71. Kapitel

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Als Arièlle vom Tod ihres Zwillingsbruders erfährt, will sie es erst nicht glauben. Als sie aber begreift, dass es die volle, schonungslose Wahrheit ist, die sie da von Grandpa hört, sackt sie bewusstlos in ihrem Stuhl zusammen. Stella ist zu geschockt, um sich regen zu können. Sie sitzt starr auf ihrem Stuhl, die großen Augen vor Schreck geweitet. Ein paar von bedrücktem Schweigen gefüllte Minuten darauf rauscht es im Kamin und Stephanie Rougier kommt heraus. Da erst kommt wieder Bewegung in die Kleine.
"Maman", flüstert sie und stürzt sich weinend in die Arme ihrer Mutter. Steffis Augen sind gerötet vom Weinen. Ariélle regt sich wieder und hemmungslos schluchzend vergräbt sie ihr Gesicht in ihren Händen. Auch ich kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Mein Kopf kann es noch nicht ganz begreifen, aber mein Herz hat es schon getan und das reißt es in Stücke. Steffi zieht mich in eine Umarmung. Grandpa sitzt hinter seinem Schreibtisch. In seinen Augen glitzern ebenfalls Tränen. Er mochte Felix, sehr sogar.
"Warum er?", fragt Arièlle immer wieder. "Warum gerade Felix?" Die Frage kann ihr niemand beantworten.
Der Schmerz ist wieder da. Schonungslos, heftig, alles einnehmend ist er plötzlich wieder da, schlimmer als je zuvor.
Felix, lachend, wütend, strahlend, tanzend, fliegend, lebend. Mit Augen, die man nicht vergisst, weil sie so hell sind, und einem ungeheuren Talent für Quidditch. Seine Küsse, seine Umarmungen. Seine Stimme und sein Geruch. Das alles - nie wieder?
Arièlle und Stella reisen mit Steffi nach Frankreich zurück. Sie beide werden erst im nächsten Jahr mit der Schule weitermachen. Grandpa stimmt mir zu, als ich ihn bitte, es so wenigen wie möglich zu berichten. Mein Jahrgang soll es erfahren, alle Lehrer und sonst niemand. Felix wird im kleinsten Familienkreis auf einem Friedhof etwas außerhalb von Saint Malo begraben werden.

Am Abend des Weihnachtsballes sitze ich zusammengesunken auf der Fensterbank meines Zimmers und starre nach draußen. Ich will nicht zum Ball. Wozu? Alles würde mich an Felix erinnern. Ich kann längst nicht mehr weinen, aber mein Herz tut es. Es weint, es blutet, es bricht auseinander. Ich würde mich jetzt gemeinsam mit den anderen Mädchen fertigmachen. Meine Haare hochstecken. Das orange Kleid anziehen. Die schwarze Stola von Sarah und die Schuhe. Wir würden zusammen zur Großen Halle hinuntergehen. Felix würde dort auf mich warten, in dem nachtblauen Anzug, den er getragen hat, als wir im Raum der Wünsche miteinander tanzten. Auch heute würden wir tanzen, stundenlang. Butterbier trinken. Witze reißen. Bis tief in die Nacht hinein.
So sollte es sein. So wäre es.
Aber so ist es nicht.
Ich sehe mir noch einmal den Brief an, den ich bei seinen Sachen gefunden habe, an mich adressiert.

Liebste Clara,
Ich schreibe diesen Brief an dich am Morgen des 21. Dezembers 1994.

Der Tag, an dem ... es passierte. Als hätte er es vorher gewusst.

Ich konnte nicht wieder einschlafen, nachdem ich gegen Mitternacht aufgewacht bin, also sitze ich jetzt hier auf meinem Bett und schreibe, während alle schlafen. Auch an meine Schwestern und meine Mutter habe ich Briefe geschrieben. Sei so lieb und gib sie ihnen, wenn ich nicht mehr da bin.
Chérie, ich habe mich damit abgefunden, dass ich bald sterben werde, vermutlich sogar in nicht allzu ferner Zukunft. Aber du sollst wissen, dass ich dich liebe. Ob ich da bin oder nicht, das spielt keine Rolle, denn in deinem Herzen werde ich immer bei dir sein.
Und du sollst wissen, dass ich will, dass du dein Leben so lebst, wie du es in den letzten Wochen getan hast. Du sollst lachen, du sollst leben und du sollst lieben. Vor allem letzteres. Du sollst einen Mann finden, der dich glücklich macht, chérie, vielleicht einen dieser rothaarigen Zwillinge oder Jendrik oder jemand ganz anderen. Du sollst dich verlieben, eine Familie gründen und glücklich sein. Du bist stark, ma chérie, ich weiß das. Du kannst alle Hindernisse überwinden, die man dir in den Weg stellt; ich weiß, dieses hier ist besonders hoch und kompliziert.

Kompliziert, ja ... kompliziert ist gut.

Du kannst alles schaffen, auch wenn es seine Zeit in Anspruch nimmt.
Ich sehe dich von hier aus schlafen. Dein Gesicht sieht so friedlich aus, voller Ruhe und Gelassenheit. Du wirkst wie ein kleines Mädchen, wenn du schläfst. Deine Haare kräuseln sich und umrahmen sanft dein Gesicht, sodass es weich und lieblich aussieht.
Merlin, bin ich kitschig. Sollte ich vielleicht eine Karriere als Dichter einschlagen?
Schau in den Briefumschlag, chérie. Dort liegt ein Geschenk für dich. Behalte es bei dir, ich hoffe, es passt.

 Mein magisches Leben und ich (Harry Potter FF) ✔️Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt