich." "Hey!", protestiere ich. Sie spannt ihren Bizeps an. "Kannst du damit etwa mithalten?" "Und ob.", ich flexe. Hannes sieht sich das Schauspiel gemütlich an. Ich knuffe ihm in die Seite. "Muss ich auch?", sein Blick wandert von mir zu Linda und zurück. Unsere Aufforderung ist unmissverständlich. Er rollt mit den Augen und spannt seinen Bizeps an. Lecker. "Genau das ist der Grund, warum ich gegen dich antreten will.", proklamiert Linda und zückt bereits das Portemonnaie. "Das Eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun.", versucht er sich zu drücken. "Wenn du gewinnst, bekommst du diesen kuschlig weichen Hasen wieder zurück und einen Kuss.", muntere ich ihn auf und gebe dem Hasen spielerisch einen Kuss. Hannes lockert augenblicklich seine Schultern und fixiert die Dosen. "Linda! Wirf nicht daneben." "Yippie!", sie wirf ihm drei Bälle zu. Kurze Zeit später versteckt er sein Gesicht in den Händen, während Linda mit ihrem gewonnen Slinky spielt. "Mach dir nichts draus. Es war nur eine Dose.", mitfühlend streichle ich seinen Rücken. Sanft schiebe ich seine Hände aus seinem Gesicht. "Du bekommst trotzdem einen Kuss." Zärtlich berühren meine Lippen seine. "Und mein Hase?" "Verloren ist verloren.", kichere ich und ziehe ihn mit mir Linda hinterher.

Alle drei sitzen wir in der Gondel des Riesenrads. Wir haben es uns für ganz zum Schluss aufgehoben. Langsam fahren wir immer höher, immer, wenn eine Gondel den höchsten Punkt erreicht, bleibt das Rad kurz stehen. Hannes und ich sitzen auf der einen Seite und Linda auf der anderen. Der kleine Plüschhase sitzt auf Hannes Schoß. Von hier oben kann man den gesamten Park sehen und Lindas Gesicht klebt förmlich an der Scheibe. Ich habe meinen Kopf an Hannes Schulter gelehnt und genieße die Aussieht, während die beiden "Ich sehen was, was du nicht siehst" spielen. Unsere Gondel stoppt am höchsten Punkt. "Jetzt müsstet ihr euch eigentlich küssen.", Linda sieht aufgeregt zu uns herüber. Hannes wird rot. "Das hättest du wohl gern. Das wir hier vor dir Rumknutschen.", rede ich es ihr aus. "Das wäre doch soooo romantisch.", bittet sie. "Kommt nicht in Frage. Wir sind ja nicht deine private Rom-Com. Lass lieber ein Selfie machen." "Na gut.", gibt sich Linda geschlagen und zieht ihr Handy hervor. "Cheese!", sagen wir im Einklang gerade noch rechtzeitig, bevor die Gondel wieder anfängt, langsam nach unten zu fahren. 


"Willst du noch mit rauf?", frage ich Hannes, als Linda davonfährt. "Sorry ich muss noch was abholen.", entschuldigt er sich. "Was denn?" "Nicht so wichtig.", er checkt die Uhrzeit auf seinem Handy. "Ich muss jetzt wirklich los. Bis dann. War super heute.", er drückt mir einen Kuss auf die Lippen und wendet sich winkend von mir ab. Er hat es wirklich eilig. Mit zusammengekniffenen Augen sehe ich ihm hinterher. Da ist irgendwas im Busch.

Von Kellner zu KellnerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt