Nachdem ich das Frühstück abgeräumt und alles weggespült habe kommt unser zweiter Koch. Er hätte eigentlich Urlaub gehabt, springt aber für seinen erkrankten Kollegen ein. Ich bin ihm so dankbar dass ich nicht den ganzen Tag kochen muss. Mein Onkel kommt zu uns sagt mir dass ich den Archäologen Getränke und Kleine Erfrischungen in den Konferenzraum reichen soll. Davor habe ich eine kleine Verschnaufpause um mich zurecht zu machen.
Ich nehme mir schnell ein Ei als Frühstück und Schlinge es auf den Weg in mein Zimmer herunter. Rasch springe ich unter die Dusche und betrachte mein Gesicht im Spiegel. Leider sieht man den Handabdruck und die Krallenabdrücke richtig heftig in meinem Gesicht. Kein Wunder dass die Ohrfeige so lange geschmerzt hat. Ich trockne mich ab, putze meine Zähne und ziehe mir ein sauberes Kostüm an und fange dann an die Verletzung zu überschminken. Ich lege noch Lidschatten auf und nehme Lippenstift. Meine Haare flechte ich zu einem dicken Bauernzopf. Ein letzter Blick in den Spiegel zeigt dass ich wieder eine adrette Erscheinung bin.
Dann begebe ich mich indem Konferenzraum und verteile an die Anwesenden Herrschaften die Getränke und Snacks. Staunend lausche ich den Vorträgen. Die Archäologenhaben erörtern ihre Theorien über unsere Geschichte. Es ist sehr interessant was sie herausgefunden haben. Zum Glück haben sie wenig Ahnung von den echten Geheimnissen unseres Volkes. Dann lausche ich gebannt ihren Plänen in die Pyramiden einzudringen. Ihr Vorhaben ist lebensgefährlich. Eigentlich sollte ich nun meiner Mutter Bescheid geben dass sie mit ihren Wächterinnen die Archäologen daran hindert den Schlaf der Pharaonen zu stören. Irgendwann bemerke ich wie Jones mich beobachtet. Er hat ein leichtes Lächeln im Gesicht und als ich ihn bemerke kommt er zu mir. „Du verfolgst die Vorträge gebannt. Interessiert dich das Thema?" fragt er mit seiner unglaublich tiefen und heiseren Stimme. Ich nicke und schaue ihn an. „Es ist faszinierend was sie alles wissen!" sage ich. Jones lächelt und setzt sich neben mich um den weiteren Vorträgen zu lauschen. Ich frage ihn leise ob er auch einen Vortrag halten wird. Er schaut mich an und sagt begeistert: „Ich würde gerne über das was du mir gestern erzählt hast referieren." Entsetzt starre ich ihn an und dann bettle ich dass er es lässt. „Bitte nicht!" flehe ich. „Ich hätte Dir dieses Wissen niemals anvertrauen dürfen. Bitte breite es nicht weiter aus!" Jones schaut mich erstaunt an, nickt dann aber.
Natürlich muss ich nach dem Abendbrot noch die Tischdecken mangeln. Diese Arbeit ist zum Glück nicht schwer. Als ich fertig bin gehe ich nach draußen um meine Mutter anzurufen. Ich setze mich unter meinen Lieblingsbaum und tippe ihre Nummer. Sie geht zum Glück sofort ran und ich erzähle ihr was wir hier für Gäste haben. Sie sagt dass mein Onkel sie schon unterrichtet hätte. Doch ich muss ihr Beichten dass ich mich verplappert habe und unsere Sprache einem der Gelehrten beigebracht hätte. Mutter zieht mich durchs Telefon. Sie erklärt was ich für ein unglaublicher Dummkopf ich denn sei. Natürlich fragt sie ob ich noch andere Geheimnisse preis gegeben hätte. „Ja!" antworte ich unter Tränen. Was denn alles?" faucht sie und stünde ich vor ihr würde sie mir wahrlich die Augen auskratzen. „Alles" piepse ich und muss nun laut schluchzen weil sie mich verstößt. „Du kannst keine Hüterin werden wenn du nichts hütest! Wehe du kommst mir unter die Pfoten! Ich werde dich in der Luft zerreißen! Sei gewarnt!" faucht sie und ich weiß dass ich einen riesigen Fehler begangen habe. Als sie aufgelegt hat nicht ohne zu betonen dass sie mich nie wieder sehen will ziehe ich die Beine an, lege meine Arme um die Beine und schluchze meinen Kummer gegen meine Knie. Ich