»Irgendwie ist jetzt die Luft raus«, meinte Tim, als wir eine Weile gespielt hatten und sich Joe so geziert hatte, mir einen kleinen Kuss zu verpassen. Das hatte uns allen ein wenig den Spaß an der Sache genommen und ich war unglaublich froh, dass die anderen gerade genervt aufseufzend verschwanden. Ich blieb noch kurz mit Tim sitzen und dachte darüber nach, was gerade eigentlich passiert war.
Joe hatte – um mich nicht küssen zu müssen – einen Mitschüler genommen, den ich unter der ganzen Schminke gar nicht hatte erkennen können, wenn ich ihn denn überhaupt kannte. Aber irgendwie hoffte ich schon, dass er auf unserer Schule war...
»Wer war das überhaupt?«, fragte ich und Tim warf mir einen fragenden Blick zu. Ich verdrehte die Augen.
»Der Typ den ich geküsst habe«, erklärte ich langsam, damit es auch einem betrunkenen Tim klar war, was genau ich meinte.
»Ach, geht er dir wohl nicht mehr aus dem Kopf und du wirst jetzt plötzlich schwul?«, witzelte er und ich seufzte genervt auf. Abgesehen davon das ich ja ohnehin schon auf beide Geschlechter stand, wollte ich einfach nur aus Neugier wissen wer es gewesen war, da es mich tatsächlich interessierte. Er schien kein Problem damit gehabt zu haben mich zu küssen, obwohl er vermutlich nicht einmal schwul war, und er hatte es auch nicht wegen dem Geld getan... sondern einfach so? Aber warum?
»Als ob ich schwul werden würde. Ich will mich dafür entschuldigen, dass ich es so rausgezögert habe obwohl es ihm sicher nicht gefallen hat. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, was mit mir los war... vielleicht hab ich doch schon mehr getrunken, als ich gedacht habe.« Letzteres war zwar eine glatte Lüge, da ich von ein paar Bier nun nicht gleich betrunken wurde, aber das musste Tim ja nicht wissen. Außerdem fragte ich mich ja selbst schon, warum ich den Kuss dann hinausgezögert hatte, wenn ich noch so gut wie nüchtern war. Das war sonst eigentlich nicht meine Art und vor allem nicht bei fremden Personen die ich gar nicht kannte.
»Ich weiß auch nicht, bin ja nicht die Auskunft. Unter der Schminke kann man sowieso kaum jemanden erkennen, aber so dünn wie der war und so auffällig wie sein Kostüm ist müsstest du ihn ja recht schnell noch finden.« Mit einem Zug leerte Tim den Rest seiner Dose und erhob sich dann, verschwand in der tanzenden Menge. Ich blieb noch kurz sitzen und überlegte wo ich „das Skelett" wohl am ehesten finden würde.
Mit einem Seufzen holte ich mir zwei Dosen Cola und machte mich auf dem Weg in den Kellerraum, einfach um zu sehen ob dort noch alles heil war. Einen Teil des Kellers hatten meine Eltern zu einem Zusatzzimmer ausgebaut, wo jede Menge empfindliches Technisches Zeug drin stand, welches ich sicherheitshalber lieber in einen verschließbaren Schrank getan hatte, damit niemand es kaputt machen konnte.
Zu meinem Glück war der Kellerraum nicht so voll wie das Wohnzimmer und wesentlich ruhiger, der Schrank war noch heil. Ich verzog mich wieder nach oben und hielt kurz inne, als ich aus den Augenwinkeln bemerkte das jemand oben auf meiner Treppe saß.
Es war doch tatsächlich der unbekannte Typ von vorhin... nur, warum saß er auf der Treppe?
»Hey«, sagte ich und er schaute auf. Er sah wirklich aus wie ein Skelett, zumal sein schmales Gesicht und die hohen Wangenknochen perfekt von der Schminke betont wurden, es war beeindruckend.
»Darf ich mich setzen?«
»Das ist schließlich dein Haus, als ob du von mir eine Erlaubnis bräuchtest.«
Ich ließ mich neben ihn auf die Treppe fallen und reichte ihm dann die zweite Dose Cola. Er betrachtete sie zögernd, dann stellte er seine Dose auf die Stufe über uns und nahm die Cola entgegen.
»Wer hat dich eigentlich so hergerichtet? Es sieht mega cool aus«, versuchte ich den lahmen Versuch irgendwie eine Konversation zu starten und erschaute mich schulterzuckend an.
»Mike, er müsste in deinem Jahrgang sein, wenn du ihn kennst.«
Natürlich kannte ich Mike, wer tat es nicht? Mike gehörte zu meinen Schulfreunden und war auch einer von den Leuten, die von Natur aus einfach gut ankamen und beliebt waren. Plötzlich fiel bei mir auch der Groschen und mir wurde endlich klar, wer da vor mir saß: Ash, einer der beiden besten Freunde von Mike, mit denen er in seiner Pause ständig rumhing.
»Dann bist du Ash, richtig?«
»Woher kennst du meinen Namen?«
»Du, Mike und Takumi ihr bildet doch so ein Dreiergespann, oder etwa nicht? Schade eigentlich das Takumi nicht hier ist, aber ich glaube nicht, das er je wieder auf eine Party kommen wird auf der ich ebenfalls anwesend bin.« Die Sache mit Takumi war eine dieser peinlichen Geschichten gewesen und zu einem Großteil war er auch der Grund, warum ich nur ungern etwas mit Leuten aus der Schule anfing... es war nicht gerade angenehm ständig einer Person über den Weg zu laufen mit der man eine Nacht verbracht hatte und von der man nicht wusste, ob er es überall rumerzählen würde oder nicht. Glücklicherweise schwieg er darüber, aber aus dem Weg ging er mir trotzdem.
Ash schaute mich stirnrunzelnd an, dann seufzte er und trank die Cola aus. Ich fragte mich, wie er wohl unter der Schminke so aussah... ich konnte mich plötzlich nicht mehr daran erinnern, obwohl ich ihn schon oft von weitem zusammen mit den anderen beiden gesehen hatte.
»Warum sitzt du eigentlich hier auf der Treppe?«
»Weil es ruhiger ist.«
»Warum bist du hier, wenn du die Menschen da unten nicht leiden kannst?«, fragte ich weiter und er verdrehte die Augen.
»Weil ich es versprochen habe.« Bevor ich mir überlegen konnte, was ich noch fragen könnte, erschien Mike am Ende der Treppe und schaute mit großen Augen zu Ash auf.
»Ash? Wollen wir nach Hause?«
»Ja bitte. Ich komme gleich.« Ash trank noch die Dose Bier aus, dann erhob er sich.
»Wir sehen uns bestimmt mal wieder Chris«, sagte er, dann war er auch schon verschwunden.
DU LIEST GERADE
Broken Mirrors (BoyxBoy/Yaoi)
Novela JuvenilPhoenix - genannt Ash - ist ein ganz normaler Junge. In seinem Leben ist nicht alles perfekt, aber er hat gelernt die meisten Dinge hinzunehmen und damit umzugehen. Anders ist Chris. Obwohl er nach Außen hin selbstbewusst und stark wirkt und man nic...
