"Die Sommerferien sind bald vorbei."
Elyna hob den Kopf und sah zu Professor McGonagall auf, während ihr Bruder weiterhin seinen Aufsatz schrieb. Sie hatten beide schnell das Alphabet gelernt und übten seitdem jeden Tag mehrere Stunden, um sich ihren Platz in Hogwarts auch wirklich zu verdienen. Am Ende des Tages waren ihre Finger dementsprechend müde und blau vor lauter Tinte. Aber es machte ihnen Spaß, zu lesen und zu schreiben. Sie mochten es, mit Professor McGonagall zu reden, die ihnen inzwischen erzählt hatte, dass sie für die Geschwister die Vormundschaft übernommen hatte, damit sie auch rechtmäßig in Hogwarts bleiben konnten. Es war ein ganz neues Gefühl für die beiden, von jemandem gemocht und nicht angeschnauzt zu werden.
Elyna warf einen Blick auf den Kalender. Tatsächlich war der offizielle erste Schultag bereits in drei Tagen.
"Ihr habt noch keine Schulsachen", erklärte Professor McGonagall und holte ein Säckchen mit Münzen aus ihrer Tasche hervor. "In der Winkelgasse findet ihr alles, was ihr braucht. Ich habe euch ja schon erklärt, wie Flohpulver funktioniert, jetzt müsst ihr euch nur noch auf den Weg in den Tropfenden Kessel machen und eure Schulsachen holen." Sie schob ihnen eine Liste zu, die Elyna neugierig entgegennahm. "Da steht alles drauf, was ihr braucht. Macht euch am besten jetzt auf den Weg, falls euer Einkauf länger dauert als erwartet."
Elyna nickte artig, steckte die Liste und das Geld ein und bedeutete ihrem Bruder, ihr zum Kamin zu folgen.
"Viel Spaß", wünschte ihnen die Verwandlungsleherin und lächelte.
Elyna lächelte zurück, stieg mit ihrem Bruder in die vom Flohpulver grünen Flammen und rief: "Tropfender Kessel!"
Die Wände des Kamins rauschten an ihnen vorbei und Asche wirbelte um sie herum. Dann stolperten sie endlich aus dem richtigen Kamin heraus und in eine düstere Wirtsstube hinein.
"Hogwarts?", fragte ein älterer Mann brummend und wartete gar nicht erst ihre Antwort ab sondern schob sie in einen Hinterhof. Dort tippte er mit seinem Zauberstab auf der Backsteinmauer herum und gluckste als die zwei Kinder mit großen Augen zusahen wie sich die Steine bewegten und einen Torbogen freigaben. "Viel Spaß euch noch", murmelte er, bevor er sich umdrehte und in dem schäbigen Wirtshaus verschwand.
Elyna griff nach Josecs Hand, damit sie einander nicht verloren und zog ihn in den nächsten Laden hinein.
Die freundliche Verkäuferin meinte es gut mit ihnen, war den beiden allerdings etwas zu aufdringlich. Umso erleichtert waren sie als sie den Laden wieder verlassen konnten - mehrere Tüten in den Händen mit Umhängen, die sie für die Schule brauchten.
Josec warf einen Blick auf die Liste, dann schaute er sich um und zog seine Schwester ein Stück weg von dem ganzen Trubel auf der Straße und in einen staubigen Laden hinein.
Staunend sahen die Zwillinge sich in dem riesigen Laden um, in dem so viele Regale mit scheinbar unendlich vielen kleinen Schachteln lagen.
"Wen haben wir denn da?", fragte ein alter Mann, der hinter einem Schreibtisch saß und sie mit so großen Augen ansah wie es sonst nur der Hauself Eryn tat.
"Guten Tag", besann sich Elyna wieder auf ihre Manieren. "Mein Name ist Elyna und das ist mein Bruder Josec Salwn."
Der Mann verbeugte sich lächelnd. "Ich bin Mr Ollivander, der Zauberstabmacher", stellte er sich vor. "Ich nehme ein paar Messungen vor, wenn es recht ist?"
Bevor sie zustimmen oder ablehnen konnten, flogen bereits magische Messbänder auf sie zu, maßen den Abstand zwischen ihren Ohren und Nasenlöchern, die Länge ihrer Arme und Finger und ihre allgemeine Größe. Ein Stift schrieb hastig die ganzen Zahlen auf.
Mr Ollivander wuselte bereits zwischen den Regalen hindurch und suchten einige Schachteln heraus, legte andere zurück und murmelte die ganze Zeit vor sich hin.
Als er zu den Zwillingen zurückkehrte, hatte er mehrere Schachteln auf dem Arm. Er öffnete die erste und holte einen hellen Zauberstab heraus, den er Elyna reichte. "Birke, Drachenherzfaser, elf Zoll", murmelte er.
Elyna nahm den Stab entgegen, doch als er in ihrer Hand zu glühen anfing, gab sie ihn schnell an ihrer Bruder weiter, der allerdings ebenso wenig damit anfangen konnte. Mr Ollivander nahm ihn zurück. Bei dem nächsten Zauberstab explodierte eine Vase, danach eine Lampe. Als auch der zwanzigste Zauberstab weder zu ihr noch zu Josec zu passen schien, war Mr Ollivander merklich genervt.
"Nie wollen die, wie ich das will", schimpfte er leise vor sich hin. "Ich wollte heute ausnahmsweise mal früher Schluss machen, meine Nichte hat doch heute Geburtstag." Grummelnd sortierte er die Schachteln ein. Plötzlich stoppte er mitten in der Bewegung, warf den Zwillingen einen Blick zu, schüttelte den Kopf und schaute wieder zu ihnen. Er schien hin- und hergerissen zwischen etwas, das Elyna und Josec nicht verstehen konnten. Schließlich ließ er es darauf ankommen, kletterte eine Leiter hinauf bis ganz unter die Decke und holte zwei Schachteln hervor. Nachdenklich betrachte er sie, kletterte die Leiter wieder hinunter und reichte den Kindern zögerlich die beinahe schwarzen Stäbe.
Eine wohltuende Wärme durchflutete Elyna, sodass ein sanftes Lachen aus ihr herausbrach. Ihrem Bruder erging es nicht anders.
Mr Ollivander starrte sie einige Augenblicke verzaubert an, dann riss er sich zusammen und nahm die Zauberstäbe noch ein letztes Mal an sich. "Ebenholz, Thestralschweifhaar, 10 1/2 Zoll lang", murmelte er. "Zwillingsstäbe."
Neugierig beobachteten die Geschwister den Zauberstabmacher, der unentschlossen schien, ob er ihnen wirklich diese Zauberstäbe verkaufen sollte. "Ihr müsst wissen, ich benutze fast nie Ebenholz, noch seltener Thestralschweifhaar. Ich weiß auch gar nicht mehr, was mich geritten hat, ZWEI Zauberstäbe aus Ebnholz mit einem Kern aus Thestralschweifhaar herzustellen." Er sah sie ernst an. "Diese Zauberstäbe sind unberechenbar, trügerisch und schwierig zu handhaben. Ich hoffe, sie dienen euch gut und ihr nutzt sie nie für schwarze Magie." Er gab ihnen die Zauberstäbe, sie bezahlten und er scheuchte sie schnell aus seinem Laden als hätte er Angst, dass die Stäbe sich "gebührend" von ihrem Hersteller verabschieden wollten.
"Komischer Kauz", murmelte Josec und Elyna konnte ihm nur zustimmen.
Ihre restlichen Einkäufe verliefen nicht so seltsam. Als letztes wollten sie noch die Bücher holen, die sie im kommenden Schuljahr brauchen würden. Sie hatten sich entschieden, ihre Bücher zu teilen, weil sie nicht vorhatten, sich in Hogwarts zu trennen. Sie hatten keine Angst, in verschiedene Häuser zu kommen und im Unterricht konnten sie nebeneinander sitzen.
Sie betraten also "Flourish & Blotts" und weil sie inzwischen hungrig und müde vom Einkauf waren, beschlossen sie, die Bücher aufzuteilen.
Elyna suchte als erstes das Buch für Zaubertränke. Vor einem Regal blieb sie stehen, um sich die Buchrücken auf der Suche nach dem richtigen Buch durchzulesen.
"Suchst du das hier?", fragte da ein Junge und hielt ihr eben jenes Buch unter die Nase.
"Ja, danke", murmelte sie leise und steckte es ein.
"Bitte. Ich bin Severus Snape, und du?" Er hielt ihr seine ausgestreckte Hand hin und sie schüttelte sie höflichkeitshalber.
"Ich heiße Elyna Salwn."
"Wo sind deine Eltern?", fragte er weiter nach. "Bist du alleine hier?"
Sie schüttelte den Kopf. "Ich bin mit meinem Bruder hier, er ist gerade unten und sucht die anderen Bücher." Sie setzte sich in Bewegung, musterte die Regalreihen sehr genau, denn das nächste Buch auf ihrer Liste war das für Verwandlung.
"Dein Bruder? Ist er älter als du? Geht er schon in die zweite Klasse?"
"Nein, wir sind Zwillinge", antwortete Elyna und zog ein Buch aus dem Regal, stellte es aber zurück als sie bemerkte, dass es das falsche war. "Bist du mit jemandem hier?", fragte sie zurück.
"Ja, mit einer Freundin. Wir wollten uns", er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und fluchte. "Verdammt! Wir wollten uns vor einer Viertelstunde treffen! Ich muss los, bis dann!"
"Tschüss", schaffte sie noch zu sagen, dann war er bereits weg. Sie sammelte die restlichen zwei Bücher von ihrer Liste ein und machte sich dann auf den Weg zu ihrem Bruder.
Der war ebenfalls fertig und unterhielt sich mit einem Jungen in ihrem Alter. "Ly", begrüßte er sie. "Das ist Rabastan Lestrange." Der fremde Junge nahm ihre Hand, gab ihr einen sanften Kuss und lächelte sie freundlich an. "Freut mich."
"Danke, mich auch. Ich bin Elyna Salwn", stellte sie sich ziemlich überrumpelt vor. "Wir müssen dann auch langsam los. Kommst du, Jo?"
Ihr Bruder nickte, verabschiedete sich von dem neuen Freund und zusammen gingen sie an die Kasse um ihre Bücher zu bezahlen.
"Das war ein aufregender Tag", meinte Josec als sie sich einen Weg durch die Menge zum Tropfenden Kessel bahnten.
"Ja, ich freue mich inzwischen richtig auf das neue Schuljahr."
