24. In der Umkleide

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Es war ein Samstag Anfang Februar und die Quidditchteams von Hufflepuff und Slytherin kämpften sich durch den aufziehenden Schneesturm. Der Wind wehte immer heftiger, als wolle er die Spieler von ihren Besen werfen. Josec konnte stolz von sich behaupten, dass er einer der besten Flieger war, die seine Hausmannschaft je gehabt hatte, dennoch hatte auch er so seine Schwierigkeiten mit dem Sturm. Weiße Flocken wirbelten unkontrolliert über das Spielfeld und bedeckten alles mit einer dicken Schneeschicht. Josec spürte seine Finger kaum noch, ganz zu schweigen von seinen Zehen. Mehrmals war ihm beinahe der Quaffel aus der Hand gerutscht, doch er hatte genug Spielerfahrung um ihn rechtzeitig wieder zu packen.
Der Hüter der Hufflepuffs hatte einen verirrten Klatscher seiner eigenen Mannschaft abbekommen und wurde inzwischen von Madam Pomfrey versorgt. Dadurch waren die Torringe der Dachse völlig frei und die Jäger der Slytherins hatten leichtes Spiel. Sie lagen mit 210 zu 20 vorne, demnach war es relativ egal, welcher Sucher den Schnatz fangen würde.
Beeil dich, Reg!, dachte Josec, während er das nächste Tor warf. Inzwischen waren auch seine Ohren und die Nase völlig taub. Er fror erbärmlich und zitterte wie Espenlaub. Fang endlich den verfluchten Schnatz, Reg!
Auf der beinahe undurchdringlichen Schneewand vor ihm zeichnete sich ein Schatten ab. Instinktiv riss Josec seinen Besen herum und sah dem Klatscher, der ihn fast getroffen hätte, einen Augenblick hinterher. Dann versuchte er, sich zu orientieren und seine Mitspieler zu finden. Nicht, dass man sich bei dem Wetter einen ordentlichen Pass zuwerfen konnte.
"Und Black fängt den Schnatz! Slytherin gewinnt! Ab zurück ins Schloss, Leute!", hörte Josec plötzlich die Stimme des Kommentators - ein Fünftklässler aus Ravenclaw. Eine Welle der Erleichterung durchflutete ihn und er steuerte seinen Besen langsam in die Richtung, in der er den Boden vermutete. Leider flog er tiefer als erwartet und setzte dementsprechend unsanft auf der hartgefrorenen Erde auf. Er verkniff sich ein schmerzerfülltes Stöhnen und sah sich um, in der Hoffnung, in dem Schneegestöber einen vertrauten Umriss auszumachen. Tatsächlich erblickte er rechts von sich einen Schatten und in Ermangelung einer Alternative humpelte er darauf zu. Erst als er direkt vor der Tür der Umkleidekabine stand, sah er die Farben. Rot und Gold.
Josec knurrte unwillig, aber da er aufgrund des Schneesturms kaum eine andere Wahl hatte und er Erfrieren nicht in Betracht zog, stieß er die Tür auf und betrat den Raum.
Natürlich war er leer. Die Gryffindors hatten nicht gespielt, warum sollten sie in ihrer Umkleide sein? Selbst die Slytherins würden schnurstracks zum Schloss zurücklaufen, damit sie nicht noch länger in diesem Schneesturm ausharren mussten.
Josec hingegen würde wohl noch eine Weile hier bleiben. Sein Knöchel tat höllisch weh und der Weg zum Schloss war weit.
Stöhnend ließ Josec sich auf eine der Bänke fallen und zog seine nasse Quidditchuniform aus.
In den Umkleiden gab es Merlin sei Dank immer genügend neutrale Kleidung, derer Josec sich nun bediente. Er zog mehrere dicke Sockenpaare an, zwei Hosen, ein Hemd, darüber zwei T-Shirts, einen Pullover und eine Jacke sowie Handschuhe und Mütze. Noch immer fror er jämmerlich und so humpelte er in das angrenzende Bad und setzte sich mit einer Decke auf den Boden in eine der Duschkabinen.
Hätte er doch nur seinen Zauberstab bei sich. Aus einer alten Angewohnheit heraus hatte er den Ebenholzstab in seinem Zimmer gelassen, anstatt ihn mitzunehmen, damit er einen Wärmezauber über sich sprechen konnte. Manchmal zweifelte er wirklich ein wenig an sich selbst.
Knurrend und leise vor sich hinmeckernd kuschelte der Schwarzhaarige sich tiefer in die Decke, versuchte sich von der Kälte abzulenken. Und von der Einsamkeit.
Josec hasste es, allein zu sein. Früher war er fast nie allein gewesen, immer war seine Schwester bei ihm. Aber inzwischen... Seit diesem furchtbaren Duell vor zwei Monaten war es nicht mehr so wie zuvor. Waren sie zu zweit in einem Raum, herrschte angespanntes Schweigen zwischen ihnen, als würden sie beide nur darauf warten, dass der andere den ersten Fluch aussprach.
Das hieß nicht, dass sie einander egal waren. Im Gegenteil. Noch immer reagierte Josec empfindlich, wenn jemand schlecht von seiner Schwester sprach. Deshalb war es auch kein Wunder, dass seine Wut auf Sirius noch nicht abgeklungen war. Immerhin hatte der Black Elyna angegriffen und ihr vermutlich Merlin-weiß-was angetan, wenn Regulus ihn nicht davon abgehalten hätte!
Ja, Josec war noch immer sauer auf den Gryffindor.
Was nicht bedeutete, dass er ihm nicht fehlte.
Vor diesem Vorfall hatten sie sich regelmäßig gesehen. Sirius hatte nach den Trainingseinheiten der Slytherins in der Quidditchumkleide der Gryffindors gewartet und sie hatten sich dort getroffen. Ohne Erwartungsdruck von außen, der ihnen eine uralte Feindschaft aufzwang, konnten sie sich ganz normal unterhalten. Sie redeten über alles mögliche - ihre Geschwister, ihre Freunde, ihre Noten, ihre Zukunftspläne. Und auch wenn sie sich in vielen Dingen uneins waren, nahmen sie die Eigenarten des Anderen einfach an und lernten schnell, wie sie angemessen reagieren konnten. Zum Beispiel durfte Josec kein schlechtes Wort über James Potter verlieren, während Sirius lernte, nichts gegen Elyna zu sagen.
So kam es auch, dass sie die Freunde des jeweils Anderen auf den Korridoren nicht mehr angriffen. Bei Josec fiel das weniger auf, weil James Potter regelmäßig Streit suchte. Dass Sirius immer seltener auf die Slytherins losging war jedoch äußerst ungewöhnlich und dementsprechend auffällig. Josec und Sirius lachten hinterher immer über die verdutzten Gesichter ihrer Freunde.
Josec zog die Decke enger um sich. Er hatte schon ewig nicht mehr richtig mit Sirius gesprochen, ging dem Gryffindor aus dem Weg, wo er nur konnte, und hatte trotzdem das Gefühl, er würde ihn überall hin verfolgen.
Ja, er vermisste Sirius. Mehr als er zugeben wollte.
Josec legte seinen Kopf auf den Knien ab, die Müdigkeit übermannte ihn. Vor seinen Augen erschien das Bild von Sirius und lächelnd überließ der Slytherin sich der Schwärze.

...Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt