Die Weihnachtsferien brachen an und Narzissa und Regulus fuhren nach Hause. Rabastan blieb dieses Jahr mit Severus und den Zwillingen in Hogwarts, weil seine Eltern über die Feiertage ins Ausland reisten.
Die vier Freunde waren somit die einzigen Sechstklässler aller vier Jahrgänge, die in der Schule blieben - von Remus wusste Elyna, dass die Rumtreiber Weihnachten bei den Potters feiern würden. Sie machten es sich in ihrem beinahe völlig leeren Gemeinschaftsraum auf den guten Sofas vor dem Kamin bequem und redeten über alles mögliche. Ab und an spielten sie auch Zauberschach oder machten ihre Hausaufgaben.
Am Weihnachtsmorgen - Elyna hatte wie immer bei den Jungs geschlafen - wurden sie von Severus Wecker geweckt, da der Schwarzhaarige vergessen hatte, ihn auszuschalten.
Elyna grummelte ein wenig und setzte sich auf. Als ihr Blick jedoch auf den Geschenkestapel fiel, war ihre schlechte Laune sofort verflogen. "Frohe Weihnachten", rief sie fröhlich und holte damit auch die Jungs aus ihrem Halbschlaf, in den sie wieder verfallen waren, nachdem Severus den Wecker ausgestellt hatte.
"Morgen", lächelte Rabastan sie an, blieb allerdings liegen und machte keine Anstalten aufzustehen.
Spielerisch setzte Elyna sich auf seinen Bauch, die Hände neben seinem Kopf abgestützt, und beugte sich zu ihm herunter bis sich ihre Nasenspitzen berührten.
Severus räusperte sich. "Ich weiß ja, dass ihr kein herkömmliches Paar seid, aber ich wäre trotzdem froh, wenn ihr so etwas in meiner Gegenwart unterlassen könntet."
Elyna sah überrascht zu dem Freund, dann wieder zu Rabastan. Sie zuckte mit den Schultern, gab ihm einen kurzen Kuss auf den Mund - sie hatten sich inzwischen daran gewöhnt - und setzte sich wieder richtig hin. Dann schnappte sie sich ihr erstes Geschenk.
Es war schwer und konnte von der Form her nichts anderes als ein Buch sein. "Bestimmt eine Schallplatte", riet Elyna grinsend und sah zu Josec. Ihr Bruder lachte, während Rabastan nur verständnislos guckte.
"Was ist eine Schallplatte?"
Elyna blinzelte. "Das ist eine Erfindung der Muggel. Sie können durch Schallplatten auf einem Grammophon Musik abspielen", erklärte sie nach kurzem Überlegen. "Schallplatten sind rund und ziemlich dünn. Meine Äußerung gerade eben war nur als Scherz gemeint, falls du jetzt an meinem Verstand zweifelst."
Rabastan lächelte verlegen und setzte sich auf, während Elyna nun das Buch auspackte. Ungläubig starrte sie auf den Titel, dann zu Rabastan. "Du schenkst mir Die Wunder der Seele?!", brachte sie schließlich heraus. "Aber das war doch so teuer!"
Rabastan zuckte lediglich mit den Schultern und zeigte ihr sein liebevolles Lächeln. "Ich habe gesehen, dass es dir gefallen hat und da ich eh genug Geld habe, dachte ich mir, dass ich es dir einfach kaufe. Wenn du es nicht willst, kann ich es bestimmt auch zurückgeb-"
"Nein!", unterbrach Elyna ihn schnell. "Ich finde es toll! Danke." Sie umarmte den Schwarzhaarigen und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
Danach packten sie noch ihre übrigen Geschenke aus, doch Elyna warf immer wieder sehnsüchtige Blicke zu dem Buch, das auf ihrem Nachttisch lag (eigentlich war es der Nachttisch ihres Bruders, aber naja...). Als die Jungs sich schließlich über irgendetwas unterhielten und sich anzogen, um zum Frühstück zu gehen, nahm sie das Buch zur Hand und schlug es auf.
Sie hatte gerade erst die Einleitung gelesen, in der der Autor davon sprach, dass er nur seine persönlichen Nachforschungen dokumentieren wollte, die keinesfalls wissenschaftlich belegt, aber auch nicht völlig aus der Luft gegriffen waren. Rabastan tippte ihr auf die Schulter. "Kommst du mit zum Frühstück?"
Sie sah nur kurz auf und schüttelte den Kopf. "Nein, bring mir ein Brötchen mit oder so."
Der Schwarzhaarige schüttelte lächelnd den Kopf und verließ mit den anderen beiden Jungs den Schlafsaal.
Elyna las weiter.
Kapitel 1: Zwillingsseelen
Als ich in Amerika war, habe ich einen Zauberer kennengelernt, dem eine der größten Sammlungen historischer Aufzeichnungen gehörte. Er gewährte mir Zugang zu seinem Schatz und ich las in jener Zeit unheimlich viele der verloren geglaubten Schriftstücke. Dabei fielen mir verschiedene Berichte in die Hand, die ich teilweise noch ins Englische übersetzen musste. In ihnen wurden von großen Persönlichkeiten erzählt, die die Geschichte der Welt maßgeblich verändert haben, auch wenn sie heute teilweise vergessen wurden. Am besten erkläre ich es an dem Beispiel der Hogwartsgründer Salazar Slytherin und Godric Gryffindor. Denn diese beiden waren Zwillingsseelen.
Zwillingsseelen müssen in keinster Weise verwandt seien, es geht lediglich um die Verbundenheit der Seelen. Laut einem Mythos wurde die Welt von einem mächtigen Zauberer erschaffen, der sie nach seinem Willen formte und zurechtbog. Da sie ihm allerdings zu still war, erschuf er daraufhin die Seelen, die sie bevölkern sollten. Zu Anfang waren die Seelen körperlos und durchstreiften in Eintracht und Harmonie seine Welt. Erst im Laufe der Zeit banden sie sich an sterbliche Körper und wenn dieser Körper starb verbrachten sie einige Jahrhunderte im Jenseits bis sie vom Tod als rein genug erachtet wurden und wieder einen neuen Körper bewohnen durften.
Nun hat aber dieser erste Zauberer, der die Welt und die Seelen, nicht aber die Körper, erschaffen hatte, einen minimalen Fehler begannen, den er nie als solchen bezeichnet hätte.
Denn alle hundert Millionen Seelen gab es eine, die größer war als die anderen. Sie passte demnach nicht in einen einzigen Körper. Als eine solche Seele es dennoch versuchte, wurde sie in zwei gleiche Teile gespalten und in zwei verschiedene Körper geschleust. Die zwei Seelenteile verspürten eine unglaubliche Anziehungskraft zueinander und wenn sie zusammenarbeiteten, konnten sie eine Macht entfesseln, die der des ersten Zauberers gleichkam.
So entstanden die Zwillingsseelen.
Godric Gryffindor und Salazar Slytherin erreichten zusammen so viel, doch obwohl sie das ständige Bedürfnis hatten, beieinander zu sein, standen sich ihre Ansichten im Weg. Nachdem sie Hogwarts gegründet hatten, waren sie häufig in unmittelbarer Nähe zueinander, die sie einerseits begehrten, die sie gleichzeitig aber auch verrückt machte. So verließ Salazar die Schule und hinterließ nur seinen ergebenen Diener, der ihm berichten sollte, falls Godric etwas passierte. Nicht, dass es nötig gewesen wäre. Zwillingsseelen spüren ohnehin immer, wenn es ihrer anderen Hälfte schlecht geht.
Durch Zwillingsseelen wurden in der Vergangenheit bereits Kriege gewonnen und verloren. Auf der einen Seite ist es nämlich so, dass sie durch ihre Bindung kommunizieren können, indem sie Gedanken oder Bilder in den Geist des Anderen senden. Sie stimmen intuitiv ihre Zauber aufeinander ab und wissen, wann dem anderen Gefahr droht. Doch auf der anderen Seite kann der Tod einer Zwillingsseele verheerende Folgen haben. Man muss sich vorstellen, dass es sich zwar um zwei Menschen handelt, es letztendlich aber eigentlich nur eine Seele ist. Stirbt nun einer der Körper, sodass die darin enthaltene Seele gewaltsam aus der Welt ins Jenseits gerissen wird, kann das dem anderen Seelenteil extrem schaden. Er kann seinem Gegenstück folgen, dabei stirbt der Körper also lediglich. Er kann aber auch völlig verrückt werden durch den Verlust seines Gegenstückes. Wenn sich Zwillingseelen nicht zusammen in der normalen Welt oder im Jenseits befinden, können sie nicht miteinander kommunizieren und das treibt beide Seelenteile in den Wahnsinn, auch wenn nur einer von ihnen noch Schaden anrichten kann. Der Tod des Körpers wäre in diesem Fall also für alle Beteiligten die bessere Wahl.
