Josec hatte bereits sein zehntes Tor geworfen und war auf dem Weg, Nummer elf einzulochen, als es quer über das Quidditchfeld schallte: "Und Regulus Black fängt den Schnatz! Die Slytherins gewinnen mit 290 zu 60!"
Rabastan lenkte seinen Besen gegen den strömenden Regen neben den seines schwarzhaarigen Freundes und grinste schadenfroh. "Hast du die dummen Gesichter der Gryffindors gesehen? Schon wieder gegen uns zu verlieren kratzt ganz schön an ihrem Ego." Sie lachten zusammen und flogen gen Boden.
Als Josec vom Besen sprang, versank er bis zu den Knien im Schlamm. Rabastan saß noch auf seinem Besen und grinste entschuldigend, während er den Weg zur Umkleidekabine fliegend zurücklegte.
"Soll ich dir helfen?", fragte plötzlich eine Stimme über ihm und Josec sah mit zusammengekniffenen Augen zu Regulus auf.
"Nein, schon gut", winkte er ab. "Flieg schon vor ins Trockene. Du bist der beste Sucher, den Slytherin je hatte - du darfst auf keinen Fall krank werden, immerhin spielen wir in zwei Wochen unser finales Spiel gegen Hufflepuff."
Regulus schaute noch immer zweifelnd zu ihm hinab, fügte sich aber angesichts des Regens, der einem die Knochen aufweichte, in sein Schicksal und flog zur Umkleide.
Josec verfluchte das unberechenbare Aprilwetter, stapfte weiter durch den Schlamm und bahnte sich so seinen Weg zur Tribüne. Seine Schwester wartete dort nach jedem Spiel, um zu gucken, ob auch wirklich alles mit ihm in Ordnung war.
Wie erwartet stand sie unter einem magisch erschaffenen Regenschirm am Spielfeldrand und sah ihm dabei zu, wie er sich durch den Schlamm kämpfte. "Willst du meinen Zauberstab haben, Jo?", fragte sie, kaum dass er bei ihr angekommen war und sich nah neben sie stellte, um vor dem Regen in Sicherheit zu sein.
Der Schwarzhaarige schüttelte den Kopf und schleuderte dabei einige Schlammspritzer von seinen Haarspitzen. Elyna wischte sie sich gespielt angeekelt von der Wange.
Sie wusste, dass er seinen Zauberstab in seinem Schlafsaal liegen gelassen hatte, damit er die Gryffindors nicht angriff. Das kam tatsächlich nur selten vor, aber er hatte keine Lust, bei Filch nachsitzen zu müssen. Es war nun einmal so, dass er sich nicht beherrschen konnte, wenn die verfluchten Löwen seine Schwester beleidigten, deshalb ließ er lieber seinen Zauberstab im Schloss. Wenn es hart auf hart kam, hatte er immer noch seine Hände, um die Gryffindors zu erwürgen.
"Hey", Elyna legte ihm eine Hand auf die Wange und sah ihn besorgt an. "Was ist los?"
Josec lächelte beruhigend, dann sah er auf das verlassene schlammige Quidditchfeld hinaus und zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht so genau. Wahrscheinlich schlägt mir einfach nur das Wetter auf die Stimmung." Elyna schien dadurch nicht sonderlich beruhigt, weshalb Josec ihr mit einem noch sauberen Finger über die Wange strich. "Mach dir keine Sorgen, Ly. Es geht mir gut. Ich gehe jetzt noch duschen und dann komme ich hoch ins Schloss, okay?"
Seine Schwester nickte nicht allzu begeistert und sah ihm noch eine Weile nach, während er durch den Regen zur Umkleidekabine rannte. Erst dann wandte sie sich um und stieg zum Schloss hinauf.
Josec sah sich derweil einem ganz anderen Problem gegenüber. Die übrigen Slytherins waren nach dem Spiel duschen gewesen, hatten also alles total mit Schlamm verdreckt und zusätzlich das ganze warme Wasser aufgebraucht. Die Umkleide sah aus wie ein Schlammschlachtfeld. Natürlich waren die Übeltäter schon verschwunden und Josec stand alleine in dem düsteren Raum.
Seufzend verstaute er seinen Besen und seinen Umhang, die beide noch relativ sauber waren. Dann machte er sich auf den Weg in die Umkleide der Gryffindors. Da er meistens der Letzte in den Umkleiden war, wusste er, dass die Löwen nach einem verlorenen Spiel auf schnellstem Weg zum Schloss zurückgingen, weil sie die Nähe zum Spielfeld nicht ertragen konnten. Josec fand das ein bisschen seltsam, aber er wollte sich nicht über eine saubere Dusche beschweren.
Die Umkleide der Gryffindors war ihm eigentlich zu rot, aber er versuchte, nicht darauf zu achten, während er sich auszog. Als er nur noch in Unterhose dastand, fragte plötzlich eine Stimme hinter ihm: "Was genau tust du da?"
Josec fuhr herum und sah den braunhaarigen Gryffindor, der Regulus so ähnlich sah, mit hochgezogenen Augenbrauen an. Er trug nur ein Handtuch locker um die Hüfte geschlungen und in seinen Haaren glitzerten Wassertropfen. "Black", sagte er kühl.
"Salwn", gab der Andere in der gleichen Tonlage zurück. In manchen Momenten kam halt der Reinblüter in ihm durch. Er schien sich absolut nicht daran zu stören, dass er praktisch nichts trug, das seine Blöße verdecken könnte. "Willst du weiter starren oder sagst du mir endlich, was du hier zu suchen hast?"
Josec ließ provokant seinen Blick über den Körper des Gryffindors wandern, bevor er ihm in die Augen sah. "Meine Teamkameraden sind nicht daran gewöhnt, dass ihnen nicht überall ein Hauself alles hinterher trägt. Deshalb sieht unsere Umkleide aus wie ein Schlammschlachtfeld. Normalerweise ist in eurer Umkleide nach einem verlorenen Spiel keiner mehr, deswegen bin ich hergekommen. Wenn es dich so sehr stört, kann ich auch wieder gehen." In seinen Worten lag keine Angriffslust, sondern lediglich seine ehrlichen Absichten.
Sirius Black sah ihn noch einige Sekunden lang misstrauisch an. "Du kommst also öfters her?"
Josec zuckte mit den Schultern. "Wenn sich die Notwendigkeit dazu ergibt. Würde ich so schlammig wie ich jetzt gerade bin ins Schloss hochgehen, würde Filch mir monatelanges Nachsitzen aufbrummen."
Der Gryffindor schien noch immer nicht ganz überzeugt, aber er signalisierte dem Schwarzhaarigen, dass er duschen könne.
Josec kam der Aufforderung nach kurzem Zögern nach. Er zog seine Unterhose erst in der Dusche aus und legte sie mit seinem Handtuch vor die Kabine. Dann wusch er sich den ganzen Schlamm von der Haut und aus den Haaren bis er sich wieder einigermaßen sauber fühlte. Er hatte das beunruhigende Gefühl, der Schlamm stecke sogar in seinen Knochen.
Als er das Wasser abstellte, war er tatsächlich etwas überrascht, dass seine Sachen noch dort lagen, wo er sie hingelegt hatte. Sirius selbst war ebenfalls noch da.
Er beobachtete den Slytherin, während dieser sich anzog.
"Genug gesehen?", grinste Josec und lachte, als Sirius rot anlief. Dann wurde er wieder etwas ernster. "Was machst du überhaupt noch hier? Aufpassen, dass ich nichts kaputt mache?"
Sirius schnaubte. "Ich traue dir durchaus zu, dass du erwachsen genug bist, solche Kinderreien zu unterlassen. Nein, ich bin noch hier, weil du ganz offensichtlich nicht gegen den Regen ausgerüstet bist." Damit holte er einen Regenschirm aus seinem Schließfach hervor.
Josec zog eine Augenbraue hoch.
"Guck nicht so blöd. Willst du lieber im Regen laufen?"
Josec sah den Braunhaarigen eine Weile lang an, dann nickte er und schüttelte gleich darauf den Kopf. "Lass uns noch ein wenig hier sitzen bleiben." Er lehnte sich an die hölzernen Schließfächer in seinem Rücken und beobachtete Sirius dabei, wie er es sich nach kurzem Zögern ebenfalls bequem machte. In einträchtigem Schweigen saßen sie einander gegenüber, sahen sich einfach nur an und lauschten dem sanften Klatschen der Regentropfen auf das Holzdach über ihren Köpfen.
Elyna lief derweil besorgt durch die Gänge von Hogwarts. Sie war mit Lily und Remus in der Bibliothek verabredet, aber ihre Gedanken schweiften die ganze Zeit zu ihrem Bruder. Sie mochte es nicht, wenn er allein beim Quidditchfeld blieb. Es kam nicht selten vor, dass verärgerte Gryffindors ihm auflauerten, weil sie das Spiel verloren hatten. Und er hatte natürlich keinen Zauberstab dabei!
Elyna blieb vor einem Fenster stehen und sah nach draußen. Schwere Regentropfen klatschten gegen die Glasscheibe und versteckten die Welt hinter ihren Wasserschlieren. Eine Weile stand sie einfach da und genoss das Schauspiel.
"Ganz alleine hier, Salwn?", zischte plötzlich eine Stimme.
Elyna seufzte. Es gab nur einen Menschen, der ihren Namen so hasserfüllt aussprechen konnte. Sie drehte sich zu dem Sucher der Gryffindors um, der heute versäumt hatte, den Schnatz zu fangen. "Was willst du, Potter?", fragte sie kalt.
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. "Ich wäre an deiner Stelle nicht so vorlaut", knurrte er. "Keiner deiner kleinen Slytherinfreunde ist in der Nähe, um dir zu helfen."
Sie schnaubte. "Um gegen dich anzukommen, brauche ich meine Freunde nicht. Das schaffe ich auch ganz allein."
Potters Gesicht verzog sich voller Hass und er hob seinen Zauberstab. Elyna hatte ihren in ihrer Tasche verstaut, sie würde ihn nicht schnell genug hervorholen können. Dann kam ihr ein Geistesblitz. "Wenn du mir etwas tust, erzähle ich jedem von Remus' pelzigem Geheimnis", sagte sie also schnell.
Tatsächlich stockte der Gryffindor in seiner Bewegung. "Du bluffst doch nur", schnaubte er verächtlich.
Sie zog spöttisch eine Augenbraue hoch. "Und da bist du dir ganz sicher?"
Er zögerte kurz und als er merkte, dass er sich damit eine Blöße gab, reagierte er wütend. "Dann bringe ich dich halt zum Schweigen", zischte er und hatte schon ein "Stupor" auf den Lippen, als ihn jemand unterbrach.
"James! Was machst du da?"
Einen kurzen Augenblick lang verspürte Elyna Hoffnung, die schlagartig zerstört wurde, als sie erkannte, wer da auf sie zugelaufen kam.
"Wonach sieht es denn aus, Sirius? Ich bringe die kleine Schlampe ein für alle mal zum Schweigen."
Erstaunlicherweise spiegelte sich auf Blacks Gesicht Unwohlsein, er trat neben seinen Freund und legte ihm eine Hand auf den ausgestreckten Zauberstabarm. "Lass es für heute gut sein, okay? Ich bin nicht in der Stimmung dafür." Er warf einen schnellen unauffälligen Blick zu Elyna, die nicht ganz verstand, was da gerade geschah.
Potter schüttelte wütend Blacks Hand von sich und sah ihn an. "Sie will überall herumerzählen, dass Remus ein Werwolf ist!"
Elyna riss die Augen auf und stolperte einige Schritte zurück. "Was?!", keuchte sie im selben Moment, in dem Sirius rief: "Bist du denn völlig bescheuert, James?!"
Der Gryffindor schaute verwirrt zwischen ihnen hin und her, dann richtete er erneut den Zauberstab auf Elyna. "Du hast mich reingelegt!", kreischte er wütend.
Bevor er etwas unüberlegtes tun konnte, trat Black ihm in den Weg. Er drehte dem Schwarzhaarigen den Rücken zu und sah Elyna fest in die Augen. "Du wirst niemandem davon erzählen, ist das klar?" Er versuchte nicht einmal, ihr ein Märchen aufzutischen. Er hatte scheinbar begriffen, dass sie den logischen Zusammenhang zwischen Potters Worten und Remus' monatlicher Abwesenheit im Unterricht ziehen konnte.
Zuerst wollte Elyna mit einer sarkastischen Bemerkung antworten, von wegen, sie sei ja kein James Potter. Dann aber besann sie sich der Ernsthaftigkeit der Situation und nickte lediglich. "Von mir erfährt niemand etwas."
Black musterte sie noch einige Sekunden, dann drückte er den Zauberstab seines Freundes nach unten, der noch immer auf die Slytherin gerichtet war, und gab den Weg frei.
Sie zögerte nicht lange und lief schnellen Schrittes in die Bibliothek. An ihrem Stammtisch saß bisher nur Remus. Da Lilys Unterlagen jedoch auch auf dem Tisch lagen, nahm Elyna an, dass sie irgendwo zwischen den Regalen ein Buch suchte.
Sie setzte sich dem Braunhaarigen gegenüber.
Er lächelte sie an.
Sie dachte darüber nach, warum er ihr nie gesagt hatte, was er in den Nächten tat, nach denen er nicht im Unterricht auftauchte und kam zu keinem befriedigenden Ergebnis. Vermutlich waren sie für ein solch großes Geheimnis einfach noch nicht gut genug befreundet.
Sie lächelte zurück und packte ihre Sachen aus.
