Es schneite seit drei Tagen ununterbrochen, sodass der Weg von Hogwarts in das kleine Zaubererdorf Hogsmeade unter einer dicken Schicht Schnee begraben lag. Die Lehrer hatten lange überlegt, ob sie das Hogsmeade-Wochenende abblasen sollten, waren aber letztendlich zu dem Schluss gekommen, dass das zu Unmut unter den Schülern geführt hätte.
Elyna fieberte seit zwei Tagen darauf, endlich nach Hogsmeade zu können. Sie hatte deshalb weder richtig wahrgenommen, dass sich ihr Bruder seltsam arrogant benahm, noch, dass Severus eigenartig still war.
Sie überprüfte noch einmal, ob sie alles eingepackt hatte. Dabei war ihr eigentlich nur wichtig, dass die Phiole mit der Erinnerung sicher in ihrer Tasche verstaut war.
Bevor einer ihrer Freunde sie fragen konnte, wo sie denn so eilig hinwollte, war sie bereits aus dem Schloss gestürmt und kämpfte nun gegen den eisigen Wind und den immer dichter fallenden Schnee an.
Sie hatte kein Gefühl mehr in den Zehen, ihre Nase war so gut wie abgefroren und wie ihre Haare aussahen, wollte sie gar nicht erst wissen. Das Einzige, was ihr momentan wirklich wichtig war, war diese kleine Phiole in ihrer Tasche, um die sich ihre Finger geschlossen hatten, als wäre sie das Wichtigste auf der Welt.
Es dauerte eine Weile bis sie das Geschäft gefunden hatte - es lag in einer Seitenstraße und war fast völlig zugeschneit. Als sie über die Türschwelle trat, bimmelte irgendwo über ihr ein kleines Glöckchen und hieß sie willkommen. Elyna schüttelte sich den Schnee aus den Haaren und sah sich in dem staubigen Raum um. Ganz offensichtlich kamen nicht viele Leute in das kleine Geschäft.
"Guten Tag", sprach da plötzlich eine raue Stimme und Elyna hob den Kopf zu einer alten grauhaarigen Frau, die ihre besten Jahre schon lange hinter sich hatte. "Wie kann ich Ihnen behilflich sein?"
Elyna zögerte nur kurz, dann straffte sie die Schultern. "Ein Freund hat mir erzählt, Sie hätten ein Denkarium?"
Die alte Frau nickte. "Da hat Ihr Freund recht." Sie winkte die Schwarzhaarige mit sich und begab sich in den hinteren Teil des Geschäftes. Vor einem Schrank blieb sie stehen und öffnete mit ihren Zauberstab eine Schublade. "Für zehn Minuten bekomme ich einen Sickel", sagte sie noch und grinste Elyna an. Ihr fehlten ein paar der gelben Zähne.
Elyna verkniff sich ein unwilliges Knurren. Ein Sickel für zehn Minuten! Das war Wucher!
Trotzdem nickte sie, immerhin hatte sie keine andere Möglichkeit, sich die Erinnerung anzusehen.
Elyna beobachtete, wie aus dem Schrank eine silberne flache Schale herausgeflogen kam, die vor ihr in der Luft anhielt.
"Gib nun die Erinnerung hinein", sagte die alte Frau und entfernte sich. "Wenn noch etwas ist, ich bin vorne im Laden." Damit verschwand sie.
Elyna wartete noch einige Sekunden, dann holte sie die Phiole mit ihrem bläulich schimmernden Inhalt aus ihrer Tasche und entkorkte sie. Vorsichtig kippte sie nun die Flüssigkeit in die Schale und beobachtete erstaunt, wie die Farben begannen, hin und herzuwirbeln. Elyna atmete ein letztes Mal tief durch, bevor sie sich nach vorne neigte und ihr Gesicht in die Schale tauchte.
Sie stand auf dem Gelände von Hogwarts vor dem Schwarzen See. Es war Sommer und scheinbar hatten die Siebtklässler gerade ihre letzten Prüfungen abgelegt, denn sie tummelten sich im Schatten der Bäume, badeten mit dem Riesenkraken oder faulenzten einfach nur. Glückliches und erleichtertes Lachen hallte über das Gelände.
