Ich wage es kaum, Felix anzusehen. Jedes Mal, wenn ich nur an ihn denke, durchzuckt mich dieser ungeheure Schmerz, die Trauer und die unbändige Wut auf Voldemort und Bellatrix Lestrange. Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, den anderen Englisch beizubringen.
"Isch 'eiße Fleur", sagt Fleur langsam. Ich nicke, obwohl ihre Aussprache katastrophal ist.
"Isch freue misch serr, 'ier sein su dürfen", fährt sie fort. "'Ogwarts ist serr schön." Hannah sitzt daneben und kann sich vor Lachen kaum halten. Sie kann, weil ihr Vater in Australien lebt, recht gut Englisch, obwohl ihr "'Ogwarts" genauso klingt wie das von Fleur.
"Du mich auch, blöder Buchstabe", schimpfte sie gestern und versuchte vergeblich, ein 'H' auszusprechen. Der Großteil des siebten Jahrgangs hat mich um Hilfe beim Lernen der englischen Sprache gebeten. Der Rest kann diese entweder schon oder ist zu eitel, um jemanden um Hilfe zu bitten.
Felix fragt mich, ob wir gemeinsam ins Dorf wollen. Ich weiche aus. Behaupte, ich hätte Fleur versprochen, mit ihr zu lernen. Es tut weh, ihn anzulügen. Aber - so mein Gedanke - wenn ich mich von ihm entferne, kommt die Situation auf dem Astronomieturm vielleicht gar nicht zustande. Ich weiß, dass es sinnlos ist. Aber ich werde den Gedanken nicht los, dass ich es verhindern kann. Es. So bezeichne ich das, was passieren wird, inzwischen. Ich will es nicht wahrhaben. Ich kann es nicht wahrhaben. So oft habe ich mir ein Leben nach dem Abschluss ausgemalt, zurück nach England, gemeinsam mit Felix. Er beim Ministerium, ich im St. Mungo. Vielleicht, mit Glück, eine Wohnung in der Winkelgasse. Kinder, zwei oder drei, und wenn sie erwachsen sind, vielleicht Reisen in weit entfernte Länder, nach Indien, Brasilien, Neuseeland, Südafrika ... Ich habe von einem schneeweißen Hochzeizskleid geträumt, schlicht, ohne Rüschen, aber mit langer Schleppe.
Alles in Luft aufgelöst. Puff, weg. Ich blicke abwesend aus dem Fenster.
"Hörst du mir eigentlich zu?", fragt Fleur entrüstet.
"Tut mir leid", sage ich. "Was hast du gesagt?" Und Fleur fängt von neuem an, ihre englischen Sätze vorzulesen. Ich korrigiere mechanisch ihre Fehler. Ich verbessere die ersten Sätze, die sie auf Englisch geschrieben hat, ohne wirklich zu lesen, was dort steht. Ich kann mich kaum konzentrieren.
Schließlich halte ich es nicht mehr aus, die Luft ist auf einmal zu dick und zu warm.
"Reicht jetzt", unterbreche ich sie. "Wir machen am Samstag weiter."
"Aber ich war mitten im Satz! Wir haben noch nicht mal die Hälfte von dem, was wir heute machen wollten", beschwert Fleur sich.
"Ich brauch frische Luft", bringe ich hervor und verlasse im Laufschritt die Bibliothek. Draußen lehne ich mich gegen eine Mauer und atme tief durch. Wind weht mir ins Gesicht und zerzaust meine Haare. Ich störe mich nicht daran, sondern genieße die kalte Luft. Der September neigt sich dem Ende zu, und das Wetter wird langsam frisch, auch wenn es in England um diese Zeit schon viel kühler ist. England ... Hogwarts. Ich konzentriere mich auf den Gedanken. Ich erinnere mich an alles, was Hogwarts als Zuhause für mich ausmacht. Minerva, die ich als kleines Kind immer "Nera" nannte, weil ich ihren Namen nicht aussprechen konnte. Später war daraus "Tante Nera" geworden. Pomona, die früher die einzige war, die mich beruhigen konnte, wenn ich einen Wutanfall hatte. Grandpa, der mich durch die Luft wirbelte und mich durchkitzelte, bis ich nicht mehr lachen konnte. Peeves, der mit vollem Einsatz versuchte, mich zu ärgern, während ich mich über ihn einfach nur schieflachte. Madam Pince, die mir jedes Buch vorlas, wenn ich ihr nur ein wenig Schokolade aus Hogsmeade mitbrachte. Die Hauselfen, die mit mir spielten, wenn mir langweilig war. Hagrid, der mich auf seinen Schultern reiten ließ oder mit Fang und mir fangen spielte. Ich denke zurück an Schachabende mit Minerva, als ich älter wurde. Sie gewann immer, aber ich gab nie auf. Mein erster Versuch, auf einem Besen zu reiten. Ein Komet zwei-sechzig. Madam Hooch half mir ein wenig, und als ich mit Hilfe etwas besser wurde, ließ sie diese bleiben - nach einer Minute fing der Besen an zu schlingern, mir wurde schlecht und ich musste landen.Die Wochen sind schwer. Ich schleppe mich durch den Unterricht, starre aus Fenster, statt mich zu melden, kassiere böse Blicke von Lehrern. Zwei Wochen nach meinem Traum zitiert Madame Belle mich nach dem Unterricht in ihr Büro. Sie hatte uns in der Stunde wieder duellieren lassen und meine Leistung war katastrophal gewesen. Ich hatte fast sofort verloren.
"Setz dich", sagt sie und legt ihre Brille beiseite. Ich setze mich zögerlich auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch. Sie nimmt ihre Brille ab und blickt mich ernst an.
