Als wir die Kirche betreten fühle ich mich noch unbedeutender. Ich habe gerade einen Gott geweckt aber dieser hier schreit mir alleine durch seine Toten Mauern zu: „Hey, du bist winzig, du bist unbedeutend, du bist nichts wert, verehre mich aber erwarte nicht dass ich mich um dich kümmere." Es ist ein erdrückendes Gefühl in diesem Gebäude zu stehen. Wir laufen ein bisschen in dem riesigen Dom herum und bestaunen den Prunk und Protz der verschiedenen Altäre. Plötzlich zieht mich Sebastian hinter eine der Säulen. Er ist blass und zittert ein bisschen. Er hat offensichtlich Angst. Er schaut vorsichtig hinter der Säule hervor und flüstert: „Siehst du den Mann dort hinten in der Soutane?" Ich werfe vorsichtig einen Blick in die Richtung in die Sebastian zeigt. Dort sind zwei Männer. Ein älterer Herr mit feinen Gesichtszügen und grauem, gescheiteltem Haar. Er schaut auf einen jüngeren Mann mit schulterlangen braunen Haar der sich vor ihn kniet und ihn anzuflehen scheint. Ich nicke Sebastian zu der gegen die Säule lehnt damit er von den Männern nicht gesehen werden kann. Sebastian sagt: „Das ist der oberste der Vampire. Der Urvampir, Viktor Bartholy. Und der Kerl der bei ihm steht ist sein Sohn Nicolae, der Werwolfschlächter! Wenn ich dem über den Weg laufe bringt der mich um! Der hat schon dutzende von uns abgeschlachtet." Sebastian erschaudert. Ich schaue wieder zu den Männern. Nicolae liegt nun fast auf dem Boden und hat den Saum des Gewandes von Viktor in den Händen. Ich sperre meine Ohren auf und ich höre Nicolae flehen: „Bitte, hab Erbarmen Vater! Bitte!" mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Ich kenne diese Stimme. Es ist die engelhafte Stimme aus meinem Traum. Die, die so gebettelt hat. Die Antwort von Viktor ist kalt und unbarmherzig. Er lehnt die Bitte seines Sohnes mit einem kühlen „Nein!" ab. Ohne Güte, ohne Chance auf einen Sinneswandel ohne den Hauch einer Chance dem Bitten seines Sohnes nachzugeben. Viktor geht schnellen Schrittes von dannen und Nicolae bleibt weinend auf dem Boden zurück. Ich würde gerne zu ihm gehen weil ich seine Verzweiflung förmlich spüre. Um mein Herz legt sich bang eine klamme Klaue und drückt zu. Sebastian hält mich jedoch fest. „Geh nicht zu ihm! Bitte! Er ist ein Vampir. Wer weiß was er dir antun wird und ich kann dir gegen ihn nicht helfen!" Ich sehe die Angst in Sebastians Augen und entscheide mich dem Drang zu widerstehen zu Nicolae zu gehen. Ich lehne mich an Sebastians Brust und atme ein paar mal tief ein und aus. „Lass uns in das Museum gehen!" schlage ich vor und Sebastian nickt. Wir verlassen den Sakralbau und begeben uns in das Museum.
