Elyna ließ ihrem Bruder noch einen Tag lang Zeit, damit er seinen Kater auskurieren konnte. Sie hatten keinen Unterricht mehr und verbrachten ihre Tage meistens am Schwarzen See oder in Hogsmeade.
Regulus verabschiedete sich in der Eingangshalle von ihnen und machte sich auf den Weg zu Zauberkunst - im Gegensatz zu den Siebtklässlern musste er immerhin noch ein Jahr in der Schule bleiben. Narzissa, Rabastan und Severus setzten sich bereits wieder in Bewegung, Elyna folgte ihnen langsamer und bedeutete ihrem Bruder, es ihr gleich zu tun. Josec hob fragend eine Augenbraue, kam ihrer stummen Aufforderung jedoch nach.
"Was ist?", fragte er, als Elyna nichts sagte.
"Wir sollten uns bei Professor McGonagall bedanken", erklärte sie ihm also, was ihr auf der Seele lag. "Sie hat uns aufgenommen, als niemand uns wollte und sie hat sich um uns gekümmert. Ich bin mir relativ sicher, dass wir sie nach unserem Schulabschluss nicht wiedersehen werden, deshalb sollten wir ihr zumindest ausreichend danken."
Anhand von Josecs schuldbewusstem Gesichtsausdruck erkannte Elyna, dass ihr Bruder gar nicht mehr an ihre Verwandlungslehrerin gedacht hatte.
Er nickte. "Ja, wir sollten ihr sagen, dass wir ab jetzt unseren eigenen Weg gehen werden."
Am Nachmittag, als der Unterricht bereits beendet war und die meisten Schüler sich am Schwarzen See entspannten, gingen Elyna und Josec zu den Privaträumen von Professor McGonagall. Elyna klopfte und öffnete nach dem bekannten "Herein!" die Tür.
"Ach, ihr seid es", begrüßte die Verwandlungslehrerin die beiden Slytherins. "Ich habe gerade Tee gemacht, wollt ihr auch einen?"
Elyna nickte und setzte sich zusammen mit Josec auf das kleine Sofa, das vor dem Kamin stand. Der Raum war warm und freundlich in den Farben der Gryffindors gehalten. Außerdem hatte er zwei Fenster, die viel Licht hereinließen und einen flauschigen roten Teppich. Vor dem Kamin standen das Sofa, ein Sessel, in dem Professor McGonagall am liebsten Platz nahm, und ein kleiner Holztisch, auf dem sie den Tee abstellte. Die ganze Atmosphäre war viel einladender als bei den Slytherins, doch Elyna fühlte sich trotzdem wohler, wenn sie von Grün und Silber umgeben war. Rot und Gold waren für sie schlicht und einfach die Farben des Feindes.
"Zucker?", bot McGonagall den Zwillingen an. Elyna nahm sich dankend einen Löffel, Josec lehnte freundlich ab.
Sie saßen eine Weile vor dem Kamin, sahen dem Feuer zu, wie es sich in das Holz hineinfraß und wussten nicht, wie sie anfangen sollten.
Schließlich brach Professor McGonagall das unangenehme Schweigen. "Also, was führt euch zu mir? Bestimmt nicht nur ein netter Plausch über die UTZ-Prüfungen, oder?"
Elyna schüttelte bedauernd den Kopf. Wenn es doch nur so einfach wäre.
"Wir wollten Ihnen danken", begann sie schließlich. "Sie haben uns damals von der Straße geholt und uns ein neues Zuhause geboten. Ohne Sie wären wir nicht bis hierher gekommen."
Professor McGonagall runzelte die Stirn und nippte nachdenklich an ihrem Tee, doch sie sagte nichts.
"Wir werden in wenigen Wochen die Schule verlassen und es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir uns noch einmal wiedersehen. Und falls doch, dann auf verschiedenen Seiten." Elyna sah die Hauslehrerin von Gryffindor ernst an. "Ich persönlich weiß noch nicht, ob ich mich dem Dunklen Lord anschließen werde, aber in meinem Umfeld gibt es genug Leute, die sich dessen schon sicher sind."
Professor McGonagall umschloss ihre Tasse etwas fester und seufzte enttäuscht. "Ich hatte so sehr gehofft, dass ich einen positiveren Einfluss auf euch hätte..."
