"Die Zeit ist um! Bitte legen Sie Ihre Federn auf den Tisch und warten Sie, bis ein Prüfer Ihre Pergamentbögen eingesammelt hat, bevor Sie den Raum verlassen."
Seufzend kam Elyna der Aufforderung nach und überflog noch ein letztes Mal ihre Notizen. Eigentlich hatte sie jede Frage mit einem guten Gefühl beantworten können, doch sie wusste nicht, ob sie bei manchen Aufgaben vielleicht ausführlicher hätte antworten sollen. Sie gab ihre Pergamentbögen ab, stand auf und verließ die Große Halle, die zum Anlass ihrer Abschlussprüfungen umfunktioniert worden war.
"Was hast du bei der vorletzten Aufgabe geschrieben?", fragte Severus sie plötzlich und erschien auf ihrer rechten Seite.
Elyna wollte gerade antworten, als sich ein Arm von ihrer anderen Seite um ihre Taille schlang und sie an den vertrauten Körper von Rabastan gezogen wurde. "Wir haben es geschafft!", flüsterte er ihr ins Ohr und sie konnte die Erleichterung in seiner Stimme hören.
Elyna verdrehte lächelnd die Augen und verpasste ihm eine leichte Kopfnuss. "Wir haben heute Nachmittag noch unsere praktische Prüfung in Verteidigung gegen die Dunklen Künste, falls du es vergessen haben solltest", erinnerte sie ihn.
Rabastan grinste nur und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. "Mag sein, aber wir haben jetzt keine theoretischen Prüfungen mehr für die wir bis spät in die Nacht lernen müssen. Außerdem wird die praktische Prüfung in Verteidigung gegen die Dunklen Künste ein Kinderspiel. Ich habe gehört, sie veranstalten da größtenteils nur Duelle um zu gucken, welche Zauber man schon gesagt und ungesagt anwenden kann", raunte er ihr leise zu, sodass nur Elyna und Severus seine Worte hörten. Der Schwarzhaarige wollte natürlich nicht, dass zufällig einer der Gryffindors einen Vorteil bekam.
"Bis heute Nachmittag bleibt ohnehin nicht mehr viel Zeit", sagte Elyna. "Selbst wenn wir jetzt noch anfangen, wie die Verrückten zu lernen, würde nicht viel dabei herauskommen. Außerdem sollten wir unser Magielevel nicht überstrapazieren, wir werden unsere Kräfte nachher vollständig brauchen."
Rabastan nickte gewichtig, doch Elyna wusste, dass er einfach nur froh war, heute nicht mehr lernen zu müssen.
Sie stieß ihm leicht ihren Ellenbogen in die Rippen und er meckerte empört. "Das heißt nicht, dass wir uns vor der Prüfung ausruhen, damit das klar ist!", prophezeite Elyna. "Wir gehen nochmal die Wirkungen der verschiedenen Zauber durch sowie die korrekte Aussprache und die Handbewegung dazu. Wenn einer der Prüfer dich fragt, wie du einen Zauber ausführen würdest, musst du immerhin auch antworten können!"
Rabastan verzog wehleidig das Gesicht, gab sich jedoch geschlagen.
Sie hatten in der Eingangshalle auf Narzissa und Josec gewartet. Die beiden Slytherins verließen als letzte die Große Halle und unterhielten sich angeregt über die vorletzte Frage. Severus schloss sich ihnen sogleich an.
Rabastan stand nur daneben und guckte seinen Freunden unverständlich dabei zu. Schließlich beschloss Elyna, dass sie genauso gut am Schwarzen See lernen konnten, und dirigierte die vier Slytherins aus dem Schloss hinaus und unter einen großen schattenspendenden Baum.
Sie ließ Sev, Zissy und ihren Bruder über die Prüfung diskutieren und wandte sich stattdessen Rabastan zu, der es sich im Gras bequem gemacht hatte. "Also", fing sie an, "welche Handbewegung macht man, wenn man einen Entwaffnungszauber spricht?"
Rabastan hob träge seine Zauberstabhand und führte die entsprechende Bewegung vor.
"Du sollst sie mir nicht zeigen, du sollst sie mir erklären!"
Seufzend öffnete der Schwarzhaarige sie Augen und sah seine Verlobte an. Eine erstaunlich lange Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen.
