Sehnsüchtig sah Elyna aus dem Fenster, während sie an den vielen Bücherregalen vorbeiging. Sie war mit Lily verabredet.
Die meisten Schüler nutzten den warmen Oktobertag, um ein letztes Mal am Schwarzen See zu entspannen bevor es dafür zu kalt wurde. Als Sechstklässlerin konnte Elyna sich das nicht leisten, immerhin standen im nächsten Jahr ihre Abschlussprüfungen an, die über ihre weitere Laufbahn entscheiden würden.
Sie fand Lily an einem Tisch in der hintersten Ecke der Bibliothek. Neben ihr saß Remus Lupin über ein Pergament gebeugt. Sobald er jedoch Elyna erblickte, sprang er auf, sammelte in Sekundenschnelle seine Bücher und Schreibutensilien zusammen und murmelte: "Ich hab noch was zu tun", bevor er eilig davonlief.
Elyna sah ihm kurz nach, dann legte sie ihr Verwandlungsbuch auf den Tisch. "Bin gleich wieder da", sagte sie zu Lily und eilte Remus hinterher. Sie holte ihn erst zwei Stockwerke weiter ein. "Lupin!", rief sie und stellte sich ihm in den Weg. Wut funkelte in ihren Augen.
Der Gryffindor suchte verzweifelt nach einem Ausweg, doch als er keinen fand, ließ er ergeben die Schultern sinken. Elyna nahm das als Aufforderung, zu sprechen. "Also, Lupin, warum läufst du immer vor mir weg?"
"Tue ich doch gar nicht", behauptete er nicht sehr überzeugend, während seine Augen nervös hin- und herhuschten.
Die Schwarzhaarige schnaubte. "Belügen kann ich mich selbst. Ist es, weil ich eine Slytherin bin? Magst du mich deshalb nicht?"
Lupin schüttelte vehement den Kopf. "Ich mag dich!" Er lief knallrot an und fing an zu stottern. "A-Also, i-ich meine... ähm, ich... ich d-denke nur, d-du willst lieber nicht in meiner Nähe sein."
"Weshalb?", Elyna legte den Kopf schief. "Wegen deiner Freunde?"
Ganz kurz wirkte es so, als würde er wieder verneinen, dann aber schien er sich umzuentscheiden und nickte. "Ich weiß ja, dass du nicht gut mit James und Sirius auskommst. Und ich... naja, ich habe dir nie beigestanden, wenn sie versucht haben, dich zu verzaubern, sondern einfach nur zugesehen und nichts getan."
Elyna dachte nach. "Stimmt schon, aber immerhin hast du auch nie mitgemacht." Sie trat einen Schritt näher, aber er wich sofort zurück.
"Ich weiß, dass ich mich falsch verhalten habe und ich weiß auch, dass ich zu feige bin, um zukünftig etwas daran zu ändern. Das ist weder zu rechtfertigen noch zu entschuldigen." Er ließ ehrlich betrübt den Kopf hängen.
"Du kannst es ja anderweitig wiedergutmachen", schlug Elyna nach kurzem Überlegen vor.
Der Gryffindor schaute verwirrt auf.
"Ich habe gehört, du beherrschst den Patronus-Zauber. Du könntest ihn mir beibringen." In Elynas Stimme lag eine eindeutige Aufforderung und die unterschwellige Mahnung, nicht zu widersprechen. "Ich bin nächsten Freitag wieder mir Lily verabredet. Du kannst dazustoßen und mit uns lernen, immerhin sind wir drei die Jahrgangsbesten."
Lupin nickte zögernd und Elyna lächelte. "Super! Dann sehen wir uns im Unterricht, bis dann!" Sie drehte sich um und lief zurück in die Bibliothek, einen verdutzten Remus Lupin zurücklassend.
Als sie einige Stunden später in ihren Gemeinschaftsraum zurückkehrte, platzte ihr Kopf beinahe von den ganzen Verwandlungszaubersprüchen, die sie sich mit Lily angesehen hatte.
"Elyna", begrüßte Rabastan sie erfreut und zog sie zu sich auf das Sofa vor dem Kamin.
Erschöpft lehnte die Schwarzhaarige sich an ihren Verlobten. "Wo sind die anderen?"