Elyna sah sich um und entdeckte zwei Gestalten, die unter einem Baum am Rande des ganzen Tumultes standen. Vorsichtig ging sie auf sie zu.
Elyna bemerkte, dass die beiden Schüler - ein Junge und ein Mädchen - die Slytherinuniform trugen sowie das Abzeichen der Schülersprecher. Sie hatten beide schwarze Haare, der Junge hatte ebenfalls dunkle Augen, während die des Mädchens Elyna seltsam bekannt waren - vollkommen schwarz mit einem grünen Ring um die Pupille und zwei grünen Tupfen. Elyna realisierte, dass es sich hierbei um ihre Mutter handelte. Die Ältere war praktisch das Spiegelbild von Elyna, doch ihre Gesichtszüge waren härter, arroganter, beinahe schon herablassend.
Stumm sahen die beiden Slytherins auf das Geschehen am See hinunter.
"Was wirst du jetzt tun, Tom?", fragte das Mädchen.
"Was schon? Ich werde unsere Freunde um mich scharen und gemeinsam mit ihnen einen Weg finden, den Reinblütern wieder zu wahrer Größe zurückzuverhelfen. Wir werden wieder über die Muggel regieren wie es schon seit Anbeginn der Zeit sein sollte." Seine Stimme hatte etwas fanatisches, gleichzeitig vermittelte sie das Gefühl, dass man ihm lieber nicht widersprechen sollte.
Das Mädchen schwieg eine Weile, dann senkte sie leicht den Kopf. "Was ist mit mir?"
Tom warf ihr einen kurzen irritierten Blick zu und sie sah ihm nun wieder fest in die Augen. "Welche Rolle spiele ich in deinem Plan?", präzisierte sie ihre Frage.
Der Junge packte ihr Handgelenk scheinbar ziemlich unsanft und drehte sie zu sich herum. Sie standen nun sehr eng voreinander und er strich ihr über die blassen Wangen ehe sich seine langen Finger in ihren schwarzen Haaren verfingen. "Du wirst natürlich bei mir sein, Lyanna", hauchte er an ihren Lippen. Dann beugte er sich ganz zu ihr hinab und küsste sie innig.
Als sie sich voneinander lösten, lächelte sie glücklich. "Ich liebe dich, Tom!"
Plötzlich veränderte sich das Bild. Das Gelände von Hogwarts verblasste und machte kalten Marmormauern Platz. Elyna stand nun in einem riesigen Raum, in dessen Mitte sich ein langer Holztisch befand. An ihm saßen mehrere Gestalten in dunklen Roben, die allesamt die Schultern eingezogen hatten und sich möglichst unauffällig verhielten. Je weiter man zum Kopfende des Tisches kam, desto gerader saßen die Gestalten und desto seltener bedeckte eine Kapuze ihre Haarschöpfe.
Elynas Blick blieb schließlich bei dem Mann hängen, der ganz am Ende des Tisches saß. Seine Haut war unglaublich blass, seine schwarzen Haare waren in ihrem Ansatz nach hinten gerückt und die Augen hatten einen leicht rötlichen Schimmer. Er sah noch immer gut aus, aber die Farblosigkeit seines Gesichtes wirkte abschreckend. Neben ihm stand eine Frau mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, die einen grünen Ring um die Pupille hatten und zwei grüne Tupfen daneben aufwiesen. Erst an diesen Augen erkannte Elyna ihre Mutter. War sie zuvor kühl und arrogant erschienen, trug sie nun eine emotionslose Maske, die nichts ausdrückte und unverrückbar auf ihrem Gesicht saß.
"Nun, wer von euch will mir erklären, weshalb John Farwell heute Abend nicht bei uns sitzt?", fragte in diesem Moment der Mann mit den rötlichen Augen, in dem Elyna Tom zu erkennen glaubte. Seine Stimme war leise und bedrohlich, er wusste die Antwort auf seine Frage bereits, aber er wollte, dass jeder den Grund für seinen Ärger mitbekam. "Nun?", fragte er erneut als keiner antwortete, dieses Mal schärfer.
"Er ist desertiert, Herr", sprach eine der Kapuzengestalten mit leiser Stimme.
"Ah, Edward Morris, nicht wahr?", fragte Tom. "Komm zu mir, Edward."
