Ich bemerkte aus den Augenwinkeln, dass Eleanor stehengeblieben war und den Raum nicht verlassen hatte. Das war gut, vielleicht würde sie sich als Dank für meine Rettung gegenüber ihrem Bruder für mich einsetzen. Trotzdem schenkte ich ihr keine weitere Beachtung, weil in diesem Moment ihr Bruder Clemence einfach eine wichtigere Rolle spielte. Vielleicht hatte Lady Eleanor Einfluss auf ihn, vielleicht auch nicht- davon konnte ich es nicht abhängig machen, es hing zu viel davon ab.
Als der Lord seine ersten Worte an mich wandte, glaubte ich neben der Kühle von zuvor auch eine leichte Amüsiertheit herauszuhören. Aber warum? Weil ich ein so großes Risiko einging und damit bewies wie wichtig mir der Job bei den Leightons war? Weil ich so verzweifelt war? Als ich mich aufgerichtet hatte, überragte Clemence mich um ein paar wenige Zentimeter, was mich in diesem Moment irgendwie ärgerte. Sogar wenn wir uns einfach nur gegenüberstanden, blickte er auf mich herab. Ich war nicht gerade der größte Riese, aber ich war auch nicht der kleinste. Ich nickte knapp, mein Gesichtsausdruck voller Entschlossenheit, wobei ich mich anstrengen musste mein Gesicht nicht dabei vor Schmerz zu verziehen. Eine Weile lang musterten wir uns einfach nur, aber da ich Admiral an meiner Seite hatte, verspürte ich keine Angst. Trotz allem war ich nicht alleine und genau mit dieser inneren Stärke, welche ich dadurch besaß, behauptete ich mich nun gegen Clemence.
Bei Clemence nächsten Worten zeigte sich erneut, dass er sich durchaus bewusst war wie weit über mir er stand. „Genau dieser Meinung bin ich, Lord Clemence!", entgegnete ich mit ruhiger Stimme, wobei ich meine Anspannung komplett niederkämpfte und mir nicht anmerken ließ- das wäre geradedenkbar schlecht. „Und Sie brauchen sich auch keine Sorgen um meine Etikette zu machen. Ich weiß mich durchaus zu benehmen. Admiral stellt eine Ausnahme da, aber auch er weiß sich perfekt zu benehmen, sonst wäre er wohl kaum noch hier." Das stimmte, denn wäre Admiral negativ aufgefallen, hätte ihn schon längst jemand entweder vom Grundstück gejagt, erschossen oder anderweitiges getan um ihn loszuwerden. Dass er noch hier war, bewies, dass er unauffällig und ruhig gewesen war, beziehungsweise kein negatives Verhalten aufgewiesen hatte.
Ich war überrascht, als Lady Eleanor sich nun tatsächlich einmischte und für mich einsetzte. Sie schien sich tatsächlich erkenntlich zeigen zu wollen oder es lag daran wie sie einfach war, beziehungsweise bei unseren privaten Gesprächen den Eindruck erweckt hatte zu sein: Nett, fürsorglich, hilfsbereit und mit einem guten Gerechtigkeitssinn. Hausdiener hatte sie also für mich geplant? Das wäre tatsächlich von großem Vorteil, weil ich mich so um einiges freier bewegen könnte und meine Anwesenheit so alltäglich werden würde, dass ich nicht weiter auffiel, wenn ich an einem Ort war, wo ich eigentlich nicht sein sollte. Und der Aufstieg zu einem Hausdiener war tatsächlich enorm. Ich wusste, dass sie als eine Art Prestigeobjekt für den Adel dienten, empfand Clemence mein Aussehen als zu schlecht, würde er nicht eine Sekunde weiter darüber nachdenken. Einen Moment fühlte ich mich fast schon geschmeichelt, dass Eleanor dachte ich würde gut genug für einen Hausdiener aussehen, aber das änderte sich rasch, als sie indirekt bestätigte, dass sie mir nur helfen würde um die Arbeitsmoral im Haus zu stärken. Na vielen Dank. Aber eigentlich konnte es mir egal sein, solange sie Clemence umstimmen und ich tatsächlich weiterhin hier arbeiten konnte. Um nichts anderes ging es hier, auch nicht darum, dass ich Lady Eleanor eigentlich ganz sympathisch fand und dazu auch noch ihr umwerfendes Aussehen kam. Ich ließ mich davon auch nicht ablenken, denn Clemence hatte mich mit seinem kalten, kalkulierenden, beherrschten Blick fixiert, den ich gelassen erwiderte. So, als würde der Mann, der vor mir stand, nicht gerade über meine Zukunft entscheíden. Als wäre er nicht derjenige, der die Zügel in der Hand hielt, sondern ich selbst wäre es. Als wäre ich auf der gleichen Ebene mit ihm. „Natürlich Lord Clemence, etwas anderes käme überhaupt nicht in Frage!", meinte ich mit einem höflichen Lächeln, wobei es mir schwer fiel den Spott aus meiner Stimme herauszuhalten. „Auch wenn ich euch bezüglich meiner Manieren nicht zustimmen kann. Ich besitze, wie bereits schon erwähnt, welche, allerdings weiß ich mich auch durchaus zu behaupten und selbstständig zu denken!" Weiterhin lag Clemence Blick auf mir, doch ich erwiderte seinen Blick standhaft, mit einem leicht amüsierten Lächeln auf den Lippen. Ich könnte jetzt einen durchaus unangebrachten Scherz bringen, aber gerade war wohl nicht der Zeitpunkt dafür- zumindest nicht gegenüber Clemence, von dem ich nicht erwartete, dass er irgendwelche Scherze verstand. Auch Eleanors Blick lag auf mir, wie ich spürte, allerdings war ich so auf den Lord fixiert gewesen, dass ich nicht wusste, wie lange dies bereits der Fall war.
