28. Pokalzimmer

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Es war schon Abend, die Sonne malte den Himmel in wunderschönen Gold- und Rottönen an. Elyna schoss kurz der Gedanke durch den Kopf, wie ein Sonnenuntergang wohl wirken würde, wenn er grün und silbern wäre. Sie kicherte.
"Was ist?", fragte Narzissa, die neben ihr lief.
"Nicht so wichtig", erwiderte Elyna und lächelte die Freundin an.
Sie waren alleine auf ihrem Weg zurück in den Slytheringemeinschaftsraum, denn die Jungs waren der Meinung, mal wieder etwas zusammen machen zu müssen, ohne dass die Mädchen ihnen ins Gewissen redeten. Im Klartext: Sie hatten etwas Dummes vor und wollten es durchziehen, obwohl ihnen die Konsequenzen bewusst waren. Wären Elyna und Narzissa jedoch bei ihnen geblieben, hätten sie ihnen wahrscheinlich den schlimmsten Unsinn ausreden können. Elyna schüttelte gedanklich den Kopf und lächelte. Sie würde es morgen bereuen, aber für heute wollte sie den Jungen ihren Spaß gönnen - sobald die Sonne wieder aufging, würden sie erneut mit dem Lernen beginnen müssen.
Narzissa hatte noch kurz in der Bibliothek ein Buch ausleihen wollen, deshalb befanden sie sich gerade in einem Gang im dritten Stock, als Elyna plötzlich eine Tür auffiel. Stirnrunzelnd ging sie darauf zu.
"Ly?", fragte Narzissa hinter ihr.
Elyna drehte sich kurz um und winkte die Freundin zu sich, bevor sie die Tür öffnete und hineinging.
"Das ist das Pokalzimmer", erklärte Narzissa das Offensichtliche und folgte der Schwarzhaarigen.
Elyna runzelte die Stirn. "Steht Josecs Pokal auch hier? Er hatte doch letztes Jahr einen bekommen, für die meisten Tore in der Saison oder so..."
Narzissa nickte und deutete auf ein schmales Regalbrett, das nicht ganz so verstaubt aussah wie die übrigen. "Ja, James Potter war überhaupt nicht begeistert, dass Josec besser war als er", lachte sie.
Auch Elyna grinste bei dem Gedanken an den Tag vor fast einem Jahr. Der Gryffindor hatte eine ganze Woche so schlechte Laune, dass ihn niemand anzusprechen wagte. Selbst Sirius und Remus waren still gewesen, wenn er sie angefaucht hatte. Schließlich hatte Lily ihm eine Predigt gehalten und ihm gehörig den Kopf gewaschen. Danach hatte er sich bei seinen Freunden entschuldigt und war wieder zu seinem alten Selbst zurückgekehrt - er verhexte kleine Slytherins und erhielt von Lily wieder und wieder einen Korb.
Elyna hatte noch keine Lust, wieder zurück in den Slytheringemeinschaftsraum zu gehen, deshalb sah sie sich ein wenig in dem Pokalzimmer um. Es gab hier Quidditchauszeichnungen, Orden für hervorragende Noten und sogar einige Ehrenmedaillen für besondere Verdienste um die Schule. Letztere standen in einem speziellen Glaskasten, der so aussah, als hätte ihn seit fünfzig Jahren niemand mehr geputzt.
Elyna ließ ihren Blick nur wie zufällig darüber schweifen, doch ein Name lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. "Tom Riddle", las sie leise vor.
Narzissa trat neben sie und schaute sich nun ebenfalls die Abzeichen an.
"Wofür kann man denn Ehrenmedaillen bekommen?", fragte Elyna bemüht beiläufig.
Narzissa zuckte mit den Schultern. "Eigentlich für alles Mögliche. Schau, Allan Shepard hat eine bekommen, aber soweit ich gehört habe, hat er lediglich einen neuen Raum im Schloss entdeckt, den seitdem kaum jemand erneut gefunden hat. Angeblich ist er mal da und mal nicht, bisher konnte noch niemand beweisen, dass es ihn tatsächlich gibt. Illiya Spears hingegen hat eine Diebstahlserie aufgedeckt und den Schülern damit ihr Eigentum zurückbringen können. Man munkelt aber, dass sie selbst die Sachen geklaut hat, dann jemand anderen beschuldigt und alles zurückgegeben hat, um besser dazustehen."
"Und diese da?", fragte Elyna nun und deutete auf die Medaille direkt vor ihr. "Sie wurde Tom Riddle verliehen, aber wofür?"
Narzissa sah sie kurz von der Seite her an, weil ihre Stimme so ungewohnt neugierig klang. Doch sie antwortete ihrer Freundin. "Lucius hat mir davon erzählt. Ein Junge namens Tom Riddle hat angeblich aufgedeckt, wer die Kammer des Schreckens vor fünfunddreißig Jahren geöffnet hat. Damals ist ein muggelstämmiges Mädchen gestorben, aber nachdem Riddle den Täter gestellt hat, haben die Angriffe aufgehört und Hogwarts musste nicht schließen."
