Der Fremde schaut uns mit großen Augen ängstlich an. Eigentlich schaut er Sebastian ängstlich an und mich verwundert. „Gehört ihr zu den Geistern?" fragt er unsicher. „Sehen wir aus wie Geister?" frage ich.Der Junge schüttelt seinen Kopf. „Ihr seht aus wie Wächter aber ich kenne euch nicht." sagt er. „Wir waren Wächter." sagt Sebastian. „Ich in Norwegen und sie in Ägypten. Doch jetzt sind wir Archäologen. Wir wollen mehr über die Menschheit erfahren. Über unseren Tellerrand schauen und den Wahrheiten der Völker auf den Grund gehen." „Ihr wollt nicht unsere Schätze rauben?" fragt der Junge unsicher. „Nein!" sagt Sebastian bestimmt. „Wir wollen mehr über das Leben der Maya herausfinden. Wir wollen wissen wie sie die Welt gesehen haben." Warum?" fragt der Junge. Sebastians Augen leuchten und er erklärt dem Kater seine Philosophie. Der Junge, der sich als Xamenek vorstellt nimmt uns mit zu seinem Dorf. Unterwegs erklärt er uns dass sein Volk einst die Kultstätten der Maya vor den Azteken bewacht hätten. Doch als die Spanier mit ihren Vampiren gekommen seien wurden fast alle Kultstätten zerstört. Die Schriften verbrannt, die Abbilder der Götter zerbrochen und die Heiligtümer geschliffen. Die Vampire waren in der Lage die Kuchi Kudao, also die Wächter, in ihren Verstecken aufzuspüren und zu töten. Bis die Vampire kamen hätten sie keine tödlichen Feinde gehabt. Kuchi Kudao könnten sogar mit den Göttern streiten. Doch nun bewachen die Kuchi Kudao nur noch selten etwas. Die meisten Opfern ihr Leben um gegen die Vampire zu kämpfen die Mexico fest im Griff haben und die Bewohner Knechten. Seine Großmutter kämpft an vorderster Front gegen die Blutsauger. Sie eint als Santa Muerte das Volk um sich gegen die Herrschaft der Eindringlinge zu wehren. Und einer der Geister (wie sie die Vampire hier nennen) schleicht schon seit ein paar Tagen um unser Lager herum.
Als wir in Xameneks Dorf ankommen müssen wir mehrfach hin schauen um überhaupt ein Dorf zu erkennen. Die Jaguare sind Einzelgänger, so wie meine Verwandten. Sie sind eine Zweckgemeinschaft die ein gemeinsames Ziel verfolgen. Die Jaguare leben alle alleine. Sie treffen hier aufeinander um sich zu versammeln. Xamenek führt uns in den Versammlungsraum und läutet eine Glocke. Nach und nach kommen Xameneks Verwandte. Sie betreten den Raum lauernd und sie beobachten die anderen. Als würden sie fürchten dass sie sich gegenseitig angreifen würden. Ich schätze mal dass wir zu Hause ähnlich auf Fremde wirken. Ich muss mich ja auch ständig vor meinen Cousinen in Acht nehmen. Sebastian schaut sich entsetzt um. Seine Familie schenkt ihm Vertrauen. Er rauft und zankt ständig mit seinen Cousins weil er weiß dass sie ihm nicht das Genick brechen wenn er mit ihnen spielt. Hier ist das anders. Die Katzen halten Abstand und beäugen sich wachsam. Doch als eine schwarze Pantherin den Raum betritt verändert sich die Stimmung. Alle scheinen sich zu entspannen. Sie sacken minimal in sich zusammen und atmen aus. Ihre wachen Augen verengen sie zu Schlitzen und sie blinzeln. Die Frau die dies bewirkt ist Santa Muerte, bei ihrem Volk auch Ixchel genannt. Sie hasst die Geister und ihre Schreckensherrschaft. Sie lässt sich von den einfachen Menschen als Göttin des Todes verehren und hilft bei Ungerechtigkeit. Sie und ihre Sippe helfen handfest. Mord wird unmittelbar gerächt, ungerechte Behandlung ebenso. Santa Muerte und ihre Jaguare sind so eine Art Polizei. Sie ahnden aber mehr als gesetzliches Unrecht. Auch