"Ich denke, du weißt, warum du hier bist?", fragt sie. Ich nicke langsam.
"Meine Leistung ist gesunken", antworte ich. Meine Hände habe ich im Schoß verknotet. Sie sind kalt und schweißig. Madame Belle nickt.
"Und zwar nicht wenig. Du bist eine sehr gute Schülerin, Clara. Eigentlich gehörst du zu den besten von allen." Sie seufzt. "Ich habe dich in den höchsten Berufen gesehen, es wäre sogar möglich für dich, einmal Ministerin zu werden. Aber wenn du so weitermachst wie jetzt..." Ich senke den Blick auf meine verschränkten Hände.
"Sieh mich an." Ich hebe den Kopf. Die braunen Augen meiner Lehrerin sind sanft. "Es ist etwas emotionales, oder?" Ich nicke und blinzele die Tränen weg, die sich in meinen Augen sammeln. "Ich bin nicht mehr deine Jahrgangsbeauftragte, Clara", spricht sie weiter. "Aber ich möchte sehen, dass es meinen Schülern gut geht. Möchtest du mir sagen, was los ist?" Ich schlucke und schüttle den Kopf. Ich kann nichts hervorbringen. Ein dicker Klotz in meinem Hals scheint meine Stimmbänder zu blockieren. Madame Belle schweigt. Sie öffnet eine kleine Dose und schiebt sie mir hin. Darin befinden sich Kekse. Ich muss fast lächeln. Minerva hat ebenfalls stets eine solche Dose mit Keksen auf ihrem Schreibtisch stehen. Ich löse meine Hände. Sie zittern heftig. Ich nehme mir einen der Kekse. Er schmeckt nach Zimt und Ingwer.
Dann bricht alles aus mir hervor. Unter Tränen erzähle ich von meiner Gabe, von meinem Traum. Von dem schrecklichen Gefühl, dass ich selbst Felix töten würde, obwohl es Bellatrix ist - ich steckte im Traum nur in ihrem Körper. Madame Belle hört mir schweigend zu. Ihr Blick ist mitfühlend. Ehrlich mitfühlend. Ich vertraue ihr.
"Ich verstehe", sagt sie langsam, als ich geendet habe und mir die Tränen von den Wangen wische.
"Es tut mir furchtbar leid, Clara", fügt sie nach ein paar Sekunden hinzu "Kann ich in irgendeiner Weise helfen?". Ich schüttle den Kopf.
"Sie können nichts tun, genauso wenig wie ich", antworte ich. "Es ereignet sich immer genauso wie ich es geträumt habe."Nach dem Gespräch mit ihrer Schülerin sitzt Marian Belle, Professorin für Verteidigung gegen die dunklen Künste, noch lange nachdenklich an ihrem Schreibtisch. Sie hat Clara ursprünglich zu sich geholt, um sie zu ermahnen, um den berühmten strengen Blick aufzusetzen. Aber dann sah sie die Augenringe. Die zitternden Hände und den Schmerz in Claras Blick, und das plötzliche Sinken der Leistung war verziehen. Sie kennt den Schmerz, die Schlaflosigkeit. Sie weiß, wie dieser Kummer sich anfühlt. Sie denkt an den Grabstein mit dem Namen ihres Mannes, an ihre zwei Töchter, die das Jahr über bei ihrer Schwester unterkommen. Ja, sie kennt den Schmerz nur zu gut.
Ich versuche, mich zusammenzureißen. Ich richte meine Gedanken mit aller Kraft auf meine Aufgaben.
Felix scheint zu ahnen, dass ich etwas vor ihm geheim halte. Er sieht mich oft mit einem so traurigen Blick an, dass ich jedes Mal kurz davor bin, ihm alles zu erzählen. Aber ich will ihn damit nicht belasten. Ich tue, als sähe ich den Blick nicht. Ich weiche aus. Entschuldige mich mit Hausaufgaben. Behaupte, Jendrik und ich hätten noch so viel zu tun, ich dürfe ihn nicht sitzen lassen. Wie lange hat Felix mich schon nicht mehr umarmt. Wie lange schon sind wir nicht mehr gemeinsam am Waldrand spazieren gewesen. Es tut mir im Herzen weh.
Ich halte diese Strategie, mich von ihm fernzuhalten, weitgehend durch. Meine Welt erhellt sich ein wenig, als unsere Reise nach England näher rückt. Jüngere Geschwister dürfen mitkommen - niemand weiß, wieso. Meine Mutter wird mitkommen. Sie hielt mich nach einer Astronomiestunde auf, um es mir zu sagen. Halb lächelnd, halb weinend blickte sie mich an.
"Ich muss mich wohl bei ihnen allen entschuldigen. Vor allem bei Albus -" sie stockt kurz, "bei Dad." Dieses eine, kleine Wort bewirkt, dass ich alles vergesse, was sie gesagt und getan hat, und sie in den Arm nehme. Sie weiß noch, dass sie eine Familie hat. Und ein Zuhause.
"Wir gehen nach Hause", sage ich leise, als ich sie loslasse. Sie nickt. Ich nehme meine Tasche und gehe zur Tür. Im Rahmen drehe ich mich noch einmal zu ihr um.
"Mum."
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Mein magisches Leben und ich (Harry Potter FF) ✔️
FanfictionDieses Buch erzählt die Geschichte von Clara Cecily Dumbledore, Albus Dumbledores Enkelin. Schon zu Anfang ihrer Schulzeit in Hogwarts ist sie zusammen mit ihrer besten Freundin Liana Sphinx die Beste ihres Jahrgangs und wird deswegen in den Süden F...