Der Mann mit der Kapuze stand auf, dabei schien er am ganzen Körper zu zittern. Langsam kam er auf Tom zugelaufen.
"Knie nieder, Edward", forderte er.
Der Angesprochene warf sich sofort dem Schwarzhaarigen vor die Füße. "Verzeiht mir, Herr. Ich konnte nichts für John Farwells Verrat."
Tom zuckte uninteressiert mit den Schultern und hob seinen Zauberstab. "Ich weiß. Aber einen von euch muss ich ja für seine Verbrechen bestrafen. Crucio!" Der Fluch kam so plötzlich, dass Elyna zusammenzuckte. Als die ersten Schreie von Edward Morris durch den Raum hallten, hielt sie sich entsetzt die Ohren zu. Sie bemerkte die kranke Freude auf Toms Gesicht und sah zu ihrer Mutter. Doch die Ältere behielt ihre Maske auf und verzog kein einziges Mal das Gesicht.
Elyna war erleichtert, als sich das Bild erneut änderte. Plötzlich stand sie in einem kleinen Raum mit einem schmalen Bett, einem kleinen Schrank, einem Spiegel und zwei Fenstern, die einen Blick auf das aufgewühlte Meer zeigten. Außer ihr selbst befand sich nur ihre Mutter im Zimmer. Sie saß am Fußende des Bettes und sah gedankenverloren in den Spiegel. Kleine Fältchen hatten sich in ihrem Gesicht gebildet und ließen sie reifer wirken.
"In meiner Familie überleben die meisten Frauen die Geburt ihres Kindes nicht", sagte sie auf einmal zu niemandem. "Deshalb wollte ich vorbeugen." Sie atmete tief durch. "Mein Name ist Lyanna Selwyn und ich bin eure Mutter. Als man mir erzählte, dass ich Zwillinge bekommen werde, war ich sehr überrascht, aber nicht weniger erfreut. Ich habe beschlossen, euch Elyna und Josec zu nennen, nach meinen Großeltern mütterlicherseits. Ihr wundert euch vielleicht, weshalb ich euch in ein Waisenhaus geben werde beziehungsweise bereits gegeben habe. Deshalb werde ich euch diese Erinnerung mitgeben, denn ich möchte, dass ihr meine Gründe kennt, bevor ihr mich verurteilt." Die Schwarzhaarige schloss die Augen und schwieg eine Weile. Erst dann dann begann sie zu erzählen: "Der Name eures Vaters ist Tom Riddle, aber inzwischen kennt man ihn nur noch unter dem Namen Lord Voldemort. Als ich euren Vater kennenlernte, war er noch ein ganz normaler Schüler in Hogwarts. Wir kamen in der fünften Klasse zusammen und ich bemerkte seine Veränderung zunächst nicht. Ich war sozusagen blind vor Liebe." Sie lachte kurz und höhnisch auf. "Ich dachte, er würde wie ich empfinden, aber das hat er nie. Als wir Hogwarts verlassen haben, scharte er unsere gemeinsamen Freunde um sich und zusammen mit ihnen beging er fürchterliche Taten, die die Leute in Angst und Schrecken versetzten. Er wurde immer kälter und abweisender, hörte auf niemandes Rat mehr und begann jeden zu foltern, der sich ihm in den Weg stellte. Auch seine eigenen Anhänger." Die Schwarzhaarige strich sich über den dicken Bauch und lächelte liebevoll. "Ihr seid das Produkt einseitiger Liebe, aber das heißt nicht, dass meine Liebe weniger wert wäre. Ich bin weggegangen, als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin. Euer Vater weiß also nichts von euch und ich denke, das ist ganz gut so. Ihr sollt euch euer eigenes Bild über ihn machen und dann entscheiden, auf welcher Seite ihr stehen wollt." Plötzlich sah sie auf und es schien, als würde sie Elyna direkt in die Augen sehen. "Wofür ihr euch auch entscheidet, ich werde immer hinter euch stehen, auch wenn ich dann schon längst tot bin." Eine einsame Träne rollte über ihre Wange. "Ich liebe euch so sehr..."
Elyna wollte auf ihre Mutter zutreten, wollte sie in den Arm nehmen und ihr versichern, dass sie sie auch liebte, aber in diesem Moment spürte sie ein unangenehmes Ziehen im Magen und die Erinnerung verblasste.