"Severus und Regulus experimentieren noch am Trank der lebenden Toten, Zissy ist in die Eulerei gegangen, um einen Brief zu verschicken, und Josec wollte noch ein bisschen fliegen. Sie dürften aber alle bald zurück sein."
Elyna nickte verstehend und eine Weile saßen sie in einträchtigem Schweigen beisammen. Dann bemerkte sie allerdings, dass Rabastan unruhig zu sein schien.
"Was ist los?", fragte sie also und legte ihr Kinn auf seiner Schulter ab.
"Ähm", machte er, "also, meine Eltern... Naja, die haben auf der Hochzeit von Bella und Rodolphus bemerkt, dass du und ich... nun ja, sie meinen, wir würden uns nicht wie ein Paar verhalten, obwohl wir die Verlobung doch so unbedingt wollten."
Elyna blinzelte überrascht.
"Deswegen wollte ich dich fragen, ob du morgen mit mir nach Hogsmeade gehen willst", endete er schließlich und wirkte tatsächlich ein wenig nervös.
"Nur du und ich?", hakte Elyna nach. "Ohne Jo, Zissy, Sev und Reg?"
Rabastan nickte. "Ja, nur du und ich. Eine Art... Date."
Elyna schaute ihm einige Sekunden einfach nur in die dunklen Augen, dann nickte sie und lächelte. "Gut, dann haben wir morgen ein Date."
Rabastan atmete erleichtert aus und legte wieder einen Arm um sie, um sie näher an sich zu ziehen. Sie sprachen über Belanglosigkeiten bis ihre Freunde zu ihnen stießen und es sich gemütlich machten.
"Wieso ist es in diesem verdammten Turm so kalt?", fluchte Zissy und rückte näher an das Feuer heran, um sich die Hände zu wärmen. Dann schaute sie zu Elyna auf. "Kommst du morgen mit nach Hogsmeade, neue Handschuhe kaufen? Oder musst du noch Hausaufgaben machen?"
Elyna schüttelte den Kopf und grinste. "Ich bin schon fertig, aber ich kann trotzdem nicht mit dir nach Hogsmeade. Rabastan und ich haben nämlich ein Date."
Ihre Freunde sahen allesamt überrascht auf.
"Wie kommt es?", Josec fand als Erster seine Sprache wieder.
"Rabastans Eltern finden, wir verhalten uns nicht wie Verlobte", meinte Elyna schulterzuckend.
Regulus runzelte die Stirn. "Ihr hängt ständig aufeinander, haltet dauernd Händchen, schlaft in einem Bett - wie könnt ihr euch denn noch mehr wie Verlobte verhalten?"
"Aber es stimmt schon, dass sie noch nie ein Date hatten", warf Josec unerwartet ein, "und geküsst haben sie sich auch noch nie."
"Was, echt?", fragte nun sogar Severus überrascht, der sich normalerweise nicht für das Liebesleben seiner Freunde interessierte.
Elyna fühlte sich plötzlich total unsicher. "Es hat sich nie die Notwendigkeit dazu ergeben", verteidigte sie sich.
Rabastan zog sie näher zu sich heran. "Das ist doch nicht schlimm", beruhigte er sie. "Es wäre viel schlimmer, wenn wir es total überstürzt hätten. Wir haben noch unser ganzes Leben lang Zeit für diese Dinge."
Elyna nickte lediglich und war erleichtert als sich das Gespräch einem anderen Thema zuwandte. Doch noch immer wusste sie nicht, was genau das zwischen ihr und Rabastan war. Sie schwor sich, dem am nächsten Tag auf den Grund zu gehen.
Elyna wusste nicht, wie sich ein Date anfühlen sollte, immerhin hatte sie bisher noch nie eins gehabt. Aber sie war sich sicher, dass sie sich in Rabastans Nähe wohl fühlte.
Auf dem Weg nach Hogsmeade unterhielten sie sich über Merlin und die Welt. Elyna hatte die Temperaturen unterschätzt und als sie anfing vor Kälte zu zittern, legte Rabastan ihr seine Jacke um die Schultern und schirmte sie vor dem eisigen Wind ab. In Hogsmeade angekommen, flüchteten sie in das erste Geschäft, das auf ihrem Weg lag, um sich aufzuwärmen. Es war ein Buchladen, der Elyna sofort ein Gefühl von heimeliger Vertrautheit gab. Lächelnd lief sie zwischen den Regalen entlang und überflog die Titel. Ab und an zog sie ein Buch heraus und blätterte darin ehe sie es wieder an seinen Platz stellte.