bin so ein Esel! Wieso habe ich Mutter nur von meiner Dummheit erzählt? Ich hätte mir erst meinen Lohn abholen sollen. Jetzt sollte ich mich schleunigst aus dem Staub machen und fliehen. Mutter wird garantiert bei meinem Onkel anrufen damit der mich umbringt. Noch während ich mich meinen trüben Gedanken hingebe setzt sich jemand neben mich und legt mir einen Arm um meine Schulter. Erschrocken schaue ich auf und es ist Jones. Der schaut mich ernst an und fragt nach meinem Kummer. Ich erkläre ihm mein Leid und dass ich nun mittellos besser gestern als heute fliehen sollte. Ich glaube kaum dass Jones mein Gejammer nachvollziehen kann aber er weiß genau was mir passiert ist. Mit großen Augen schaue ich ihn an. „Meine Familie kann auch nicht nachvollziehen dass mir das überlieferte Wissen nicht ausreicht, dass ich weiter schauen möchte als bis zum eigenen Tellerrand. Sie verstehen nicht das Wissen nicht dazu da ist gehütet zu werden sondern um benutzt zu werden. Die Wahrheit ist kein Zustand sondern die Suche, die Wahrheit verändert sich mit den Menschen die sie suchen. Vergräbt man sein Wissen zerstört man die Wahrheit." sagt Jones. Ich schaue Jones an und weiß dass er Recht hat. Aber was nützt das mir? „Komm mit mir mit auf diese Expedition!" bittet er. „Du kennst dich aus und wirst uns helfen dass wir auf der Suche nach den Schriften des Ra nicht unser Leben lassen." Ich schaue ihn an. Soll ich es wagen und noch weiter zur Verräterin an dem geheimen Wissen werden? Aber ich glaube fest dass er Recht hat und die Wahrheit und das Wissen nicht dazu da ist in irgendwelchen Gräbern zu liegen sondern sie ist dazu da gelesen und gedacht zu werden. Zögerlich nicke ich. Und dann verrate ich meine Familie. Ich erzähle von den Baw- Hemet, den Wächtern und von dem was sie bewachen. „Wenn wir die Expedition dort hin führen dann sind wir tot." erkläre ich ihm. Jones und ich überlegen uns dass wir die Expedition wie geplant zu den üblichen kleineren Kultstätten führen und ohne die anderen, hoffentlich unbemerkt von den Wächtern zum Tempel des Ra gehen um dort seine Wahrheit und sein Wissen zu erfahren. Ich schaue den jungen Mann vor mir interessiert an: „Wer bist du und warum vertraue ich dir?" frage ich ihn verwundert. Er schaut mich intensiv an dann sagt er: „Mein Name ist Sebastian Jones. Ich bin ebenfalls ein Hüter der Wahrheit. Nicht hier, meine Familie lebt in Kanada, stammt aber aus Nordeuropa. Ich habe mich aber von Ihnen gelöst weil ich mehr als Hüter vom Wissen sein will. Ich möchte auch die Wahrheit und das Wissen der anderen Völker erfahren. Es ist so unglaublich spannend das kannst du dir gar nicht vorstellen. Darum habe ich Archäologie studiert um möglichst viel über die Vergangenheit zu lernen. Und zwar aus den verschiedenen Völkern." Ich schaue den Jungen vor mir ganz genau an. Er ist hoch gewachsen und sehr muskulös. Er ist ein Riese und ich frage mich ob er in seiner Heimat auch als groß gilt oder ob da alle Menschen so groß sind. Seine Haare sind schwarz und sehr dicht. Struppig stehen sie von seinem Kopf ab. Seine Augen sind bernsteinfarben und wirken warm. Seine Haut ist hell sein Gesicht ist unglaublich schön. Seine Nase ist gerade und lang, seine Wangenknochen hoch und das Kinn markant. Er gefällt mir ausgesprochen gut. Verlegen schaue ich weg. Solche Gedanken sollte ich besser nicht denken. „Wie heißt du eigentlich?" fragt er mich und ich verrate ihm dass ich Netjeret heiße. „Schöner Name!" sagt er und lächelt verlegen. Ich grinse schief und dann höre ich den Ruf meines Onkels. „Netjeret! Komm sofort her!" Ich erschaudere und dicke mich tiefer in den Schatten des Baumes. „Lass uns fliehen!" sagt Sebastian leise weil die Stimme meines Onkels wirklich bedrohlich klingt.