Völliges Schweigen.
Das war selten bei ihnen.
Es war nicht so, dass sie ständig redeten. Sie genossen auch gerne mal die Stille und Ruhe, die der jeweils Andere ihnen vermittelte. Aber trotzdem verständigten sie sich dabei über ihre Augen oder sonstige Körpersprache.
Ein Heben der Augenbrauen.
Ein Zucken der Mundwinkel.
Ein Blähen der Nasenflügel.
Doch jetzt gerade kommunizierten sie überhaupt nicht. Sie sahen einander lediglich in die Augen - seine dunkel, ihre schwarz-grün.
Dann blinzelte Rabastan und der eigenartige Bann war gebrochen. Der Schwarzhaarige schüttelte verlegen den Kopf und setzte sich auf. Dabei rutschte er näher an den Baum heran, sodass er sich dagegenlehnen konnte, und zog Elyna mit sich.
"Wie machst du das eigentlich?", fragte er. Sie hob lediglich eine Augenbraue und er führte seine Überlegungen weiter aus. "Naja, bei unseren Duellierstunden, die wir ja immer noch recht regelmäßig abhalten, ist mir schon ein paar Mal aufgefallen, dass du zum Beispiel die Handbewegung für einen Schockzauber machst, stattdessen aber ein Kitzelfluch aus deinem Zauberstab kommt. Oder du sagst Expelliarmus, zauberst aber einen Petrificus Totalus."
Elyna lächelte leicht und zog ihren Zauberstab aus ihrer Tasche. Das schwarze Ebenholz schmiegte sich warm in ihre Hand als sie ihn mit der Spitze nach oben in die Luft hob und sagte: "Apfelstrudel."
Aus der Zauberstabspitze kamen rote Funken, die langsam zu Boden fielen. Rabastan hatte dem Schauspiel erstaunt zugesehen und starrte nun Elyna an.
"Es ist egal, welche Bewegung du machst oder welches Wort du sagst", erklärte Elyna und verstaute ihren Zauberstab wieder. "Es kommt darauf an, dass du weißt, welche Bedeutung dem Zauber innewohnt. Du kannst eine Rede über Katzenbabys halten und dabei mit Todesflüchen um dich werfen, wenn in deinen Gedanken der Wunsch dazu steht. Durch Zauberformeln und die richtige Handbewegung wird es nur einfacher, verstehst du? Dadurch kontrollierst du den Zauber, verweist ihn sozusagen in seine Schranken." Elyna sah Rabastan an, dass er verstand, was sie versuchte, ihm zu erklären. "Man muss aber viel dafür üben", bremste sie sogleich seine aufkommende Begeisterung. "Ich habe auch lange gebraucht, um meine Gedanken so klar und konzentriert zu halten."
"Und wie hast du das geschafft?", fragte plötzlich Severus hinter ihr.
Elyna fuhr überrascht herum. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihre drei Freunde ihr Gespräch längst beendet hatten. Sie lehnte sich neben Rabastan an den Baum und sagte: "Man muss seine Gedanken klären und sich voll uns ganz konzentrieren - diese Übungen muss man regelmäßig machen, sonst bringt es nichts. Die erweiterte Form davon ist Okklumentik. Damit kann man vor mächtigen Männern wie Dumbledore seine Gedanken und Gefühle verstecken."
Josec nickte plötzlich verstehend. "Also deshalb hast du damit angefangen!"
Elyna wandte verlegen den Blick ab, bestritt es aber nicht. Sie hatte tatsächlich angefangen, Okklumentik zu lernen, weil sie den Schulleiter nicht besonders mochte und ihm nicht traute. Das war ein offenes Geheimnis, selbst einige Gryffindors wussten davon, auch wenn sie das weniger nachvollziehen konnten als die Slytherins.
Da Okklumentik bekanntermaßen schwer zu erlernen war, wandten sich Narzissa und Josec recht schnell wieder ihrem ursprünglichen Gespräch zu und Rabastan nutzte die Gunst der Stunde, um ein wenig vor sich hin zu dösen. Lediglich Severus schien sich für Okklumentik zu interessieren und so fragte er Elyna noch über das ein oder andere aus, bevor sie sich daranmachten, für ihre Prüfung zu lernen, die in weniger als drei Stunden beginnen würde.
