Elyna mochte die Muggeltransportmöglichkeiten. Deswegen fuhr sie von ihrer Arbeit auch mit dem Bus zu Remus, anstatt zu apparieren. Sie sah aus dem Fenster und ließ ihre Gedanken schweifen, während vereinzelte Gebäude an ihr vorbeizogen.
Remus hatte eine kleine Wohnung am Stadtrand von London, die billig genug war, damit er sie mit dem geringen Lohn, den er bekam, bezahlen konnte. Momentan verdingte er sich als Koch in einem schäbigen Restaurant, allerdings wurden die Betreiber so langsam ungehalten darüber, dass er so oft krank war. Elyna hätte ihm gerne geholfen, aber sie wusste, dass er das nicht zulassen würde. Dämlicher Männerstolz.
Elyna selbst verdiente bei ihrer Arbeit nichts, aber dank Rabastan und dem Vermögen, das seine Eltern ihm hinterlassen hatten, musste sie das auch nicht. Drei Galleonen mehr oder weniger fielen in seinem Verließ ohnehin nicht auf.
Seufzend stand Elyna von ihrem Platz auf und stieg aus dem Bus aus. An der Haltestelle würde sie noch fünf Minuten warten müssen, um dann in den nächsten Bus einzusteigen. Während die Schwarzhaarige noch überlegte, ob sie heute vielleicht doch lieber apparieren sollte, spürte sie auf einmal einen stechenden Schmerz in ihrer rechten Schulter, der sich rasend schnell ausbreitete. Sie konnte fühlen, wie das Blut an ihrem Arm hinunterfloss, doch als sie einen Blick riskierte, sah sie nichts, das ihre Schmerzen verursacht haben könnte. Rabastan, schoss es ihr sofort durch den Kopf. Kurz dachte sie daran, dass vielleicht auch Josec verwundet worden war, allerdings verwarf sie diesen Gedanken wieder recht schnell. Der Schmerz war zu stark, er musste von Rabastan kommen.
Elyna zögerte nur einen Augenblick. Der Dunkle Lord hatte ziemlich deutlich gemacht, dass sie gefälligst nicht wiederzukommen hatte. Aber sie konnte Rabastan auch nicht weiter diese furchtbaren Schmerzen erleiden lassen. Entschlossen konzentrierte Elyna sich auf die stetige Sehnsucht ihrer Seele und disapparierte.
Sie landete vor einem Anwesen, das beinahe so groß war wie das der Lestranges. Elynas Sorge nahm beinahe Überhand, während sie den breiten Kiesweg auf das schmiedeeiserne Tor zueilte. Irgendetwas erinnerte sie daran, dass sie sich vor Malfoy Manor befand und dass Narzissa hier sein würde.
Mit einer Handbewegung sprengte sie das Tor auseinander und lief einfach weiter auf das Anwesen zu. Sie klopfte nicht, sondern stürmte direkt durch die Eingangshalle in den dahinter liegenden Empfangssaal. Noch während sie die Türen aufstieß, bemerkte sie die vielen Todesser, die sich auf der rechten Seite des Raumes tummelten, sowie den Dunklen Lord, der auf seinem Stuhl saß wie ein König auf seinem Thron. Die linke Hälfte des Saals wurde von Verwundeten eingenommen. Scheinbar hatte es ein großes Gefecht mit den Auroren gegeben, das nicht so glimpflich für die Todesser ausgegangen war.
Elyna packte einen vorbeieilenden Hauselfen an der Schulter und sagte ohne ihn anzusehen mit gebieterischer Stimme: "Hol Narzissa her." Sie sah noch sein Nicken, bevor er hastig disapparierte und sie selbst zu Rabastan stürzte. Er lehnte an einer der reich verzierten Wände und hatte die Augen geschlossen. Sein Umgang war blutdurchtränkt, doch das meiste schien von seinem rechten Arm zu kommen. Elyna kniete sich neben ihn und befreite ihn von dem lästigen Umhang, der ohnehin nur im Weg war und die Wunde verschmutzen würde. Sie befahl einem Hauselfen, ihr Wasser und einen Lappen zu bringen und wusch das Blut von Rabastans Arm und Schulter ab, damit sie die eigentliche Verletzung besser betrachten konnte.
Stöhnend öffnete Rabastan die Augen und sah sie zuerst erleichtert und dann schockiert an. "Was machst du hier?", flüsterte er. "Der Dunkle Lord hat doch gesagt, du darfst nicht mehr herkommen!"
Elyna schnaubte. "Wenn du denkst, ich lasse dich hier sterben, dann irrst du dich, mein Lieber! Wir heiraten nächste Woche und zu einer Hochzeit gehören zwei Leute!"
Elyna unterdrückte die aufsteigenden Tränen und sprach einen Zauber auf Rabastans Wunde, um sie zu desinfizieren.
"Oh Merlin", hörte sie in diesem Moment die Stimme von Narzissa. Die Blonde eilte sofort zu Elyna und kniete sich neben Rabastan. Professionalität sprach aus ihren Zügen und sie zog ohne zu zögern ihren Zauberstab. Elyna hielt Rabastans Hand, während Narzissa Zaubersprüche vor sich hinmurmelte und dadurch die Wunde an seinem Arm verschloss. Als sie fertig war, sah sie zu ihrer Freundin auf. "Hilfst du mir mit den anderen Verwundeten?"
Elyna riss ihren Blick von Rabastan los und richtete ihn auf die übrigen Todesser, die teilweise schlimmer als der Schwarzhaarige aussahen. Dann nickte sie, löste sich sanft von ihrem Verlobten und folgte Narzissa zu Mulciber, dem ein Metallstab im Oberschenkel steckte.
Zu zweit brachten sie schnell Ordnung in das Chaos aus Verwundeten und sinnlos umhereilenden Hauselfen. Letzteren befahl Narzissa, Schüsseln mit Wasser sowie Lappen, Diptam-Essenz und einige andere Zaubertränke zu besorgen. Sie beherrschte zwar viele Zauber, aber ihre Magie reichte nicht für die Menge an Verletzten aus und Elyna hatte leider nicht dasselbe Talent für Heilzauber wie ihre Freundin. Kleinere Wunden konnte sie ohne Probleme verarzten, ab einer bestimmten Größe wurde es dann kompliziert.
Die beiden Hexen hasteten zwischen den Verwundeten hin und her, richteten Brüche, legten Verbände an. Als sie schließlich fertig waren und jeden verletzten Todesser behandelt hatten, ließen sie sich gegen die Wand sinken. Narzissa hielt sich dank ihrer Reinblut-Erziehung zumindest aufrecht, Elyna rutschte an der Wand nach unten und atmete schwer. Ihr Blick fiel auf den Dunklen Lord, der noch immer auf seinem Stuhl am Kopfende des riesigen Holztisches thronte und sie aus seinen roten Augen beobachtete. Sie bemerkte, dass Josec und Severus sich recht nah bei ihr positioniert hatten, auch Rabastan war ein Stück weiter zu ihr gerückt, obwohl es ihm Schmerzen zu bereiten schien.
Sie blieb noch eine halbe Minute sitzen, bevor sie sich wieder auf die Füße stemmte und den Dunklen Lord beinahe herausfordernd ansah. Ihren Zauberstab hielt sie locker in der rechten Hand. Sie versuchte, nicht bedrohlich zu wirken und gleichzeitig auf alles vorbereitet zu sein.
Der Dunkle Lord lächelte höhnisch und spielte dabei lässig mit seinem Zauberstab. "Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt", sagte er, lauerte darauf, dass sie sich eine Blöße gab. "Ich lasse dich in Ruhe und du hälst dich von mir und meinen Todessern fern. War ich etwa nicht deutlich genug?" Seine Stimme schnitt durch die Stille wie ein Skalpell durch Fleisch.
Elyna neigte leicht den Kopf, behielt ihn aber dennoch unentwegt im Auge. "Natürlich ist mir klar, dass mein Handeln Folgen nach sich ziehen wird, allerdings möchte ich Euch daran erinnern, dass mindestens sechs Eurer Todesser ohne mein Eingreifen nun nicht mehr unter den Lebenden weilen würden." Elyna warf einen Blick zu Rabastan. "Ich habe zwar gesagt, dass ich in diesem Krieg neutral bleibe und auch, dass ich mich Euch nicht anschließen werde, aber das bedeutet nicht, dass ich meinen Verlobten oder meine Freunde sterben lasse." Sie sah dem Dunklen Lord fest in die Augen. "Wenn Ihr mich foltern oder töten wollt, nur zu. Aber solange noch Magie durch meine Adern fließt, werde ich wieder herkommen, um meine Familie zu beschützen. Ich werde sie nicht einfach aufgeben und hier sterben lassen, nur weil Ihr der Meinung seid, dass Ihr mir Befehle erteilen könnt - mir, die ich nicht einmal Teil Eures Gefolges bin."
Der Dunkle Lord zeigte keine Gefühlsregung, als er langsam den Zauberstab hob und ihn auf Elyna richtete. Bevor er jedoch einen Zauber sprechen konnte, schob Josec sich zwischen sie. "Was soll das?!", fauchte der Dunkle Lord ungehalten.
Josec zuckte mit den Schultern. "Sie ist meine Schwester", erklärte er. "Ich würde Euch selbst in den Tod folgen, Herr, aber ich stimme ihr trotzdem zu. Elyna kann manchmal unbedacht sein und ein wenig aufmüpfig, aber sie ist keine Verräterin. Nichts von dem, was hier geschieht, wird durch sie nach außen dringen. Ihr könntet sie foltern, aber das würde nichts an ihrer Sturheit ändern. Meine Schwester ist ein Familienmensch und deswegen will sie immer alle, die sie zu ihrer Familie zählt, beschützen - dazu zählen sowohl Rabastan als auch Severus und ich. Sie würde uns - und damit auch Euch - niemals verraten."
Elyna spähte an ihrem Bruder vorbei und beobachtete den Dunklen Lord. Er schien ernsthaft mit sich zu ringen. Schließlich ließ er den Zauberstab sinken und schnaubte leise. Seine roten Augen richteten sich auf Elyna. "Gut, dann soll es so sein. Du kannst deine Freunde hier besuchen, solange du auch meine anderen Todesser von ihren Verletzungen heilst. Du wirst nicht an den offiziellen Treffen teilnehmen, bei denen wir wichtige Dinge besprechen, so weit traue ich dir noch nicht über den Weg. Aber du kannst danach herkommen und sie unterstützen, wenn du das Bedürfnis dazu hast." Langsam erhob er sich und schlich auf seinen nackten Füßen auf Elyna zu. Josec trat einen Schritt zur Seite, um ihn durchzulassen. Vor Elyna blieb der Dunkle Lord stehen und legte ihr seinen Zauberstab unter das Kinn, sein Blick bohrte sich in ihre Augen. "Wenn du mich jemals verraten solltest, bringe ich zuerst deine Familie und danach dich um, hast du verstanden?"
Elyna nickte und erlaubte sich ein leichtes Lächeln. "Hatte ich ohnehin nicht vor."
Der Dunkle Lord verzog seine schmalen Lippen zu einem Grinsen, bevor er beinahe liebevoll hauchte: "Crucio."
Der Schmerz schlug ein wie eine Bombe. Jede Zelle von Elynas Körper schrie auf, doch kein Laut drang über ihre Lippen. Ihr Rücken bog sich nach hinten durch, ihre Finger zuckten unkontrolliert, ihre Knie zitterten wie unter einer tonnenschweren Last. Doch sie starrte den Dunklen Lord weiterhin nur trotzig an und verbot ihrer Stimme zu schreien. Das leise Stöhnen, das Rabastan irgendwo links von ihr entwich, riss sie beinahe aus ihrer Konzentration. Er musste dieselben Schmerzen erleiden wie sie und diese Tatsache war es, die Elyna beinahe in die Knie zwang. Doch ihr Wille war eisern und so blieb sie stehen, gab keinen Laut von sich und starrte den Dunklen Lord einfach weiter an.
