Elyna wurde von ihrem Magen geweckt, der sich lautstark beschwerte, dass sie seit zwanzig Stunden nichts mehr gegessen hatte. Sie stieß ihren Bruder leicht mit dem Ellenbogen an, damit sie zusammen etwas suchen konnten, mit dem sich der Hunger stillen ließ. Er war sofort wach - ein tiefer Schlaf konnte einem das Leben kosten.
Elyna erhob sich von der Pappe, die sie als Matratze benutzten, damit sie sich auf den kalten Steinen nicht verkühlten. Im Sommer war das Überleben leichter als im Winter, aber trotzdem kein Zuckerschlecken. Die schmale Gasse, in der sie geschlafen hatten, wurde von schimmelnden Mauern und stinkenden Mülltonnen eingegrenzt und schützte die Zwillinge in der Nacht vor unfreiwilligen Blicken.
"Was essen wir heute?", fragte Elyna ihren Bruder.
Er zupfte sich ein paar Fischgräten vom vorigen Tag aus den Haaren und gähnte. "Heute ist Sonntag", antwortete er dann. "Da schmeißt der Bäcker immer die Brote weg, die er in der Woche nicht losgeworden ist."
"Dann auf zum Bäcker", murmelte Elyna und kletterte über die Mülltonnen auf die Straße. Die Bäckerei lag auf der anderen Seite der Stadt, in der Nähe von den Stegen. Unwillkürlich musste sie an die strenge Dame vom Vortag denken, die ihnen angeboten hatte, sie mit in eine Schule zu nehmen, ihnen lesen und schreiben beizubringen und ihnen Essen zu geben. Elyna glaubte nicht daran, dass sie wiederkommen würde und Josec tat es auch nicht. Trotzdem sah sie sich unbeabsichtigt um, konnte die Professorin jedoch nirgendwo entdecken. Enttäuscht wandte sie den Blick wieder nach vorne und schüttelte den Kopf. Sie durfte sich jetzt keine verwirrenden Gedanken erlauben. Der Bäcker fiel auf die Masche vom armen, unschuldigen Mädchen herein, das ihn immer mit großen Hundeaugen um eins der Brote bat, die er sonst eh nur wegschmeißen würde. Wenn sie irgendeine andere Regung zeigte, würde er ihnen vielleicht nichts geben und dann würde der Hunger wieder zuschlagen - stärker als ohnehin schon.
"Miss und Mr Salwn, ich habe Sie schon gesucht", erklang da auf einmal eine Stimme neben ihnen.
Elyna und Josec wirbelten herum und starrten Professor McGonagall an.
Einige Sekunden vergingen so, dann lächelte Elyna leicht. "Sie ist wirklich zurückgekommen", murmelte sie leise und trat neben ihren Bruder, der sich automatisch schützend vor sie gestellt hatte.
"So, wollen wir dann aufbrechen? Es müffelt ganz fürchterlich an diesem Ort", die strenge Dame hielt ihnen ihre Hände entgegen und lächelte aufmunternd.
Die Zwillinge sahen sich kurz gegenseitig an, nahmen einander an die Hand und streckten die übrig gebliebene nach Professor McGonagall aus. Kaum hatten sie sie berührt, überkam sie das Gefühl, durch einen sehr engen Schlauch gepresst zu werden. Dann war es vorbei. Hätten sie etwas im Magen gehabt, hätten die Geschwister sich zweifellos direkt vor die Füße der Verwandlungslehrerin übergeben. So jedoch waren sie nur etwas grün im Gesicht und ließen schnell die Hände der Professorin los, nicht aber einander.
Erst jetzt fiel ihnen auf, dass sie nicht mehr in der Stadt ohne Namen standen sondern auf einem weiten grasbewachsenen Gelände. Ein Weg führte von einer kleinen Häusergruppe über dieses Gelände zu einem riesigen Schloss, das sich hoch in den Himmel erhob als würde es mit den Wolken spielen wollen.
"Wow", murmelte Elyna ungewollt.
"Willkommen in Hogwarts", erklärte Professor McGonagall stolz. "Hier werdet ihr die nächsten sieben Jahre eures Lebens verbringen, dem Unterricht beiwohnen und eurem Haus hoffentlich keine Schande machen."
Josec runzelte die Stirn. "Was für ein Haus?"
Professor McGonagall setzte sich in Bewegung und begann zu erklären: "Es gibt die Häuser Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin. Jedes hat unterschiedliche Charaktereigenschaften, die von seinen Mitgliedern vertreten werden. Am Anfang des Schuljahres entscheidet der Sprechende Hut, in welches Haus ihr gehört. Ihr werdet mit euren Hauskameraden an einem Tisch sitzen, euch einen Gemeinschaftsraum teilen und mit ihnen im selben Raum schlafen. Im Unterricht könnt ihr euch Hauspunkte erarbeiten und welche verlieren, ab dem zweiten Jahr könnt ihr auch in der Quidditchmannschaft für euer Haus spielen. In den nächsten sieben Jahren wird euer Haus zu eurer zweiten Familie und was immer ihr tut, denkt erst darüber nach, ob ihr damit vielleicht eurem Haus schadet."
Sie waren am Schlossportal angekommen und Professor McGonagall öffnete dieses mit einem leisen Quietschen. "Ich bringe euch als erstes zum Schulleiter, danach zeige ich euch das Zimmer, in dem ihr bis zum neuen Schuljahr bleiben werdet, einverstanden?"