Rabastan beobachtete sie dabei. "Und, hast du schon etwas gefunden?", fragte er als sie ein Buch länger in der Hand behielt als die vorherigen. "Die Wunder der Seele", las er vor.
Traurig lächelnd stellte Elyna das alt wirkende Buch zurück ins Regal. "Zu teuer", meinte sie lediglich leise, nahm Rabastans Hand und zog ihn aus dem Laden hinaus auf die kalte Straße.
Sie beeilten sich, in die "Drei Besen" zu kommen, tranken in dem völlig überfüllten Gasthaus ein Butterbier und lachten viel. Danach trennten sich ihre Wege kurz, denn Elyna brauchte neues Pergament und Rabastan wollte noch zum Honigtopf. Am Ortsausgang trafen sie sich wieder, um zusammen zum Schloss zurückzukehren. Sie waren beide erleichtert, dem fürchterlichen Wind zu entkommen und machten sich auf den Weg zu ihrem Gemeinschaftsraum.
Bevor sie allerdings dort ankamen, hielt Rabastan Elyna am Handgelenk fest und zog sie an sich. Vorsichtig strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, seine Hand verweilte auf ihrer Wange. "Darf ich?", fragte er zögernd und neigte sich leicht nach vorne.
Elyna nickte leicht und schon trafen ihre Lippen aufeinander - warm, weich und angenehm. Der Kuss fühlte sich nicht schlecht an, aber richtig war er auch nicht - nicht so, wie Elyna es in unzähligen Büchern gelesen hatte.
Sie lösten sich voneinander und Elyna sah in Rabastans Augen dieselben Zweifel, die auch sie verspürte.
"Es hat sich fast so angefühlt, als würde ich meinen Bruder küssen", gestand Elyna schief grinsend.
Rabastan wirkte erleichtert und nickte.
"Was machen wir jetzt?", fragte Elyna unsicher.
Fragend zog er eine Augenbraue hoch.
"Wir sind verlobt, falls du dich erinnerst", sagte sie. Als Rabastan nichts erwiderte, sprach sie weiter. "Ich weiß nicht, was das zwischen uns ist. Du bist für mich nicht wie ein Bruder, du bist nicht mein bester Freund und ich kann mir nicht vorstellen, mit dir in irgendeiner Weise intim zu werden. Und trotzdem fühle ich mich in deiner Nähe wohl, es fühlt sich richtig an, dich zu heiraten. Ich möchte dich immer um mich herum haben und ich mag es nicht, wenn du zu lange zu weit von mir entfernt bist. Ich brauche dich", schloss sie.
Rabastan zog sie in seine Arme und sie vergrub ihr Gesicht an seinem Hals. "Du kannst besser mit Worten umgehen als ich", flüsterte er an ihrer Schulter. "Ich weiß nicht, wie ich dir mitteilen kann, wie viel du mir bedeutest. Ich weiß nur, dass ich dich brauche und dich nicht verlieren möchte."
Eine Weile standen sie einfach nur so eng umschlungen mitten auf dem Korridor und hielten sich aneinander fest.
"Versprichst du mir, dass wir immer zusammen bleiben werden?"
Rabastan nickte sofort. "Ja, ich verspreche es."
Elyna löste sich ein wenig von dem Schwarzhaarigen. "Was ist, wenn wir uns eines Tages in jemand anderen verlieben?"
"Dann heiraten wir trotzdem und jeder führt sein Leben so, wie er es will. Wenn du irgendwann Kinder bekommst, ziehen wir sie als unsere auf, um sie vor Spott und Verachtung zu schützen. Uneheliche reinblütige Kinder werden nicht gerne gesehen", fügte er erklärend hinzu.
Elyna sah ihn einige Sekunden einfach nur an. Dann warf sie sich ihm um den Hals und lächelte glücklich. "Ich liebe dich, Rabastan!" Und in diesem Moment wusste sie, dass es die Wahrheit war. Sie liebte den Lestrange auf eine ganz unschuldige Art und Weise, die ihrer Liebe aber eine unglaubliche Stärke und Macht gab.
"Ich liebe dich auch, Elyna!"