Ich wusste immer noch nicht wirklich, ob ich mich geschmeichelt oder gekränkt fühlen sollten. Ahnung von meinen Fertigkeiten hatte Clemence immer noch keine, er akzeptierte mich also für den Moment nur wegen meines Aussehens. Ich beschloss gute Miene daraus zu machen und lächelte ihn dankbar an. „Vielen Dank Lord, Clemence, Lady Eleanor, für diese Chance, welche Ihr mir gebt. Ich werde Euch nicht enttäuschen!", versprach ich. Nun, zumindest vorerst hatte ich das tatsächlich nicht vor. Ich würde perfekte Arbeit leisten, damit keinerlei Misstrauen gegen mich fallen würde und meine Freiheiten immer größer wurden. So lange, bis ich endlich zuschlagen und von diesem Ort verschwinden konnte. „Nichts geringeres als Perfektion hat Euch zu erwarten, darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen. Ich erwarte meine Einweisung in diese neue Tätigkeit in zwei Tagen, wie versprochen."
Ein zögerliches Klopfen erklang an der Tür und kurz darauf trat ein Diener ein, welcher sich rasch vor der Lady und dem Lord verneigte. „Lord Clemence, Sie haben einen Besucher", sagte er höflich. Ich spürte Clemence bohrenden Blick ein letztes Mal auf mir, dann verließ er das Zimmer.
Die Anspannung wich von mir ab und ich wurde bleich im Gesicht. Mir ging es nicht gerade gut und der Schmerz hinter meiner Schläfe war immer schlimmer geworden. Wankend stützte ich mich auf dem Sofa ab und setzte mich vorsichtig hin. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen. Ob ich in zwei Tagen tatsächlich wieder fit sein würde? Mir blieb wohl keine andere Wahl. Ich musste wieder gesund sein, sonst waren die letzten zwei Wochen vollkommen verschwendet gewesen. „Ich danke Ihnen dafür, Lady Eleanor, dass Sie sich für mich eingesetzt haben!" Ich brachte ein kleines, ehrliches Lächeln zustande, ehe ich mich mit zitterndem Arm stützen musste, ansonsten wäre ich wohl einfach umgekippt, dieses Mal obwohl ich bereits saß. Admiral hatte sich auf den Boden gelegt und blickte mich mit wachsamem, fast schon besorgtem Blick an. Er spürte, dass es mir nicht gut ging, aber wie sollte er mir auch helfen. Ich richtete meinen Blick auf Lady Eleanor. „So intensiv wie Ihr Bruder mich gemustert hat, könnte man fast schon denken er hätte persönliches Interesse an mir...", scherzte ich. „Sie sollten aufpassen, dass er mich Ihnen nicht wegschnappt..."
Verdammt, was redete ich da? Auch wenn Lady Eleanor anders war als ihr Bruder, so gehörte sie dennoch immer noch dem Adel an und ich musste aufpassen, wie ich mit ihr sprach.
Ich wankte erneut und lehnte mich leichenblass an die Rückenlehne des Sofas an. Immer wieder tanzten die schwarzen Punkte vor meinen Augen und mir fielen immer und immer wieder die Augen für einige Sekunden zu, ehe ich sie wieder öffnen konnte. Meine Gedanken verschwammen. „Ihr solltet euch nicht länger von mir aufhalten lassen. Ihr habt bestimmt wichtigeres zu tun, als euch um einen Angestellten zu kümmern. Falls Ihr euch wegen eurer Rettung erkenntlich zeigen wolltet, so betrachtet dies als erledigt- immerhin habt Ihr mir zu einem Job verholfen, der mir etwas mehr Geld einbringen sollte und verhindert, dass ich gefeuert werde..." Meine Stimme verschwamm gegen Ende hin immer mehr, sodass die letzten Worte kaum noch zu verstehen waren. Ich fasste an meinen Kopf. Alles drehte sich so seltsam. Das alles war wohl wirklich zu viel gewesen- ich hätte besser auf mich Acht geben sollen.
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Dollhouse
RomanceEngland zur Zeit der Industrialisierung. Eleanor scheint das perfekte Leben zu führen. Ihre Familie ist hoch angesehen, reich und besitzt jede Menge Land und Angestellte. Sie bekommt Privatunterricht, ihre Gesellschaft ist vorsortiert und ihre Zukun...