Es war ein Samstag Mitte Mai, die Sonne ging gerade erst auf und die meisten Schüler schliefen noch. Lediglich die Siebtklässler waren bereits wach und lernten für ihre UTZ-Prüfungen. Die zehn Slytherins saßen auf den gemütlichen Sofas vor dem kalten Kamin. Ihre Unterlagen waren über den Boden, angrenzende Sitzgelegenheiten oder ihre Mitschüler ausgebreitet. Zu besagten Mitschülern zählte in erster Linie Regulus Black, der aus Solidarität gemeinsam mit seinen Freunden aufgestanden war, sich allerdings auf eines der Sofas mit dem Kopf in Severus' Schoß gelegt hatte und eingeschlafen war.
Rabastan runzelte die Stirn. "Hey, Ly, kann ich mir mal deine Aufzeichnungen zu den Trollkriegen ansehen? Ich glaube, ich habe da irgendwo einen Zahlendreher eingebaut, es erscheint mir nämlich äußert unwahrscheinlich, dass der erste Trollkrieg 1378 war und der zweite 2596."
Elyna hätte wohl gelächelt über dieses kleine Missgeschick, wenn sie nicht so unglaublich müde gewesen wäre. Wortlos reichte sie ihrem Verlobten die Aufzeichnungen und besah sich dann die Zaubertrankzutaten, deren Bedeutung sie zu ergründen versuchte.
Seit Wochen paukten sie schon ohne richtige Pause, die meisten Lehrer gaben gar keine Hausaufgaben mehr auf, um ihnen mehr Zeit zu lassen. Im Unterricht wurden nur noch einzelne Themengebiete wiederholt oder zusammengefasst, Neues kam kaum noch dazu. Zum Glück, wie Elyna fand, denn sonst würde sie mit dem Lernen überhaupt nicht mehr hinterherkommen.
Die UTZ-Prüfungen standen im Juni an, bis dahin waren es nicht mehr als zwei Wochen. Trotzdem hatte Elyna immer öfter das Gefühl, dass sie bis dahin durch den ganzen Stress noch einen Zusammenbruch erleiden würde. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal etwas für sich selbst getan hatte. Irgendetwas, das nichts mit Lernen zu tun hatte.
Seufzend wandte Elyna sich wieder ihren Aufzeichnungen über die unterschiedlichen Wirkungen der unterschiedlichen Zaubertrankzutaten zu. Unter anderen Umständen hätte sie einfach Severus um Hilfe gebeten, doch der war gerade damit beschäftigt, sich Arithmantik einzuhämmern und da wollte sie wirklich nicht stören. Arithmantik war eines der schwierigsten Fächer, die Hogwarts zu bieten hatte und selbst einige der Ravenclaws, sowie Elyna und Lily, die als die klügsten Schülerinnen ihres Jahrgangs galten, verzweifelten manchmal daran.
Die Stunden vergingen, die Unterlagen wurden ausgetauscht, Fragen zu einzelnen Ereignissen oder Zaubern in den Raum geworfen und beantwortet. Die Schüler der unteren Klassen standen auf und gingen zum Frühstück, machten dabei jedoch einen großen Bogen um die Siebtklässler, die allesamt tiefe Ringe unter den Augen hatten und lernten, als wäre der Blutige Baron hinter ihnen her.
Als sich schließlich Regulus gähnend streckte und seine Freunde verschlafen anblinzelte, wurde Elyna aus ihrem Lernrausch gerissen. Ihr Magen knurrte. "Wir sollten mal so langsam frühstücken gehen", sagte sie und war überrascht, dass ihre Stimme so kratzig klang.
Regulus und Rabastan nickten sofort, während Narzissa abwesend murmelte: "Nur noch fünf Minuten."
Kopfschüttelnd nahm Elyna der Freundin ihre Notizen über die Werwolfbenimmregeln weg und erhob sich. Auch die anderen Slytherins standen nun von den bequemen Sofas auf, Narzissa schien nicht einmal geneigt, sich ernsthaft zu beschweren, sondern nahm einfach hin, dass Elyna ihre Notizen an sich genommen hatte, und ließ sich von ihrem Cousin aufhelfen.
Der Weg in die Große Halle ging nur schleppend voran, keiner sprach ein Wort. Als sie sich an den Slytherintisch setzten, waren ihre Mienen teilnahmslos und sie stocherte ohne wirklichen Hunger in ihrem Essen herum.
Elyna sah sich in der Großen Halle um und bemerkte überall ganz ähnliche Gesichter. Alle Siebtklässler wirkten müde und abgekämpft, hingen teilweise sogar beim Frühstück noch über ihren Lernkarten und schienen doch nicht voranzukommen.
"Leute", wandte Elyna sich nach kurzem Überlegen an ihre Freunde. "Ich denke, wir sollten heute mal blau machen."
Rabastan schien von dieser Idee sehr angetan, aber Narzissa schüttelte sofort entsetzt den Kopf. "Das können wir doch nicht machen! Die Prüfungen stehen in zwei Wochen an, wir können uns keinen freien Tag leisten!"
"Schon, aber so wie wir momentan lernen, kriegen wir eh nichts mehr auf die Reihe", argumentierte Elyna. "Wenn wir einen Tag mal abschalten und uns entspannen, können wir morgen wieder richtig mit dem Lernen loslegen. Aber so wie es momentan ist, kann es wirklich nicht weitergehen! Wir sehen aus wie wandelnde Leichen!"
Nun nickte auch Josec zustimmend, ebenso wie Mulciber, Talkalot und Vanity. Die einzigen, die noch nicht restlos überzeugt waren, waren Avery, der für seinen Wunschplatz im Ministerium extrem gute Noten brauchte, und Narzissa, die ihre Eltern nicht enttäuschen wollte. Erst vor kurzem hatte ihre ältere Schwester Andromeda einen Muggel geheiratet, nachdem sie vor einigen Jahren ein uneheliches Kind mit ihm gezeugt hatte. Dieser Verrat an der black'schen Familie lastete schwer auf Narzissa.
"Wenn wir uns heute ausruhen, können wir uns morgen beim Lernen wieder richtig reinhängen", versuchte Elyna es erneut.
Narzissa nickte widerstrebend und nun gab auch Avery nach.
"Und was wollen wir machen?", fragte Regulus, der nicht so einen Stress mit seinen Prüfungen hatte, aber trotzdem blau machen wollte. Seitdem Severus ihm gesagt hatte, dass er Barty Crouch nicht leiden konnte, unternahm der jüngste Black kaum noch etwas mit dem Gleichaltrigen und hing nur noch bei den Siebtklässlern rum.
"Irgendetwas entspannendes", sagte Elyna.
"Wir könnten nach Hogsmeade", schlug Josec vor.
"Oder wir gehen zum Schwarzen See", schlug das Mädchen aus Elynas Schlafsaal vor, dessen Namen sie sich in all den sieben Jahren noch immer nicht gemerkt hatte. Inzwischen hatte sie es aufgegeben.
"Und was wollen wir da machen?", hakte Rabastan nach.
"Baden", meinte Elyna schulterzuckend. "Es ist Mitte Mai und dementsprechend warm. Wenn wir kurz nach Mittag zum See gehen, können wir uns dort abkühlen und einen ruhigen Tag verbringen."
Narzissa lachte leicht. "Alle anderen werden uns für total verrückt halten."
Elyna zuckte lediglich mit den Schultern. "Na und? Wir sind Slytherins. Warum sollte uns die Meinung von irgendwem außer uns selbst interessieren?"
Rabastan nickte zustimmend und Elyna glaubte, einen kleinen Anflug von Stolz in seinen Augen zu sehen. Er drückte ihr einen kurzen Kuss auf die Wange, bevor er sich daranmachte, sein Frühstück mit wesentlich mehr Elan zu essen. Die übrigen Slytherins taten es ihm gleich.