"Der Dunkle Lord hat nicht nur negative Seiten", mischte sich Josec unerwartet ein. Seine Stimme klang Elyna einen Tick zu angriffslustig. "Ich verstehe, dass Sie glauben, er wäre durchweg böse, aber da gehen die Meinungen bekanntlich auseinander. Die Mittel, die er anwendet, um seine Überzeugungen durchzusetzen sind manchmal etwas fragwürdig, aber das bedeutet nicht automatisch, dass alles an ihm schlecht ist."
Elyna legte ihrem Bruder beruhigend eine Hand auf den Arm, denn der Schwarzhaarige begann, sich zu sehr in die Diskussion hineinzusteigern. Am Ende wäre er nur enttäuscht und stocksauer.
"Wir verstehen, dass Sie unsere Meinungen diesbezüglich nicht teilen", wandte Elyna sich nun wieder an Professor McGonagall. "Dennoch hoffen wir, dass Sie unsere Entscheidungen akzeptieren können. Sie waren ein wichtiger Bestandteil unseres bisherigen Lebens und es ist schade, dass sich unsere Wege auf diese Weise trennen müssen."
Die Verwandlungslehrerin zog es vor, nicht darauf zu antworten.
Elyna trank in dem darauffolgenden Schweigen ihren Tee aus, erhob sich von dem gemütlichen Sofa und bedeutete dann ihrem Bruder ebenfalls aufzustehen. "Vielen Dank für alles, was Sie für uns getan haben", sagte sie mit einer leichten Verbeugung zu der Hauslehrerin von Gryffindor. "Ich hoffe, wir sehen uns nach unserem Abschluss nicht wieder."
Sie drehte sich um, nahm die Hand ihres Bruders und zog ihn mit sich aus den Privaträumen von Professor McGonagall. An der Tür warf sie noch einen Blick zurück und glaubte zu sehen, wie der stolzen Lehrerin und stellvertretenden Schulleiterin eine Träne über die Wange rollte. Aber sie war sich nicht sicher.
Nachdem sie den Raum verlassen hatten, seufzte Elyna tief. Das Gespräch war ihr schwergefallen, aber das nächste würde leider auch nicht einfacher werden. "Komm mit", sagte sie zu Josec und suchte sich ein leeres Klassenzimmer. "Ich muss dir etwas sagen."
"Was denn?", fragte ihr Bruder neugierig und folgte ihr.
Elyna verschloss die Tür mit einem Zauber und setzte sich auf eines der alten Pulte, nachdem sie dieses vom Staub befreit hatte.
"Ich habe vor kurzem herausgefunden, wer unsere Eltern sind", fiel sie mit der Tür ins Haus.
"Was?!" Josec starrte sie ungläubig an. "Wie?"
"Erinnerst du dich an mein Fußkettchen, das wir früher nie abbekommen haben?"
Josec nickte.
"Ich habe durch Zufall einen Zauber gefunden, mit dem ich den Verschluss aufbrechen konnte. Als sich die Kette von meinem Fußgelenk gelöst hatte, hat sie sich in eine kleine Phiole verwandelt. Darin waren einige Erinnerungen, die unsere Mutter für uns aufbewahrt hat."
Elyna machte eine kurze Pause, um Josec alles verdauen zu lassen, doch der Schwarzhaarige schaute sie lediglich begierig an. "Und? Wer sind sie? Leben sie noch?"
Elyna holte tief Luft. "Unsere Mutter hieß Lyanna Selwyn. Sie ist bei unserer Geburt gestorben, aber sie hat gesagt, dass sie uns liebt." Bei dem Gedanken an die Erinnerung ihrer Mutter traten Elyna kurz Tränen in die Augen, doch sie blinzelte sie energisch weg. "Sie hat unserem Vater nicht von der Schwangerschaft erzählt, deshalb weiß er nicht, dass es uns gibt."
"Er lebt also noch?", fragte Josec hoffnungsvoll. Die Nachricht vom Tod ihrer Mutter hatte ihn kurz verunsichert, doch er verspürte keine allzu große Trauer. Immerhin hatte er sie nicht gekannt.