bei emotionalem Unrecht mischen sie sich ein. Ich schaue sie an und frage: „Wer bewacht die Wächter?" Mir erscheint es nämlich keineswegs als sinnvoll das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen und es einer einzigen Gruppe ohne den Hauch einer Chance auf Überprüfung den Stempel der Guten aufzudrücken. „Wer diese verdammten Vampire und ihre unerträgliche einzige Wahrheit in ihre Schranken weist ist per Definition einer der Guten." Erklärt mir Santa Muerte als sei ich ein zurückgebliebenen kleines Kind. Ihre Jaguare schnurren zustimmend. Nein!" rufe ich aufgeregt. Ich stelle mir vor wie sie den unschuldigen Peter oder die kleine Lorie eliminieren und sich dabei auch noch im Recht wähnen. „Ihr müsst euch überprüfen! Auch unter den Vampiren gibt es durchaus liebenswerte Geschöpfe!" Sebastian bestätigt dies. „Ja, wir haben sogar Freunde unter den Blutsaugern!" erklärt er eifrig. „Nicht alle sind schrecklich. Natürlich ist vieles von dem was sie tun schlimm. Aber wir müssen ihre Ideen bekämpfen, nicht ihre Körper!" Santa Muerte schaut uns an als seien wir übergeschnappt. „Was haben sie euch für eine Gehirnwäsche verpasst dass ihr so etwas sagt?" „wir finden dass niemand unfehlbar ist und dass jeder, selbst die Vampire mehrere Facetten haben. Schau dich an! Ixchel! Du hast so viele Facetten. Du wurdest einst als Mond und Wassergöttin verehrt, du bist Ehefrau und Mutter, Spenderin des Lebens und nun auch Hüterin des Todes. Es gibt mehr auf dieser Welt als deine Wahrheit. Es gibt mehr Recht als dein Recht! Bitte vergiss nicht dass alles im Fluss ist, alles in Beziehung steht. Du kannst nicht alleine unfehlbar sein." Sebastian schaut Santa Muerte mit blitzenden Augen an. Ich erkenne dass er ihr mitten in die Seele getroffen hat. Er hat Recht aber das kann sie nicht zugeben. „Werft sie in das Loch!" sagt sie und faucht drohend. Wir werden grob gepackt und mit nach draußen gezerrt. Vor einen Schacht halten unsere Häscher an. Sie stoßen Sebastian in das Loch und ich schreie. Meine Häscher halten mich fest und wollen mich nicht in das Loch werfen. „Ohne diesen Hund kommst du bestimmt zur Besinnung, Kätzchen!" säuselt mir Xamenek ins Ohr. Er lächelt lieb aber mir wird bei seinem Anblick anders. Ich habe jetzt richtig Angst dass sie mich von meiner Sonne trennen. Ich verziehe keine Mine. Ich schaue Xamenek aus verengten Augen an. Die Jaguare sind viel größer als ich und massiger. Ich bin mir sicher dass ich kaum eine Chance gegen die habe wenn ich versuchen würde zu kämpfen. Ich muss etwas finden was ich besser kann als sie. Und es gibt nur eins worauf ich setzen kann: meine Geschwindigkeit. Ich bin kleiner, schlanker und schneller. In der Wüste musst du schnell sein um Beute zu erlegen. Hier ist es von Vorteil stärker zu sein als die Feinde. Ich nicke Xamenek zu und reiße mich von meinen Häschern los. Ich dunkle sie böse an. Xamenek lächelt mir lieb zu. Er sieht eigentlich ganz nett aus. Nur hat er eben meine Sonne in ein tiefes Loch gestoßen. Ich zwinge mich zu einem Lächeln und dann wandle ich mich. Die Wächter außer Xamenek stoßen erstaunte Laute aus. Sie haben nicht gewusst dass ich ebenfalls ein Gestaltwandler bin. Xamenek wird zum Kater und kommt zu mir um seinen Kopf an meinem zu reiben. Es ist eine unmissverständliche Geste. Ich schaue mich um und entdecke die Lücke durch die ich fliehen kann. Ich sprinte so schnell ich kann zu dem Schacht und springe in das dunkle Loch. Irgendwo da unten ist die Liebe meines Lebens.