Elyna runzelte die Stirn. "Was hat es mit dieser Kammer des Schreckens auf sich?"
Narzissa sah sich kurz um, als hätte sie Angst, jemand könne sie belauschen. "Salazar Slytherin höchstpersönlich hat die Kammer des Schreckens in Hogwarts eingebaut, als er das Schloss verlassen hat", sprach sie leise weiter. "Sie beherbergt laut einer Legende ein Monster, dem nur der Erbe Slytherins befehlen kann. Andromeda hat immer behauptet, es wäre nur eine Geschichte, die man kleinen Kindern erzählt, aber Bella sagt, dass es wirklich eine Kammer des Schreckens gibt und dass vermutlich eine riesige Schlange darin lebt, denn Salazar Slytherin war dafür bekannt, dass er Schlangen geliebt hat."
"Aber wie kann man denn einer Schlange befehlen, was sie zu tun und zu lassen hat?"
Narzissa hob eine Augenbraue und schien kurz am Verstand ihrer Freundin zu zweifeln. "Ich vergesse manchmal, dass du viel zu wenig über die Zaubererwelt weißt", sagte sie dann seufzend. "Es gibt einige wenige Hexen und Zauberer, die Parsel sprechen können - Schlangensprache. Sie können mit Schlangen reden, sie verstehen und ihnen natürlich auch befehlen, etwas für sie zu tun. Salazar Slytherin war ein sehr bekannter Parselmund, deshalb ist Bellas Theorie gar nicht mal so abwegig."
Elyna verdaute kurz das Gehörte, doch Narzissa war noch nicht fertig.
"Lucius hat erzählt, dass der Dunkle Lord ebenfalls Parsel sprechen kann. Seit einer Weile begleitet ihn eine Königspython, die er Nihyara nennt."
Elyna nickte, doch ihre Gedanken rasten.
Lord Voldemort war ein Parselmund. Es war ziemlich wahrscheinlich, dass er damals die Kammer des Schreckens geöffnet und es dann einem anderen Schüler angehängt hatte. Das würde bedeuten, dass er ein Erbe Slytherins war und dass Elyna selbst ebenfalls von dem Gründer von Hogwarts abstammte.
Sie konnte ihre Theorie jedoch nicht im Mindesten beweisen, denn sie hatte in ihrem ganzen Leben noch keine Schlange aus der Nähe gesehen und somit auch noch nicht versucht, mit einer zu sprechen.
Elyna schüttelte den Kopf, um ihre Gedanken loszuwerden. Sie würde ohnehin nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis kommen. "Lass uns in unseren Gemeinschaftsraum zurückgehen", sagte sie also und wandte sich zum gehen.
Narzissa folgte ihr schnell und die beiden Freundinnen liefen stumm nebeneinander her. Elyna genoss die Stille, die ihr erlaubte, ihre Gedanken schweifen zu lassen. Als sie einen Blick aus dem Fenster warf, fing sie an zu lachen.
"Was ist?", fragte Narzissa neugierig und kam zu ihr. Auch sie sah nun nach draußen zum Schwarzen See und grinste breit.
Die Jungs - allen voran Rabastan und Josec, doch lustigerweise sogar Sirius Black - hatten den Riesenkraken an die Oberfläche der Sees gelockt und kletterten nun auf seinen glitschigen Tentakeln herum. Das gewaltige Tier ließ es sich gefallen, schüttelte die Jungen lediglich manchmal von sich runter und erfreute sich ganz offensichtlich an ihren empörten Schreien. Rabastan stand inzwischen auf dem Kopf des Kraken, von oben bis unten mit dessen seltsamen Schleim bedeckt und grinste, als hätte er das achte Weltwunder entdeckt. Elyna lächelte liebevoll, während sie ihren Verlobten beobachtete, der nun von dem Kraken  mit einem Tentakel von seinem Kopf gehoben wurde. Das Tier setzte ihn am Strand ab und Rabastan begann damit, sich den ganzen Schleim vom Körper zu waschen. Als Elyna sich gerade abwenden wollte, fiel ihr Blick auf ihren Bruder. Er stand ziemlich wackelig auf einem der Tentakel und streckte Sirius seine Hand aus, um ihm aus dem Wasser zu helfen. Dabei verlor er allerdings das Gleichgewicht und stürzte ebenfalls in den See. Als er wieder auftauchte, zog Sirius ihn zu sich heran und küsste ihn. Das ganze entwickelte sich zu einer ausgedehnten Knutscherei, sodass Elyna lächelnd den Blick abwandte und gemeinsam mit Narzissa den Rückweg zum Slytheringemeinschaftsraum antrat.

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