35. Die perfekte Braut

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Elyna war seit fünf Uhr morgens auf den Beinen und wuselte um Narzissa herum. Die Blonde würde heute heiraten, aber im Gegensatz zu den letzten Tagen, in denen sie aufgeregt und nervös gewesen war, benahm sie sich jetzt... seltsam.
Narzissa trug ein wunderschönes Brautkleid in A-Linie, das perfekt zu der Reinblüterin passte. Es hatte beinahe durchsichtige Dreiviertelärmel und der durch Spitze halb verhüllte und angemessen tiefe Ausschnitt hob hervorragend ihr Dekolleté hervor. Das Kleid lag im Brustbereich und an der Taille bis hin zur Hüfte eng an, sodass Narzissas schlanke Figur gut betont wurde. Die Spitze rankte sich von ihrem Ausschnitt bis zu ihrer Taille hinunter und wurde dabei immer weniger. Erst an der Stelle, an der der Rock des Kleider sanft bis zum Boden fiel, nahm die Kunstfertigkeit und Vielfalt der Spitze wieder sprunghaft zu.
Doch kein Lächeln zierte Narzissas Gesicht an diesem Tag, der der schönste im Leben einer Frau sein sollte.
Die brustlangen Haare ihrer Freundin hatte Elyna mit einem Zauber gelockt und in einer schlichten Frisur hinter ihrem Kopf hochgesteckt, sodass sie ihr nicht ins Gesicht fallen würden. Ein weiterer Zauber sorgte dafür, dass keine der Strähnen von ihrem Platz verrutschen konnte, immerhin würde es ein langer Tag werden.
Doch Narzissas sturmgraue Augen blickten in die Ferne, als wäre sie viel lieber an einem anderen Ort, an dem sie heute nicht den Mann heiraten musste, den sie eigentlich seit zwei Jahren abgöttisch liebte.
Elyna legte ihrer Freundin die Kette um, nach der sie am vorherigen Tag stundenlang gesucht hatten und die so teuer gewesen war, dass eine vierköpfige Familie eine Woche davon hätte leben können. An der reinen Silberkette hing ein kleiner Anhänger, der einen weißen Edelstein umfasste. Elyna hatte den Namen des Steins bereits vergessen, doch sie fand ihn wunderschön, denn durch seine reinweiße Oberfläche zog sich ein schwarzer, bodenlos wirkender Krater. Die Schwarzhaarige verstand nicht, weshalb Narzissa unbedingt _diese_ Kette hatte kaufen wollen. Die Blonde hielt normalerweise nichts von Rebellion und Chaos, die der Stein eindeutig versprach.
Doch heute wütete ein Feuer in Narzissas Innerem, das Elyna sich nicht erklären konnte und das ihr einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagte.
Elyna holte aus dem Schrank die Schuhe, die sie gemeinsam gekauft hatten. Sie waren schneeweiß und hatten etwa sieben Zentimeter Absatz. Nach vorne liefen sie spitz zu und sie zeigten regelrecht unanständig viel Haut, auch wenn die Füße der Braut unter ihrem Hochzeitskleid versteckt sein würden.
Doch Narzissa schlüpfte nur mit einem bedauernden Blick in die Schuhe, über deren Fund sie sich zuvor noch so gefreut hatte.
Elyna stand vor ihrer Freundin, betrachtete sie lange und eingehend. Narzissa sah aus wie ein vom Himmel gefallener Engel.
Ein äußerst unglücklicher Engel.
Ein Engel, der scheinbar gerne über etwas reden würde, aber es nicht wagte.
Ein Engel, dessen Blick immer wieder sehnsüchtig in die Ferne wanderte.
Elyna nahm die Hand ihrer Freundin und führte sie zu einem Sofa, das vor dem Fenster stand. Sie setzten sich hin und die Schwarzhaarige hob auffordernd die Augenbrauen. "Was ist los, Zissy?"
Die Blonde saß aufrecht auf dem Sofa, die Hände ordentlich in ihrem Schoß gefaltet. In diesem Moment sah sie mehr denn je wie die perfekte Reinblüterin aus, die sie war. Die perfekte Braut. "Ich habe das Gefühl", begann sie nach einer Weile des Schweigens leise, "dass mein Leben zu Ende ist, wenn ich Lucius heute heirate."
Elyna sagte nichts darauf, ihre Freundin schien noch nicht fertig zu sein.