Elyna nickte zögerlich auf seine Frage hin.
"Und?", hakte ihr Bruder ungeduldig nach. "Wer ist er?"
"Er heißt Tom Riddle", erklärte Elyna also. "Aber er hat den Namen vor langer Zeit abgelegt und nennt sich inzwischen Lord Voldemort."
Josec riss die Augen auf. "Der Dunkle Lord ist unser Vater?!", rief er ungläubig.
Elyna nickte. "Ja, so unwahrscheinlich das auch klingen mag."
Nach dieser Offenbarung herrschte einige Minuten lang Schweigen zwischen den Zwillingen. Elyna wurde nervös. Konnte ihr Bruder bitte endlich etwas sagen?
"Jo?", fragte sie leise und streckte eine Hand nach ihm aus.
Er saß auf einem Pult ihr gegenüber und starrte den Boden an, doch ihre Berührung riss ihn schlagartig aus seinen Gedanken. "Das erklärt einiges", brachte er schließlich heraus. "Warum wir so leicht Schwarze Magie nutzen können. Warum unsere Magiereserven so hoch sind. Weshalb wir so gut sind in fast allem, was wir tun."
Elyna grinste schief. "Schieb das jetzt bitte nicht alles auf unsere Gene! Immerhin haben wir beide viel Arbeit investiert, um so gut zu werden!"
Josec sah sie an und lächelte ganz plötzlich.
Elyna erwiderte die Geste und war unglaublich erleichtert, es ihm endlich erzählt zu haben.
Josec stand auf und lief langsam zu einem der Fenster hinüber. Dort blieb er stehen und starrte nach draußen auf den Schwarzen See. Fröhliches Kreischen drang leise bis zu ihnen herauf. Es war ein schöner Tag und viele Schüler würden sich im See abkühlen.
Elyna sah den Rücken ihres Bruders an und fragte sich, was wohl in ihm vorging.
"Was machen wir jetzt?", stellte Josec schließlich die Frage, die auch Elyna schon seit einer Weile belastete.
Die Schwarzhaarige zuckte mit den Schultern, dann fiel ihr ein, dass Josec das ja gar nicht sehen konnte. "Ich weiß es nicht", sagte sie also.
"Denkst du, es bringt uns einen Vorteil ihm gegenüber, wenn er erfährt, dass wir seine Kinder sind?"
Elyna runzelte die Stirn. "Wie meinst du das?"
Josec wandte den Blick vom Schwarzen See ab und schaute seine Schwester an. "Ich habe schon seit einer Weile darüber nachgedacht, ob ich mich ihm anschließe, weißt du? Man hört so einige Schauergeschichten über den Dunklen Lord und seitdem ich Sirius kenne, denke ich ab und an zweimal darüber nach, bevor ich etwas tue. Auf der anderen Seite vertritt er größtenteils die gleichen Ansichten, von denen auch ich überzeugt bin. Außerdem finde ich es gut, dass er sich nicht scheut, seine Stärke zu beweisen und damit zu zeigen, dass er nicht so ein verweichlichter Schwächling wie der Zaubereiminister ist. Er ist zwar unleugbar extrem radikal, aber ohne eine entsprechende Überzeugungskraft kann man sich in dieser Welt nicht durchsetzen."
Elyna war überrascht von der kleinen Ansprache ihres Bruders. Sie hätte nicht gedacht, dass er sich bereits so viele Gedanken über den Dunklen Lord gemacht hatte.
"Ich weiß nicht, inwieweit die Tatsache, dass ich sein Sohn bin, Einfluss auf meine Position bei ihm haben wird, aber ich werde es auf jeden Fall herausfinden."
Elyna seufzte innerlich, als sie den unbrechbaren Willen und die Sturheit in den Augen ihres Bruders sah. Doch nach außen nickte sie lediglich. "Ich habe mir auch schon meine Gedanken über den Dunklen Lord gemacht, aber bisher bin ich zu keinem Ergebnis gekommen, mit dem man zufrieden sein könnte."
Josec schien mit ihrer Antwort nicht sonderlich glücklich, doch er akzeptierte ihre Unentschlossenheit - zumindest vorerst.
Elyna erhob sich von dem alten Pult und ging zu ihrem Bruder, der noch immer am Fenster stand. Gemeinsam sahen sie nach draußen.
Schnell fand Elyna ihre Freunde unter dem Baum, den sie seit einer Weile für sich beanspruchten. Narzissa unterhielt sich angeregt mit Regulus über irgendetwas scheinbar ziemlich wichtiges. Severus las ein Buch über Schwarze Magie, das Rabastan ihm ausgeliehen hatte - Elyna erkannte das Buch am Einband, da sie es selbst schon gelesen hatte. Rabastan selbst lag im Schatten des Baumes und schien zu schlafen. Sein Gesicht wirkte für jeden, der ihn nicht kannte, entspannt und zufrieden, doch Elyna wusste es besser. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten dadurch eine kleine Falte auf seiner Stirn, seine Lippen waren etwas zu sehr aufeinandergepresst und seine Finger spielten unruhig mit einer Haarsträhne. Er wartete auf Elyna.
Sie lächelte, als sie ihn so unter dem Baum liegen sah und war mal wieder überwältigt davon, dass sie solch einen wundervollen Verlobten hatte. Elyna warf einen kurzen Blick zu Josec und bemerkte interessiert, dass er verträumt zum See hinunterstarrte. Sie tat es ihm gleich und musste unwillkürlich lächeln.
Josec beobachtete nämlich Sirius Black. Der Gryffindor stand nur in einer Badehose - wodurch er von vielen Mädchen angehimmelt wurde, auch wenn keine sich traute, ihn anzusprechen, weil jeder von den "Gerüchten" über ihn und Josec wusste - im Schwarzen See und versuchte gemeinsam mit Potter, Remus ins Wasser zu schubsen.
Bei dem Gedanken an den Werwolf mit den moosgrünen Augen machte etwas in Elynas Herz gefährlich laut 'Knack', doch sie ignorierte den Schmerz und sah wieder zu Josec. "Weißt du schon, wie es nach der Schule mit euch weitergeht?"
Auf Josecs Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, das seine schwarz-grünen Augen zum Strahlen brachte. "Ich habe da schon etwas geplant", verkündete er und wandte nun doch den Blick seiner Schwester zu. "Sirius und ich haben schon darüber gesprochen, dass wir uns in vielen Dingen einfach zu uneinig sind. Trotzdem wollen wir nach der Schule zusammenziehen. Unsere Wohnung soll zu einem neutralen Bereich werden, in dem wir nicht über den Dunklen Lord oder etwaige Widerstandsbewegungen reden. Wir sind uns durchaus bewusst, dass dort draußen ein Krieg wütet und wir für zwei verschiedene Seiten kämpfen wollen, aber wir lieben uns und wir wollen es versuchen." Josec klang so überzeugt, dass Elyna nicht eine Sekunde daran zweifelte, dass das Ganze funktionieren würde. Sie lächelte ihren Bruder an und war froh darüber, dass er so glücklich mit Sirius war.
"Was ist?", fragte er, weil sie einfach nicht aufhörte zu lächeln.
"Nichts", antwortete sie und wandte verlegen den Blick ab. "Ich finde es nur schön, dass du jemanden gefunden hast, mit dem du dein Leben teilen willst und der dich glücklich macht."
Josec wurde rot und kratzte sich peinlich berührt am Hinterkopf.
Bevor sich ein unangenehmes Schweigen zwischen ihnen ausbreiten konnte, fragte Elyna schnell: "Wollen wir dann wieder zu den anderen nach draußen gehen?"
Ihr Bruder nickte und so machten sie sich auf den Weg durch das Schloss und hinaus zu ihren Freunden. Josec stand nur kurz bei ihnen, dann verschwand er betont unauffällig zum Schwarzen See und überraschte Sirius von hinten mit einem Kuss in den Nacken. Elyna hatte sich in der Zwischenzeit zu Rabastan gesetzt, der erfolglos versuchte zu verbergen, dass er sich über ihre Ankunft freute. Sie fing ein Gespräch mit dem Schwarzhaarigen an und ignorierte dabei mit mäßigem Erfolg das Gefühl, das sich in ihrem Magen ausbreitete, weil Remus viel zu häufig zu ihr herüber sah.
