Sie ist bei Bewusstsein und hat ihre Augen geöffnet. Sie liegt einfach auf dem Boden, auf meinem Bein und in meinen Armen.
Ihr Blick ist leer und starr in den Himmel gerichtet. Der Himmel der zwar dunkel und dennoch hell weiß erscheint über unseren Köpfen.
Mit einem Ruck entzieht sie sich mir und drückt sich an die Wand des Hauses. Ihre Augen voller Angst.
Während sie dort sitz, stelle ich mich an die Wand gegenüber von ihr und sehe sie an.
,,Du lügst" kommt es schließlich über ihre Lippen, dazu ein bitteres Lachen.
Sie will es nicht wahrhaben. Meine Befürchtung. Ihr Lachen macht mir Angst.
,,Mein Vater ist Tod. Punkt" sagte sie und reißt sich von mir los, ,,Und es gibt keine weitere Familie. Da ist niemand. Verstehst du es nicht?" brüllt sie.
Sofort danach hält sie sich die Hand vor dem Mund. Sie war zu laut. Schnell geht sie rüber zur Tür.
,,Verschwinde" sagt sie leise, ehe sie in dem Zimmer verschwindet und die Tür verriegelt.
Ich bleibe jedoch stehen und sehe zu, wie sie sich schnell die Jacke abstreift und sich unter ihrer Decke versteckt.
Behutsam lege ich eine Hand an die Fensterscheibe.
Mariell sieht mich an. Das kann ich sogar durch die drückende Dunkelheit sehen. Doch dann wendet sie sich ab und dreht sich mit dem Rücken zu mir.
Ich atme aus. Es war aber nicht ganz so schlecht gelaufen.
Also ich meine, ich hab mit nichts schlechterem gerechnet, aber auch mit nichts besseren.
Ich bin nicht weiterhin erwünscht. Auch in der Villa werde ich gebraucht. Also schleiche ich die Feuertreppe runter und an allen Fenstern vorbei.
In dem Haus ist es nun komplett dunkel.
Ich bete, dass ihre Familie sie hier nicht findet. Dass sie wenigstens für ein paar weitere Tage sicher dort ist. Dass diese dortlebende Familie sicher ist.
Morgen ist die Beerdigung. Das muss ich meinem Vater mitteilen. Doch wie?
Ja also ich war die halbe Nacht wieder bei der Tochter vom Mörder von Mutter und dem Boss der Paisleys.
Ich schnaufe und setzte mich in den Wagen.
Von hinten höre ich ein Geräusch, weswegen ich blitzschnell meine Waffe ziehe und mich umdrehe.
Francesco.
Er liegt dort auf der Rückbank mit einer Tüte Chips in der Hand und mit erhobenen Augenbrauen.
,,Was ist nun deine Ausrede, Bruder?" fragt er mich und nimmt sich noch ein paar mehr Chips.
Ich atme aus.
,,Verdammt Fran" zische ich und lasse die Waffe sinken.
,,Du hättest sowieso nicht geschossen" sagt er und rollt mit seinen Augen.
,,Also" sagt er erneut, während er über den Sitz klettert und neben mir auftaucht.
,,Die Beerdigung ist morgen" sage ich, ,,Ich denke, die Paisleys werden da sein" erzähle ich weiter.
,,Du hast die Omertà gebrochen" sagt er schließlich und sieht mich seelenruhig an.
Mein Herz bleibt für einen Moment stehen. Eine Sache an die ich gar nicht gedacht hatte. Die mir das erste Mal im Leben entfallen war.
,,Fran, ich...-" er unterbricht mich mit passender Handbewegung.
,,Ich weiß es" sagt er, so fest entschlossen wie noch nie, ,,Ich hab euch gehört" flüstert er.
Mein Mund wird ganz trocken.
,,Bruder" sagt Fran ruhig, ,,Denk dran, unsere Omertà" er lächelt. Doch ich beäuge ihn misstrauisch. Irgendwas stimmt nicht.
,,Fran" beginne ich erneut, ,,Nein nein" beharrt er und unterbricht mich erneut.
Ich spanne meinen Kiefer an und bin dabei meine Geduld zu verlieren.
,,Ist bestimmt schön so ein Gefühl der Zuneigung. Sie ist dir ja total verfallen" er lacht laut.
Was und wieviel hat er gehört.
Wie lange ist er dort gewesen.
Ich fahre zurück.
Fran auf dem Beifahrersitz. An der Villa verabschiedet er sich von mir und verschwindet in der Villa.
Ich steuere auf das Büro meines Vaters zu und betrete es ohne zu klopfen. Er schläft. Seelenruhig.
Er ist am Schreibtisch eingeschlafen.
Ich atme aus und lasse ihn schlafen.
Die ganze Villa liegt in völliger Stille.
Ich laufe über den kühlen Marmorboden und die Treppe rauf, wo mein Zimmer auf mich wartet.
Das erste Mal seit vielen vielen Stunden liege ich auf meinem Bett. Mariell hält mich wach.
Die Gedanken an ihr.
Denn sie ist in Gefahr und weiß nun bescheid. Mehr oder weniger.
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Omertà & Pentito
Teen FictionOmertà. Das dunkle Gesetzt das zu schweigen verpflichtet. Vize-Anführer zu sein, die Last zu tragen einmal Anführer zu werden, das macht ihn aus. Es ist das einzige, wozu er bestimmt ist, die einzige Konstante in seinem Leben. Das und noch viel weni...