Mit Sebastian durch ein Museum zu gehen ist so ziemlich das schönste was man mit Sebastian machen kann. Er kann zu allen Ausstellungsstücken etwas erzählen. Er erzählt voller Inbrunst und die Begeisterung leuchtet aus seinen Augen. Wir brauchen Stunden um zu den heiligen Schriften der antiken Götter zu kommen. Doch die Schriftrollen von Apollo sind verschwunden. Die Vitrine in der sie für gewöhnlich ausgestellt sind ist leer. Das Schloss ist zerbrochen. Wir machen einen Wärter darauf aufmerksam und der winkt ab. „Die Rollen sind in Sicherheit weil das Schloss defekt ist." brummt er und bekommt rote Ohren. „Ah, okay, dann ist ja gut!" sage ich und ziehe Sebastian wieder zu der leeren Vitrine. Wir schauen uns an und Sebastian sagt: „Das war eine offensichtliche Lüge!" Ich nicke und sage: „Ich frage mich warum er gelogen hat. „Riech mal!" sage ich weil ich den selben Geruch wahrnehme den ich im Herzen der Sphinx und bei Yggdrasil gerochen habe. Es ist eine ganz zarte Nuance. Kein bisschen aufdringlich und irgendwie auch angenehm. „Ich rieche nichts!" sagt Sebastian und schnuppert verzweifelt in der Luft. Er geht auf Toilette und kommt als Wolf zurück. Sebastian schnüffelt inbrünstig an der Vitrine und an dem defekten Schloss. Er öffnet sogar die Tür um daran zu riechen. Als er mich ratlos anschaut kommt der Wächter kreischend auf ihn zu. „Keine Hunde im Museum! Hier sind keine Hunde erlaubt!" Ich schnappe mir Sebastian an seinem Nackenfell und ziehe ihn mit nach draußen. „Sorry! Der muss sich losgerissen haben. Ich hatte ihn draußen angebunden!" Lüge ich den Wächter an und gehe mit Sebastian ins Freie. als wir eine unbelebte Ecke erreichen wandelt sich Sebastian zurück. „Soso, du hast mich also angebunden?" sagt er augenzwinkernd. „Stehst du auf so etwas?" Ich grinse ihn an und sage: „Dir ein Halsband umzulegen? Auf alle Fälle!" Sebastian grinst mich an und gibt mir nen Kuss. Als er sich von mir löst schaut er ernst: „Ich habe in dem Museum nichts gerochen. Überhaupt nichts. Entweder hat ein Museumsmitarbeiter die Rollen genommen oder der Dieb riecht nicht." „Der Dieb riecht!" widerspreche ich. „Ich habe seine Spur an allen drei Orten mehr als deutlich wahr genommen. Er riecht nicht intensiv aber er riecht. Es ist kein Unangenehmer Geruch und er ist auch nicht aufdringlich. Außerdem hat er eher verzweifelt als habgierig gerochen. Ich würde es beschreiben so wie Kathy gerochen hat kurz bevor ich losgestürzt bin um ihrem Sohn zu helfen."
Sebastian schaut mich erstaunt an. Er wundert sich dass er den Dieb beim besten Willen nicht riechen kann.
Als wir auf die Uhr schauen wundern wir uns. „Oh, so spät schon!" wie als wäre es ein Zeichen knurrt Sebastians Magen ganz laut. Wir grinsen uns an und schlendern durch die malerischen Gassen Roma um uns ein Restaurant zu suchen. „Hast du Lust auf Pizza?" fragt Sebastian mit leuchtenden Augen. Ich weiß zwar nicht was Pizza ist aber ein Blick in Sebastians begeistertes Gesicht lässt mich nicken. Wir gehen in ein Lokal in dem ein uriger Feuerofen steht. Es ist muckelig warm und ich strahle Sebastian an. Er hat das bestimmt mit Absicht ausgesucht. Er weiß ja wie ich immer friere. Ich bin ihm dankbar dass er immer so rücksichtsvoll mit mir ist. Er behandelt mich richtig liebevoll. Ich fühle dass ich ihm wichtig bin. Das ist eine völlig neue Erfahrung für mich und ich genieße sie in vollen Zügen. Wohlig schnurrend setze ich mich neben ihn. Sebastian legt seinen Arm um mich und ich fühle mich als wäre ich im Himmel angekommen. Ich weiß jetzt wo ich zu Hause bin: genau hier! In Sebastians Armen. Ich brauche keinen Ort um mich sicher und geborgen zu fühlen sondern einen Menschen. Ich schaue Sebastian glücklich an und er gibt mir einen Kuss.
Der Kellner ist so rücksichtsvoll und dreht noch einmal bei. Er kommt erst zu unserem Tisch als wir aufhören uns zu küssen. Sebastian wählt für uns die Pizza und er bestellt einen leckeren Rotwein. Der Abend wird gemütlich und durch den Alkohol auch ziemlich lustig. Pizza wird meine neue Zweitlieblingsspeise neben norwegischen Fisch.