Die Zwillinge nickten nur, völlig überwältigt von den unzähligen Statuen und Gemälden, den vielen Treppen, die so gerne ihre Richtung änderten, wenn man sie gerade überquerte, und den Geistern, die plötzlich ihren Weg kreuzten, indem sie durch die Wände schwebten. Sie realisierten erst jetzt so langsam, dass sie wirklich aus der Stadt ohne Namen entkommen waren und hielten sich nur umso stärker aneinander fest. Als Professor McGonagall vor einem Wasserspeier anhielt und ihm "Schokofrosch" zuraunte, zweifelte Elyna kurz an der geistigen Gesundheit der Verwandlungslehrerin, aber dann sprang der Wasserspeier beiseite und sie liefen eine Treppe hinauf und betraten ein Büro, in dem so viele Gerätschaften standen, die die Geschwister nicht einmal benennen konnten.
"Albus, die Salwn-Zwillinge", stellte Professor McGonagall sie vor und lächelte danach in ihre Richtung. "Miss und Mr Salwn, das ist Professor Dumbledore, der Schulleiter."
Unsicher, was von ihnen erwartet wurde, verbeugten sich die Zwillinge.
Der alte bärtige Mann hinter dem Schreibtisch beobachtete sie aufmerksam und lächelte eigenartig. "Du hattest Recht, Minerva", sagte er jedoch nur. Er musterte sie noch kurz, dann winkte er sie mit einer Hand hinfort. "Geht jetzt, ich habe noch zu tun. Minerva wird sich gut um euch kümmern."
Besagte Dame schien erleichtert und schob die beiden Kinder vor sich her aus dem Raum, die Treppe hinunter und die Korridore entlang bis sie vor einer unauffälligen Tür stehen blieben. "Das hier ist euer Zimmer", erklärte Professor McGonagall ihnen und deutete danach auf eine Tür schräg gegenüber. "Dort drüben ist mein Büro. Ich werde die Hauselfen bitten, euch etwas zu essen zu bringen - ihr seht hungrig aus - und euch heute Nachmittag um drei zu mir zu bringen, damit wir gleich mit dem Unterricht anfangen können. Habt ihr etwas dagegen?"
Die Kinder schüttelten den Kopf und beobachteten die Lehrerin dabei wie sie den Flur überquerte und ihr Büro betrat. Erst als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, betraten die Zwillinge den für die vorgesehenen Raum.
Auf dem Boden lag ein flauschiger roter Teppich, an den Wänden standen helle Holzmöbel, die eine Vielzahl an Büchern trugen, die Fenster offenbarten einen direkten Blick auf das Schlossgelände, wurden jedoch halb von goldenen Vorhängen verdeckt, und auf der linken Seite des Raumes standen zwei Himmelbetten. Sie waren so groß, dass bestimmt fünf Menschen in eines hineingepasst hätten, und sie sahen so weich aus, dass Elyna sich fragte, ob man nicht darin versinken würde.
Mit einem leisem 'Plopp' tauchte plötzlich ein seltsames Wesen mitten im Raum auf. Es reichte den erschrockenen Zwillingen kaum bis zur Hüfte, hatte riesige Augen und noch größere Ohren. Sie überwanden ihre Überraschung allerdings schnell, als sie bemerkten, dass das Wesen ein Tablett mit Essen vor sich trug.
"Bist du der Hauself, den Professor McGonagall uns schicken wollte?", fragte Elyna vorsichtig nach, obwohl sie schon auf das Wesen zuging, denn ihr Hunger war größer als die Angst vor dem Unbekannten.
"Ja, Miss", piepste der Hauself. "Ich bin Eryn, stets zu Diensten." Er verbeugte sich so tief, dass seine Nase den flauschigen Teppich streifte und er niesen musste. Seine Ohrspitzen färbten sich rot und er stellte das Tablett schnell auf einem Tisch ab bevor er sich erneut verbeugte - dieses Mal nicht ganz so tief - und so leise verschwand wie er aufgetaucht war.
Die Kinder stürzten sich auf die belegten Brote und schlangen sie hinunter. Sie bemerkten nur nebenbei, dass sich das Tablett von alleine wieder füllte, egal wie viel sie aßen. Erst als sich ein eigenartiges Füllegefühl in ihnen ausbreitete, wurden sie in ihrem Essverhalten langsamer.
"Das muss ein Traum sein", murmelte Josec leise und starrte ein Brot mit einer Wurst an, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatten und schon gar nicht benennen konnten.
"Ich glaube, ich hätte nicht genug Fantasie für das hier", entgegnete seine Schwester und wies auf alles um sie herum. "Das ist einfach zu verrückt, um ein Traum zu sein."
Einige Stunden später gingen sie gesättigt und ausgeruht - vermutlich das erste mal in ihrem Leben - zu Professor McGonagall. Sie waren sich immer noch nicht hundertprozentig sicher, ob alles nur ein sehr seltsamer Traum war, aber wenn es einer war, dann wollten sie es genießen, denn wann träumte man schon von einem Schloss, das ständig in Bewegung war, seltsamen Wesen, die sich Hauselfen nannten, und so viel Essen, dass sie etwas übrig lassen mussten?
