Es war der erste September. Elyna stand in ihrem Zimmer und strich sich den Schulumhang glatt, während sie auf ihren Bruder wartete, der in letzter Zeit viel Wert auf seine Haare legte. Sie schaute in den großen Spiegel, den Eryn ihr gebracht hatte, damit sie üben konnte wie man eine Krawatte band.
Nachdenklich trat sie einen Schritt näher an ihr eigenes Abbild heran. Ihre schwarzen Haare trug sie noch immer kurz wie früher auf der Straße, aber inzwischen waren sie nicht mehr so verdreckt und schmutzig. Sie hatte sie damals abgeschnitten, damit man(n) sie für einen Jungen hielt und niemand aufdringlich wurde. Lange Haare wurden sowieso überbewertet und nervten sie auf Dauer nur. Ihr Blick wanderte über ihr schmales Gesicht mit der blassen Haut und den hohen Wangenknochen bis er bei ihren Augen hängen blieb. Diese waren vollkommen schwarz, nur ein schmaler grüner Ring war um die Pupille herum zu sehen, ebenso wie zwei grüne Tupfen, die ihre Augen menschlicher wirken ließen. Mit ihrer schlanken Statur, die inzwischen nicht mehr völlig abgemagert schien, und der aufrechten Haltung war sie tatsächlich ziemlich hübsch. Früher hatte man sie kaum von ihrem Bruder unterscheiden können, aber je älter sie geworden waren, desto maskuliner wurden seine Gesichtszüge, während ihre zwar nicht wirklich weicher, aber immerhin auch nicht kantiger wurden. Sie entwickelten sich langsam in verschiedene Richtungen.
Die Tür zum Badezimmer öffnete sich und Elyna drehte sich schnell um. "Bist du endlich fertig?", fragte sie und musterte ihren Bruder. Er hatte die gleichen Augen mit dem seltsamen grünen Ring um die Pupille und den zwei grünen Tupfen und sie war froh, dass er noch nicht größer war als sie. Sie befürchtete allerdings, das könne sich in den nächsten Jahren noch ändern.
"Bereit, wenn du es bist", erwiderte er ernst und reichte ihr seine Hand.
Sie nahm sie an und zusammen gingen sie zu Professor McGonagalls Büro, in dem sie schon erwartet wurden.
"Ah, meine zwei Schützlinge", lächelte die Verwandlungslehrerin, die vorerst ihre Vormundschaft übernommen hatte. "Wollen wir los?"
Die Zwillinge nickten und sie verließen zu dritt das Schloss und das umliegende Gelände. Professor McGonagall war der Meinung, dass es wichtig war für ihre weitere Schullaufbahn, am ersten September mit dem Zug nach Hogwarts zu fahren. Freundschaften knüpfen und so.
Deshalb brachte sie sie nun zum Bahnhof - durch Apparieren, die schrecklichste aller Reisearten, wie Elyna fand.
Am Bahnhof angekommen, zwinkerte sie den beiden noch einmal zu bevor sie wieder verschwand. Elyna und Josec betrachteten das bunte Treiben auf dem Bahngleis 9¾ und die rot leuchtende Lokomotive, die sie nach Hogwarts bringen würde. Unzählige Familien standen überall herum, verabschiedeten sich von ihren Kindern oder weinten hemmungslos. Josec zog seine Schwester mit sich in den Zug, um ein leeres Abteil zu suchen.
Ein solches fanden sie zwar nicht, dafür aber Rabastan Lestrange, der sehr erfreut schien, sie zu sehen. Er begrüßte Josec mit einem Handschlag und Elyna wieder mit einem Kuss auf die Hand - seine Manieren waren wirklich tadellos, allerdings sah Elyna, dass seine Eltern ihn die ganze Zeit beobachteten. Zumindest nahm sie an, dass es sich um seine Eltern handelte, denn sie sahen ihm sehr ähnlich.
"Setzt ihr euch zu mir?", fragte er und hielt ihnen bereits die Tür auf.
Das Angebot nahmen die Zwillinge nur zu gerne an. Sie ließen sich auf die zwei Plätze am Fenster einander gegenüber fallen, während Rabastan sich neben Josec setzte.
Die beiden schwarzhaarigen Jungen fingen sofort eine Unterhaltung an und Elyna beobachtete sie einfach nur neugierig dabei.
Als die Tür erneut aufging stand ein vielleicht drei Jahre älterer Junge in der Tür, der Rabastan sehr ähnlich sah. Seinen Arm hatte er um ein Mädchen mit schwarzen Locken geschlungen, das ihn verliebt ansah und vor versammelter Mannschaft küsste. Ihn schien das absolut nicht zu stören und so verfielen die beiden in eine wilde Knutscherei.
Rabastan räusperte sich. "Ja, Rodolphus?"
Der Ältere löste sich von seiner Freundin und grinste breit. "Bellas Schwester hat noch keinen Platz, kann sie sich zu euch setzen?"
Die drei Erstklässler sahen sich an und nickten dann einstimmig. Rodolphus winkte ein kleines blondes Mädchen ins Abteil und wandte sich wieder 'Bella' zu. "Wir suchen uns unser eigenes Abteil", meinte er mit einem Zwinkern zu den vier Jüngeren und schloss die Tür.
Rabastan lächelte genervt und erklärte an Elyna und Josec gewandt: "Mein Bruder Rodolphus Lestrange und seine Verlobte Bellatrix Black."
Elyna nickte und schaute dann zu dem blonden Mädchen, das sich neben sie gesetzt hatte. "Ich bin Narzissa Black, aber ihr könnt mich Zissy nennen", beeilte diese sich zu erklären.
"Ich bin Josec und das ist meine Zwillingsschwester Elyna", stellte Jo sie vor. Dann wandte er sich wieder an Rabastan. Sie schienen über eines der Bücher zu sprechen, das sie in der Winkelgasse gekauft hatten.
Elyna saß einfach still da und sah die beiden an.
"Spielst du eigentlich Quidditch?", fragte Rabastan Josec schließlich. Dieser warf seiner Schwester einen Blick zu und schüttelte den Kopf. Professor McGonagall hatte ihnen bisher nur erklärt, dass es sich dabei um einen beliebten Zauberersport handelte.
"Da, wo wir herkommen, kann man kein Quidditch spielen", sagte Elyna also.
"Was, echt? Wo lebt ihr denn?", rief Rabastan überrascht.
"Ihr seid doch wohl keine Schlammblüter?", fragte Narzissa misstrauisch.
"Natürlich nicht!" Josec wirkte nach außen wütend, aber Elyna wusste ganz genau, dass er keine Ahnung hatte, was das Wort bedeutete.
"Wir sind Reinblüter", stand sie ihm also bei. Sie hatte ein eher zweifelhaftes Buch über die Hogwarts-Häuser gelesen, das sehr slytherinlastig war. "Nicht so rein wie die Lestranges oder die Blacks", meinte sie mit Blick auf Rabastan und Narzissa, "aber immer noch rein genug, um nach Slytherin zu kommen."
Rabastan sah sie einige Sekunden lang an, blinzelte ein paar Mal und fing dann an zu lachen, während Narzissa rosa anlief.
Als der Schwarzhaarige sich wieder beruhigt hatte, fragte er neugierig: "Und warum könnt ihr kein Quidditch spielen, da wo ihr herkommt?"
Elyna warf Josec einen Blick zu, damit er sie reden ließ und legte sich schnell ein paar Lügen zurecht. "Wir kommen aus einer Muggelstadt", erklärte sie offen. "Unsere Eltern wurden vor vier Jahren von einem Werwolf getötet", ein trauriger Blick nach unten, "und wir hatten keine anderen lebenden Verwandten mehr. Als Minderjährige konnten wir noch nicht über unser Vermögen verfügen, deshalb brachte man uns in ein Muggelwaisenhaus", das Wort spie sie förmlich aus. "Wir hatten seit fast vier Jahren keinen Kontakt mehr zur Zauberwelt", endete sie. Jetzt kam es darauf an. Glaubten sie ihr oder nicht?
"Ihr könnt einem ja echt leid tun. Vier Jahre unter Muggeln! Da hätte ich schon längst einen Massenmord begangen", bekannte Rabastan sich schließlich und warf den Zwillingen einen mitfühlenden Blick zu. Selbst Narzissa schien überzeugt und legte ihre Hand unterstützend auf Elynas Schulter.
Diese lächelte und sah dann Josec an. "Immerhin hatten wir noch uns, sonst wäre ich wohl wirklich verrückt geworden", sagte sie und ihr Bruder nickte.
"Jetzt lasst uns bitte nicht mehr darüber reden", bat sie und lehnte sich in ihrem Sitz zurück. "Vielleicht kannst du uns ja nochmal erklären, wie genau Quidditch abläuft?", fragte sie an Rabastan gewandt, der sofort eifrig nickte und zu erzählen begann. "Also, es gibt einen Hüter, einen Sucher, zwei Treiber und drei Jäger..."
