Ich gehe in die Hocke und halte meine Hände an meinem Kopf. Mir scheint als würde die ganze Welt auf mich einschlagen. Es reißt mir den Boden unter den Füßen weg.
Ein Unfall? Das war doch kein Unfall. Sicherlich lügt dieser verabscheuende Mensch mich an. Mit Sicherheit genauso wie die wilde Story mit diesem Zwilling.
Ich höre, wie er wieder auf mich zu kommt und springe schließlich wieder auf und bin im Kampfmodus.
Keine Angst zeigen!
,,Wer bist du?" knurre ich und versuche eine Deckung hoch zu halten und irgendwie bedrohlich zu wirken.
Er soll lieber auf Abstand bleiben, sonst werde ich ihm noch die Augen auskratzen.
,,Für dein Onkel war diese Kugel bestimmt, verstehst du?" fragt er mich leise, zusammen mit seiner wiedergekehrten, ruhigen Stimme.
Ich habe keinen Onkel. Ich kenne Niemanden aus der Familie meines Vaters oder von der Familie meiner Mutter. Es kann also doch gut sein, dass mein Vater einen Bruder hatte.
Nein. Nein, dass kann es nicht. Mein Vater hat nichts vor mir geheim gehalten. Wieso sollte mich mein eigener Vater anlügen?
Er war ein offenes Buch. Für jeden war er das.
,,Ich habe keinen Onkel" sage ich mit fester Stimme. Nur Lügen sprudeln aus seinem Mund.
,,Doch" sagt er ruhig und gelassen, ,,Du hast einen Onkel. Du hast sogar 2" fügt er hinzu. Er spricht mir einer Leichtigkeit.
Sein Bruder hat gestern jemanden umgebracht und dieser junge Mann vor mir scheint überhaupt nicht beunruhigt zu sein.
Außerdem teilt er wilde Theorien. Etwa, dass diese Kugel für einen meiner Onkel gewesen sein soll.
Mein Kopf schmerzt und ich scheine nicht mehr wissen zu können, wem oder was noch zu trauen ist.
Ich kann und will nicht glauben, dass mein Vater Geheimnisse vor mir hatte. Wir waren doch immer ein Team. Wir waren beste Freunde.
,,Wage es nicht von meiner Familie zu sprechen" zische ich mit neuer Mut und trete wieder näher an ihn ran.
,,Hörst du? Nimm ihren Namen nicht in den widerlichen Mund" sage ich und hoffe mich wieder etwas beruhigen zu können, doch dann denke ich an seine Aussage zurück
Für dein Onkel war diese Kugel bestimmt. Was soll das überhaupt bedeuten? Es klingt beinah wie aus einem Film, wo es um irgendeine Fehde geht.
,,Was meinst du damit, dass die Kugel für meinen Onkel bestimmt war?" zische ich und ziehe meine Augen zu schlitzen. Irgendwie wächst in mir der Drang auf Antworten.
Mein gegenüber hatte aber andere Pläne. Gedankenverloren habe ich nicht gesehen, wie er sich schon weg gedreht hatte.
Ich höre wie er kehrt macht.
Er will einfach so gehen. Soll das etwa sein ernst sein? Er teasert mich an mit irgendwelchen verlorenen Onkel und dass mein Onkel hätte sterben sollen?
Dann will er einfach abhauen, als hätte er nicht eben mein ganzes Leben zu einer Lüge erblassen lassen?
,,Hey" rufe ich laut und jogge ihm hinterher, ich packe ihn an seiner Schulter. Sein wütender Blick tritt mich bis aufs Mark.
In seinem Blick liegt schon das ganze Gespräch über eine gewisse Feindseligkeit.
,,Es ist sinnlos, stupido" er wechselt so leicht zwischen den Sprachen, dass es erschreckend ist.
Ich kann ihm in Gedanken nicht folgen, mich misstraut immer noch die Aussage von eben.
Also packe ich seine hohe Schulter erneut und bezwecke damit wirklich, dass er stehen bleibt.
Seine dunkle Seite ist jedoch wieder da und bringt mich dazu, ihn augenblicklich los zu lassen.
,,Sag mir, was los ist und wieso verdammt du mir gefolgt bist!" versuche ich mit so viel Selbstbewusstsein zu sagen wie ich kann.
Am Ende klingt es jedoch ziemlich ängstlich und im Gegensatz zu ihm, feige. Er steht mir gegenüber, etwa ein Schritt von mir entfernt. Ich frage mich, ob er wirklich einen Bruder hat und was von seinen Aussagen der Wahrheit entspricht.
Einen identischen Bruder. Ob er mir gefolgt ist? Welcher von beiden steht vor mir?
Ich mustere ihn. Nur für den Fall, dass ich ihn einmal beschreiben muss, was aber wohl eher suboptimal wäre.
Solche Menschen lassen dich wahrscheinlich nicht leben. Sie verschonen nicht. Vor allem nicht so ein unscheinbaren Jemand wie mich.
Ein Niemand, der auch von Niemanden vermisst wird.
Wenn er meinen Namen kennt, dann kennt er auch alles was mich ausmacht. Er muss meine Geschichte kennen.
,,Was schaust du mich so an?" stößt er aus und lässt mich daraufhin zusammen zucken. Ich richte mich so grade auf, wie ich nur kann und schaue ihn feindselig ins Gesicht.
Sein Gesicht. Ich schlucke. Es kommt mir so verdammt vertraut und doch so fremd vor. Ich kann nicht beschreiben, was dieses Gesicht in mir auslöst.
,,Was. Ist. Hier. Los?" frage ich ihn ganz langsam und so gut ausgesprochen wie ich kann.
,,Signore dei cieli" sagt er in einem Flüsterton und rollt dabei mit seinen Augen.
Ich frage mich, was es zu bedeuten hat, doch bin im selben Augenblick bei ganz anderen Gedanken. Er will einfach verschwinden. Schon wieder.
,,Du kannst nicht einfach gehen" rufe ich ihm hinterher und will, dass er meine Fragen beantwortet.
Er dreht sich noch einmal zu mir um, dabei streckt er seine Arme weit aus und sieht mir unschuldig ins Gesicht.
,,Du siehst doch, dass ich es kann" sagt er nur und dreht sich wieder um.
Ich will ihm nach. Ich will vor allem antworten, doch mein Körper bleibt wie angewurzelt stehen.
Als ich ihn nicht mehr sehen kann, ist keine Menschenseele auf der Straße. Hier bin nur ich und das Schaufenster. Dieses verfluchte Schaufenster.
Ich atme aus und versuche ihn zu entschlüsseln, versuche zu entschlüsseln, wieso er mir so verdammt bekannt vorkommt.
Wo habe ich ihn in meinem Leben schon einmal gesehen? Denn so wie es schien, kennt er mich und meine Familie gut. Zu gut um ehrlich zu sein.
DU LIEST GERADE
Omertà & Pentito
Teen FictionOmertà. Das dunkle Gesetzt das zu schweigen verpflichtet. Vize-Anführer zu sein, die Last zu tragen einmal Anführer zu werden, das macht ihn aus. Es ist das einzige, wozu er bestimmt ist, die einzige Konstante in seinem Leben. Das und noch viel weni...
