44. Glückseligkeit

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Am 28. Juli 1980 wurde Elyna kurz nach Mitternacht von dem dringenden Bedürfnis geweckt, zur Toilette zu gehen. Auf dem Rückweg ins Schlafzimmer zu Remus bemerkte sie überrascht, dass ihre Fruchtblase geplatzt war.
Seltsamerweise verspürte sie keinerlei Nervosität oder Unsicherheit, die sie in den letzten Monaten immer wieder überkommen hatte. Stattdessen erfüllte sie eine innere Ruhe und Gelassenheit, durch die sie sich ihr klares Denken bewahren konnte. Ohne Hast zog sie sich frische Kleider an, packte eine Tasche für jeden eventuell eintretenden Notfall, rief ein Taxi und weckte dann erst Remus.
Der Werwolf sprang geradezu an die Decke, als sie ihm erzählte, dass das Baby kommen wollte. Seine sonstige Ruhe kehrte erst zurück, nachdem sie in das Taxi eingestiegen waren und sich zum St. Mungos kutschieren ließen.
Während der gesamten Fahrt von Remus' Wohnung zum Krankenhaus und danach bis hinauf in den Kreißsaal, in den eine Heilerin sie geschickt hatte, überkamen Elyna zunehmend stärker werdende Wehen. Keuchend ließ sie sich von Remus in das Krankenhaushemd helfen und zerquetschte ihm dabei die Hände.
"Soll ich Rabastan Bescheid sagen?", fragte der Braunhaarige besorgt, als sie ein weiteres Mal schmerzerfüllt aufstöhnte.
Elyna schüttelte den Kopf und lief langsam im Zimmer auf und ab. "Nein, das bringt nichts. Bei Reinblütern ist es nicht üblich, dass der Mann bei der Geburt seines Kindes dabei ist. Rabastan würde nur vor dem Kreißsaal stehen und-" Sie sog scharf die Luft ein und griff nach Remus' Hand, um sie erneut zu zerquetschen, als die nächste Wehe sie überrollte. Sie redete erst weiter, nachdem sie ihren Atem wieder etwas beruhigt hatte. "Er würde vermutlich den muggelstämmigen Heilern, die hier herumlaufen, einen Cruciatus-Fluch nach dem anderen auf den Hals hetzen, wenn sie auch nur komisch in seine Richtung gucken. Nein, wenn du bei mir bist, Remus, reicht das völlig aus."
Dass der Werwolf sich bei ihren Worten stolz aufrichtete, bemerkte Elyna nicht. Die nächste Wehe brach bereits über sie herein.
Nach einer halben Stunde voller Schmerzensschreie und Verwünschungen das männliche Geschlechtsorgan betreffend, kam schließlich eine Heilerin herein, die sich als Dr. Wilson vorstellte und Elyna bat, sich nun in das vorbereitete Bett zu legen. Sie prüfte, wie weit der Muttermund bereits geöffnet war, sprach der Schwarzhaarigen Mut zu und verabreichte ihr einen schmerzstillenden Trank. Als sie ihr schließlich erlaubte zu pressen, brach Elyna Remus dabei fast die Hand, doch der Werwolf war klug genug, sich nichts anmerken zu lassen.
Und dann war es soweit.
Elyna spürte ihren Unterleib beinahe zerreißen, sie fühlte etwas aus ihr hinausflutschen und bekam höllische Angst, als die Heilerin nichts sagte. Sie richtete sich panisch ein Stück auf, wollte ihr Kind mit eigenen Augen sehen.
Ein zunächst leises und dann immer stärker werdendes Geschrei ertönte im Raum. Die meisten Menschen würden es wohl nicht als etwas Besonderes wahrnehmen, doch für Elyna war es das schönste Geräusch, das sie je gehört hatte. Das kleine, blutverschmierte Wesen in den Armen der Heilerin schrie wie am Spieß.
Dr. Wilson lächelte freundlich, während sie das Baby in eine Decke einwickelte. "Herzlichen Glückwunsch", gratulierte sie Elyna und legte der Schwarzhaarigen das winzige Bündel auf den Bauch. "Sie sind nun die Mutter eines wunderschönen Mädchens."
Elyna nahm ihre Worte kaum wahr, jede einzelne Zelle in ihrem Körper schien auf dieses winzige Wesen auf ihrem Bauch ausgerichtet zu sein. Mit einer Hand drückte sie ihr Kind fest an sich, das ganz langsam aufhörte zu schreien. Mit der anderen Hand fuhr sie ihre Gesichtszüge entlang. Sie kam gar nicht mehr aus dem Staunen heraus.
Das hier war ihr Kind.
Ihr Baby.
Ihr kleines Mädchen.
Ihr unglaubliches Wunder.
Elyna spürte die Tränen nicht, die ihr über die Wangen liefen, weil ihr Herz vor Freude überquoll. Sie bemerkte auch Remus nicht, der neben ihr stand und genauso verzaubert war wie sie.
Fasziniert betrachtete Elyna ihre Tochter.
Sie hatte dunklen Flaum auf dem Kopf, der wohl erst mit den Jahren wirklich schwarz werden würde. Die Augen, die nur für einige zaghafte Blinzler geöffnet worden waren, sahen genauso aus wie die ihrer Mutter - völlig schwarz mit einem grünen Ring um die Pupille und zwei grünen Tupfen. Elyna strich liebevoll über die schmale, gerade Nase, die die Kleine eindeutig von ihr geerbt hatte. Ihre Finger wanderten weiter zu den scharf abgezeichneten Lippen und zu den Ohren, die etwas zu spitz waren. Remus hatte die gleichen Ohren - es lag an den Werwolfgenen, hatte er ihr einst erzählt.
Elyna starrte ihre Tochter unverwandt an. "Sie ist wunderschön", flüsterte sie leise und ihre Stimme war erfüllt von der Liebe, die sie für dieses winzige Wesen empfand.
Elyna zog ihr Kind näher an sich heran und sog genießerisch den Geruch nach Blut und Baby in sich ein. Sie schwor sich, niemals zu vergessen, wie ihre Tochter in diesen ersten Momenten roch. Es war ihr ureigener Duft, der später durch Shampoo, Deo, Schweiß und andere Gerüche überdeckt werden würde.
Es war, als wäre alles vor diesem Moment unwichtig geworden. Die sieben Jahre in der Schule, die elf Jahre davor auf der Straße. Ihre Liebe zu Rabastan, Josec und Remus. Ihre Freundschaft zu Narzissa, Severus und Regulus. Ihre eigenen Eltern, die sich diesen Titel nie verdient hatten. Dieser verfluchte Krieg, der bereits zu viele Opfer gefordert hatte und noch zu viele weitere verlangen würde.
Nichts.
Absolut gar nichts war in diesem Moment noch wichtig.
Denn Elynas gesamte Welt lag plötzlich in ihren Armen.
Dieses kleine, wundervolle Wesen, das erst vor wenigen Minuten angefangen hatte zu atmen, würde ab sofort ihr Leben bestimmen. Elyna wusste nicht mehr, was sie getan hatte, bevor ihre Tochter geboren wurde. Worin hatte ihr Lebensinhalt bestanden? Es war ihr egal.
Es gab nur eine einzige Sache, derer Elyna sich sicher war. Sie liebte ihre Tochter und sie würde sie vor dieser grausamen Welt beschützen, in die sie sie hineingeboren hatte.

...Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt