Mittwoch 8

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Linda 

Hey Tim, wir gehen am Freitag zum See. Willst du mitkommen? Merlin ist nicht dabei und vllt willst du Hannes mitnehmen So ein richtiges Doppeldate :D Das wird der Hammer, wir halten uns auch zurück 

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Diese Nachricht starre ich jetzt schon geschlagene fünf Minuten an. Zum See mit Hannes, Linda und Leo. Der Spaziergang mit Hannes war so locker, ich bin mir sicher, er hätte nichts dagegen. Aber halte ich ein Doppeldate durch? Vor allem weil Hannes und ich ja gar kein Paar sind. Ich brüte ziemlich lange über diesen Fragen. Schließlich übermannt mich die Neugier Hannes in einer Badehose zu sehen und außerdem war ich dieses Jahr noch nicht einmal schwimmen. 

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Ich frag ihn mal. Ich sag dir dann bescheid. 

Hannes 

Hast du am Freitag Zeit? 

Linda will mit ihrem Freund zum See und hat gefragt, ob ich dich mitnehmen will. Ich warne dich jetzt schon: Sie sieht es als Doppeldate! Falls du deswegen nicht mitkommen möchtest, ist das voll ok. Sag mir einfach bescheid 

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Es ist echt heiß geworden in den letzten Tagen, also suche ich etwas besonders luftiges für den heutigen Arbeitstag. Ich entscheide mich für ein lockeres T-Shirt mit einem weiten Ausschnitt, sodass ich jedes noch so kleine Lüftchen ausnutzen kann. Bevor ich losgehe, checke ich mein Handy. 

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Freitag hab ich noch nichts vor und ich denke, ich kann Linda ihr Doppeldate nicht ausschlagen nach allem, was sie für mich gemacht hat. 

Außerdem kann ich dich mit einem Pärchen nicht allein lassen 

Bis Freitag also :) 

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Ich schreibe Linda, dass wir kommen, und begebe mich auf Arbeit. 

Die Tische sind krachend voll und es ist ziemlich stickig. Ich bin über jeden Gast froh, der kurz die Tür öffnet. Mein Shirt ist inzwischen über eine Schulter gerutscht und ich hege kein Bedürfnis diese wieder zu bedecken. Jonathan ist ähnlich durchgeschwitzt und ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie stressig es wäre, wenn wir heute nicht zu zweit wären. Die Tür schwingt auf und mit der Brise torkeln auch drei Kerle rein. Die sind schon mächtig am Vorglühen gewesen. Solche Gäste sind mir eh schon unangenehm, aber als ich dann noch bekannte blonde Locken erkenne, wäre ich am liebsten hinter dem Tresen versunken. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis Merlin sich in diese Gaybar verirrt. Außerdem hätte es noch viel schlimmer sein können, denn es ist nicht untypisch, dass hier Dates stattfinden. Merlin mit ein paar besoffenen Freunden ist mehr zu ertragen als Merlin mit einem Date. "Hey Timmy!", ruft einer seiner Freunde. Erst jetzt erkenne ich Leo. Auch das ist irgendwie logisch. Er ist schon ziemlich erheitert. "Wusste gar nich, dass du hier arbeitest.", lallt er und lässt sich auf einen Barhocker fallen. Etwas unbeholfen schlägt er die Karte auf. Für einen kurzen Moment fürchte ich, dass der Dritte im Bunde Dean ist, aber zum Glück ist es ein mir unbekannter Blondschopf. "Ja ich arbeite hier.", antworte ich verspätet. Merlin hat aufgehört zu lachen und sieht mich einfach nur an. Der mir unbekannte Blondschopf ist ungefähr so groß wie ich und sieht neben Merlins athletischem Körperbau eher schmächtig aus. Ich setze ein Lächeln auf. "Was wollt ihr denn haben?" Ich habe die Shotgläser schon in der Hand bevor der kleine Blonde danach verlangt. Leo ist immer noch damit beschäftigt unsere Karte zu studieren. Drei rot gefüllte Shotgläser landen auf dem Tresen und zwei davon kurz darauf im Rachen von Leo und dem Blonden. Merlin muss erst von den andern aufgefordert werden, bevor er den Shot kippt. Hastig drängelt sich Jonathan an mir vorbei und drückt mir einen Zettel in die Hand. "Wärst du so nett.", bittet er, während er sich zwei Bier schnappt und wieder losstürmt. Mit geschickten Händen beginne ich die Bestellung zu mixen und auf ein Tablett zu stellen. Drei Augenpaare folgen meinen Fingern, während sie das tun. "Wow du hast aber flinke Finger.", stellt der Blondschopf fest. "Kein Wunder das Linda mit dir rumhängt, wenn du solche Drinks mischen kannst. Schmecken die auch?" Leo hat es anscheinend aufgegeben die Karte zu lesen. Merlin hat bis jetzt noch nichts gesagt, vielleicht braucht sein Gehirn am alkoholisierten Zustand länger, um schlagfertige Sprüche zu finden. "Ja die schmecken. Wollt ihr welche?", frage ich mit meinem besten Kellnerlächeln. Jonathan greift sich das Tablett mit den Cocktails und sieht mich fragend an. Er will wahrscheinlich wissen, ob alles in Ordnung ist. Noch hab ich die Situation im Griff. "Was haltet ihr davon, dass ich euch drei Cocktails mixe und ihr tauscht dann einfach untereinander.", schlage ich vor. Rechts und links von Merlin wird genickt.

"Du arbeitest hier.", ist das Erste, was er sagt. Ich schüttele gerade den zweiten Cocktail. "Die ganze Zeit warst du hier.", in Merlins Kopf scheint es zu rattern. Mein Lächeln wird verlegen und ich kippe die Flüssigkeiten zusammen. Dann werfe ich noch eine Limette rein und schiebe Merlin den Cocktail mitsamt einem Strohhalm hin. "Probier den Mal, der ist gut." Merlin sieht von mir zu dem Strohhalm und wieder zu mir. "Komm schon, ich vergifte dich nicht.", sage ich, während ich den Alkohol für den dritten Cocktail abmesse. Jetzt muss er grinsen und nimmt einen Schluck. "Du steckst echt voller Überraschungen.", murmelt er. Kurz darauf sind alle drei Cocktails fertig und die drei Jungs sind zufrieden. "Weiß Linda eigentlich, wo du dich rumtreibst?", frage ich Leo. Der grinst nur blöd. "Sie muss ja nich alles wissen. Du verpfeifst mich doch nich.", er sieht kurz besorgt aus. "Mit deinem besten Kumpel einen Trinken zu gehen ist kein Verbrechen.", beruhige ich ihn und schiele dabei zu Merlin, der gerade dabei ist, den Blondschopf davon abzuhalten, ihm das Ohr abzuknabbern. Ich lehne mich etwas näher zu Leo. "Läuft das eigentlich öfter so mit Merlin, dass ihr zwei eine Kneipentour startet und am Ende zu dritt seid?" Leo sieht zu Merlin rüber, wie er seine Hand um die Hüfte des Blondschopfes legt. "Oft würd ich nich sagen, aber Merlin flirtet immer. Egal wo er ist. Nich wahr du Casanova.", der letzte Teil ist direkt an Merlin gerichtet, der sich etwas langsam umdreht. "Wird hier etwa über mich gelästert?", fragt er gespielt verärgert. Da ist er ja wieder, dieser unwiderstehliche Charm. "Du musst doch gar nicht neidisch sein, mit einer Freundin wie Linda.", fährt er fort. "Auf dich bin ich sowieso nicht neidisch. Linda ist eh viel besser im Bett als jeder Kerl, den du je hattest.", gibt Leo zurück. Merlin wirft den Kopf in den Nacken: "Pah, ich wette mit dir, dass ich 1000x besser blasen kann als sie." "Wenn du wüsstest wie...". Ich halte mir die Ohren zu, um diese Details nicht zu hören. Dankenswerterweise kann ich mit Jonathan tauschen und nun bin ich derjenige, der von Tisch zu Tisch hetzt. 