Schließlich löste er den Fluch von ihr und wandte sich ohne ein weiteres Wort ab. Elyna blieb wankend stehen und warf einen besorgten Blick auf Rabastan. Ihr war klar, dass der Dunkle Lord ihr den Crucio nur aufgehalst hatte, weil so viele Todesser anwesend waren. Er konnte ihr nicht solche Frechheiten durchgehen lassen ohne sie zu bestrafen. Sie verstand das. Das nahm nur leider weder ihr noch Rabastan die Schmerzen.
Sie unterdrückte ein Keuchen und ging zu ihrem Verlobten. "Alles in Ordnung?", fragte sie ihn leise.
Er nickte und schaute sie nun seinerseits besorgt an. "Was ist mit dir?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Es gibt schlimmeres, aber wiederholen muss ich es auch nicht."
Elyna war erleichtert, als sie bemerkte, dass sich die Todesserversammlung auflöste. Der Dunkle Lord hatte sich bereits zurückgezogen, seine Anhänger verschwanden nun auch einer nach dem anderen. Bellatrix warf einen fragenden Blick zu Elyna, doch als sie ihr beruhigend zulächelte, nickte die Ältere lediglich und folgte Rodolphus nach draußen.
Josec und Severus ließen sich neben Rabastan auf den Boden sinken, Narzissa stand noch immer vor der Wand und starrte ins Leere. Ihre Gesichter waren blass und sie zitterten alle ein wenig.
Schlagartig fiel Elyna wieder ein, dass nicht nur Rabastan eine Verbindung zu ihrer Seele hatte. "Es tut mir leid", murmelte sie. "Ich hätte nicht so unbedacht handeln sollen..."
Jo winkte ab. "Er hätte dir in jedem Fall einen Crucio auf den Hals gehetzt. Aber wenn du nicht gekommen wärst, hätten wir bald mindestens eine Beerdigung besuchen müssen." Er warf einen Blick zu Rabastan und Narzissa nickte zustimmend. Der Blutverlust des Schwarzhaarigen war enorm gewesen, ohne die Hilfe von Narzissa und Elyna wäre er gestorben.
"Mach das bloß nie wieder", flüsterte Rabastan plötzlich, sein flehender Blick war auf seine Verlobte gerichtet. "Ich will nicht, dass du solche Schmerzen erleiden musst."
Elyna sah ihn lange an, bevor sie sich neben ihn setzte und ihren Kopf auf seiner unverletzten Schulter ablegte. Sie nickte langsam.
Eine Weile saßen die fünf Freunde schweigend in dem riesigen Saal umgeben von mehreren Blutlachen, die nicht von ihnen stammten. Schließlich erzählte Josec von dem Einsatz, bei dem die Auroren sie überrascht hatten. Sie waren in einen Hinterhalt geraten und Rabastan stand ungünstig im Weg. Als der Schwarzhaarige bei dieser Erklärung empört schnaubte, fing Elyna an zu lachen und Narzissa stimmte mit ein. Rabastan schmollte noch ein wenig beleidigt, doch irgendwann lachte auch er mit, immerhin war es ein echt blöder Fehler gewesen.
"Wollt ihr mit Lucius und mir zu Abend essen?", fragte Narzissa lächelnd, als Elynas Magen lautstark knurrte.
Sie waren alle einverstanden und machten sich auf den Weg in den Speisesaal. Lucius war ein wenig überrascht, nahm die vielen Gäste jedoch einfach hin und begrüßte sie freundlich.
Erst als Elyna spät in der Nacht neben Rabastan im Bett lag, fiel ihr ein, dass sie heute eigentlich zu Remus hatte gehen wollen.