"Manchmal beneide ich Sirius, weißt du? Er hat gegen seine Eltern rebelliert, sich seine eigenen Freunde gesucht und einfach gemacht, was er wollte. Er hat sich nicht darum geschert, was seine Familie über ihn denken könnte, sondern ist für seine Überzeugungen eingetreten. Er hat sich von seiner Familie gelöst und ist der wahrscheinlich glücklichste Black, den es je gegeben hat." Die verschiedensten Emotionen schwangen in Narzissas Stimme mit und sie drehte ihren Kopf zu Elyna, sodass die Schwarzhaarige die Verzweiflung darin sehen konnte. "Was ist, wenn ich mit Lucius nicht glücklich werden kann? Wenn mein ganzes Leben nur noch aus Langeweile und Selbstmitleid besteht? Ich habe nie ein schlechtes Wort über meine Familie verloren, war immer die perfekte Vorzeigetochter mit den perfekten Noten, die ohne jeden Zweifel die perfekte Ehefrau abgeben wird. Ich will nicht, dass mein Leben jetzt schon vorbei ist, Ly! Ich möchte meine eigenen Entscheidungen treffen und Fehler begehen. Ich möchte lachen und lieben und weinen und hassen. Ich möchte nicht, dass ich eines Tages auf mein Leben zurückblicke und feststellen muss, dass ich nichts geleistet habe." Nun brach die Blonde endgültig in Tränen aus und Elyna rutschte schnell näher zu ihr heran, zauberte ein Taschentuch herbei und verhinderte effektiv, dass die Tränen etwas anderes als Narzissas Gesicht berührten.
"Zissy", sagte sie leise, aber ihre Freundin weinte einfach weiter. "Zissy, sieh mich an!" Nun hob Narzissa doch noch den Kopf und die Hilflosigkeit in ihren Augen brach Elyna beinahe das Herz. "Hör zu. Wenn du diese Ehe nicht möchtest, wenn du wie Sirius rebellieren und Abenteuer erleben willst, wenn du schlicht und einfach noch nicht bereit bist, dann stehe ich dir natürlich bei! Wir können jetzt sofort aufbrechen und abhauen - irgendwo am Karibischen Meer gibt es sicher einen Ort, an dem niemand uns finden würde, egal wie lange sie nach uns suchen. Du kannst rebellieren und aus deiner Rolle schlüpfen, die dir ständige Perfektion aufzwingt. Du kannst deine eigenen Entscheidungen treffen und Fehler machen. Du kannst lieben und lachen und hassen und weinen." Elyna strich ihrer Freundin die feuchten Tränen von den Wangen und schaute sie liebevoll an. In Narzissas sturmgrauen Augen standen Hoffnung, Zweifel, Angst, Resignation und Widerstand. Elyna legte den Kopf schief und lächelte nachsichtig. "Aber glaubst du wirklich, dass du das willst? Du hast dich aus freien Stücken dazu entschieden, Lucius zu lieben und du hast gelernt, dass du auch in deiner perfekten Rolle Freiheiten hast. Rabastan, Reg, Severus, Jo und ich - wir sind deine Freunde, weil du selbst es so entschieden hast. Du wolltest mit uns zusammen deine Schulzeit erleben und das hast du auch getan! Willst du dein ganzes wundervolles Leben wegwerfen, weil es vielleicht anders aussehen könnte? Zissy, ich stehe immer hinter dir, egal wofür du dich auch entscheidest - ob du nun abhaust und den Mann stehen lässt, den du liebst, oder ob du dich dem Schicksal stellst, das deine Eltern dir aufgedrückt haben, und etwas Unglaubliches daraus machst!"
Narzissa starrte eine Weile stumm vor sich hin, während die salzigen Tränen auf ihren Wangen trockneten. Dann stand sie auf, stellte sich ans Fenster und schaute hinaus in den Garten, in dem die Zeremonie stattfinden sollte. Schließlich seufzte sie leicht und fragte leise: "Du würdest wirklich mit mir abhauen?"
Elyna nickte sofort, auch wenn die Blonde das nicht sehen konnte. Sie stand auf, ging zu ihrer Freundin und nahm ihre Hand. "Immer. Du bist meine beste Freundin, Zissy, und wenn es das ist, was du wirklich willst, dann werde ich dich auf jeden Fall unterstützen."
Narzissa lächelte und umarmte Elyna lange. "Ich bleibe", flüsterte sie der Freundin ins Ohr. "Ich entscheide aus freien Stücken, dass ich bleibe und mit euch zusammen alt werde. Ich liebe Lucius und ich werde ihn nicht verlassen, weil Sirius mich mit seinem Rebellismus angesteckt hat." Sie lachte und löste sich dann langsam von Elyna. "Wenn dir vor deiner Hochzeit mit Rabastan Zweifel kommen sollten, dann sag Bescheid, ja? Im Zweifelsfall können wir immer noch in die Karibik flüchten."
Elyna lachte laut und zog ihre Freundin mit sich zu dem kleinen Schminktisch, der darauf wartete, benutzt zu werden. "Keine Sorge, ich würde Rabastan nicht einmal dann verlassen, wenn andernfalls die Welt untergehen würde."
Narzissa schmunzelte über ihre Freundin. Sie kannte Elyna seit sieben Jahren, Rabastan sogar noch länger, aber trotzdem verstand sie manchmal nicht, was genau das zwischen den beiden war. Ihre Liebe war so unschuldig und allumfassend, dass es sie zeitweilig regelrecht erschlug.

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