Fünf Minuten frische Luft im Hinterhof, das ist meine Pause. Es rumpelt hinter mir. Merlin stolpert durch den engen Gang und lehnt sich lässig gegen den Türrahmen. "Hi", sagt er mit schwerer Zunge. "Hi", ich sehe ihn besorgt an. "Alles ok?" Merlin verschränkt nur die Arme vor der Brust. Es sind wirklich die kraftvollsten Arme, die ich je gesehen habe. Mit diesen Armen hat er mich einfach so hochgehoben und getragen. "Klar alles super.", beantwortet er meine Frage. Ich wende mich komplett zu ihm. "Willst du jetzt reden?", ich persönlich halte es für eine dumme Idee, aber er ist zu mir gekommen. "Ein paar Fragen hätt ich schon und nüchtern genug, um mir die Antworten zu merken bin ich auch noch.", behauptet er. "Na dann frag. Ich komm eh nicht vorbei, ohne mich an der vorbeizuquetschen." Merlin sieht hinter sich und sein Grinsen wird breiter. "Dann kannst du ja diesmal nicht einfach wegrennen.", in seiner Stimme schwingt irgendwas mit. Ist er gekränkt? Ausdrucklos deute ich auf den Torbogen hinter mir, der direkt auf die Straße führt. "Wenn ich nicht wollte, wäre ich nicht hier. Aber ich denke, du hast ein paar Antworten verdient." "Oh.", Merlin guckt dumm, nun da ihm bewusstwird, dass er nicht die Zügel in der Hand hält. Ich warte geduldig auf seine erste Frage. "Es ging dir zu schnell. Hab ich recht?" Als Antwort nicke ich nur. "Die Sachen, über die wir geschrieben haben, hast du noch nie vorher gemacht. Stimmts?", er kann den Vorwurf in seiner Stimme nicht ganz verbergen. Liegt wahrscheinlich am Alkohol. "Du hast recht. Um ehrlich zu sein, hatte ich noch nie Sex mit einem Mann.", gebe ich zu. Sein Kopf lehnt sich erschöpft an den Türrahmen. "Warum hast du das nicht gesagt? Ich mein, ich wusste, dass du unerfahren bist, aber so unerfahren. Das hättest du mir sagen müssen!", jetzt klingt er wirklich vorwurfsvoll. Betreten schaue ich zu Boden: "Ich weiß. Das war nicht fair." Er macht einen Schritt auf mich zu und streckt seine Hand aus, aber ich weiche zurück. Merlin presst seine Zähne aufeinander, ich kann sehen, wie sich seine Muskeln anspannen, dann lässt er die Hand sinken. "Sieht nicht so aus, als gebe es einen Neustart.", stellt er enttäuscht fest. Ich schüttle den Kopf: "Tut mir leid Merlin. Ich hab's echt versaut." "Ich könnte dir so viel zeigen. Ich kann auch zärtlich sein und langsamer.", seine Stimme ist ganz weich. "Ich weiß, aber zeig sie lieber dem Blonden da drinnen, der scheint doch voll auf dich abzugehen und ich kann mir nicht vorstellen, dass er wegrennt.", versuche ich ihn zu ermutigen. Seine grünen Augen bekommen etwas Wehmütiges als er die Distanz zwischen uns überwindet. Er ist erstaunlich schnell. Seine Finger gleiten durch mein Haar, während er mich gedankenverloren ansieht. "Ist nur leider der falsche Blonde.", flüstert er, dann dreht er sich um und geht, so cool es ihm seine Trunkenheit zulässt, zurück in die Bar. "Man sieht sich Tim." 

Als ich eine Minute später meine Pause beende, sind alle drei Barhocker leer. Jonathan sieht fragend zu mir herüber. "Die haben ein saftiges Trinkgeld für dich dagelassen.", raunt er mir zu. Ich seufze. "Das hab ich eigentlich nicht verdient." Ich lasse Jonathan verdutzt stehen und erfülle lieber ein paar Partygirls ihren Wunsch nach süßer Torte.

Von Kellner zu KellnerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt