43. Märchen

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Kurz nach ihrem Gespräch mit Remus packte Elyna ihre Habseligkeiten zusammen und zog zu ihm in die kleine Wohnung im dritten Stock dieses schäbigen Wohnhauses, auf dessen Klingelschild nun auch ihr Name stand. Rabastan war nicht besonders begeistert davon. Als sie ihm jedoch erzählte, dass sie schwanger war und zu dem Vater des Kindes ziehen würde, freute er sich für sie und ließ sie mehr oder weniger zufrieden gehen. Ihre restlichen Freunde waren von der Nachricht ihrer Schwangerschaft ebenfalls überrascht und gratulierten ihr und Rabastan - immerhin wussten nur Severus und Josec, wer wirklich der Vater des Kindes wahr. Elyna hatte zwar auch das Gefühl, dass Regulus etwas ahnte, allerdings sprach er sie nicht darauf an und so ließ sie es auf sich beruhen.
Je weiter die Schwangerschaft voranschritt, desto weniger ging Elyna arbeiten. Stattdessen verbrachte sie die Tage mit Narzissa, überlegte, wie sie ihrem Kind eine gute Mutter sein konnte, ging vorbildlich zu jedem Arzttermin und wartete abends darauf, dass Remus nach Hause kam. Momentan arbeitete er als Bibliothekar in einer kleinen Stadt in der Nähe von London.
Manchmal saß Elyna auch einfach nur im Wohnzimmer der kleinen Wohnung, die sie sich mit Remus teilte, und sprach mit ihrem immer größer werdenden Bauch.
An einem Tag Anfang Juni besuchte Severus sie - Remus würde noch mindestens drei Stunden arbeiten. Elyna kochte Tee, stellte ein paar Kekse auf den Wohnzimmertisch und setzte sich schließlich ächzend aufgrund der Kugel, die sie vor sich herschob, neben ihn auf das Sofa.
"Wie geht es dir so?", fragte Elyna nach einer Weile, in der Severus einfach nur in seine Teetasse gestarrt hatte. Sie nahm momentan nur noch selten an den Todessertreffen teil und meistens auch nur, weil sie ihre Freunde vermisste oder die Sehnsucht nach Rabastan zu übermächtig wurde. Sie hatte sich fest vorgenommen, diesen Umstand zu ändern, sobald ihr Kind erst einmal geboren war.
Severus zuckte nachdenklich mit den Schultern und trank einen Schluck von seinem Tee. "Mir geht es soweit gut. Aber Reg... er benimmt sich in letzter Zeit echt seltsam, ich mache mir ein wenig Sorgen um ihn."
Elyna runzelte die Stirn. "Was genau meinst du mit 'seltsam'?"
"Soweit ich weiß, schläft er schlecht, er isst auch zu wenig. Die Augenringe, die eingefallenen Wangen... er sieht nicht gut aus. Seit ein paar Wochen verschwindet er beinahe regelmäßig für ein paar Stunden und niemand weiß, wo er sich in dieser Zeit aufhält. Er scheint ein Ziel zu haben, aber selbst noch nicht zu wissen, ob er es wirklich erreichen will. Regulus hat von Natur aus einen sanften Charakter, Elyna. Was ist... wenn er nicht mit den Gräueltaten der Todesser zurechtkommt?" Severus stellte seine Tasse auf den Tisch und blickte starr auf seine im Schoß gefalteten Hände. "Während unserer Schulzeit hatten wir keine Ahnung, was genau auf uns zukommt, wenn wir uns dem Dunklen Lord anschließen. Die Folter von Unschuldigen... Der Mord an Frauen und Kindern... Rabastan, Jo, sogar du und ich kommen damit klar, aber Reg war schon immer etwas sensibler als wir übrigen. Was ist, wenn er aussteigen will?" Seine letzte Frage hatte der Schwarzhaarige nur leise gehaucht, zu tief saß die Angst, jemand könnte auch nur erahnen, worüber sie hier sprachen.
Hochverrat.
Elyna schluckte schwer, bevor sie langsam den Kopf schüttelte und ihrem besten Freund fest in die schwarzen Augen sah. "Bei den Todessern kann man nicht aussteigen, das weißt du genauso gut wie Regulus, ich und jeder andere Todesser. Jo und ich können es uns erlauben, ein wenig aus der Reihe zu tanzen, wir könnten Reg eine Mission verschaffen, die ihn von den schlimmsten Aufgaben eines Todessers fernhält. Er weiß das, Sev. Wenn er ernsthafte Probleme hat, wird er zu uns kommen. Wir sind immerhin seine Freunde." Sie lächelte den Schwarzhaarigen beruhigend an, obwohl sie selbst ein ganz mulmiges Gefühl bei der Sache hatte.
Severus nickte langsam und erwiderte ihr Lächeln. "Du hast Recht, Ly. Wenn Reg Schwierigkeiten hat, wird er schon zu uns kommen. Bis dahin habe ich ein Auge auf ihn."
Elyna grinste ihren besten Freund vielsagend an, woraufhin er rosa anlief. "Sobald ich diese Kugel los bin", sie deutete auf ihren riesigen Bauch, "werde ich dir dabei helfen, keine Sorge."
Severus nickte lediglich, trank seinen Tee aus und verzog das Gesicht, weil er bereits kalt war. Ächzend stemmte Elyna sich von dem Sofa hoch und nahm ihm seine Tasse ab. "Ich koche mal schnell neuen Tee", sagte sie lächelnd, bevor sie in der Küche verschwand und neues Wasser aufsetzte.
Als sie kurz darauf wieder ins Wohnzimmer zurückkehrte, hatte sie nicht nur den Tee dabei sondern auch ein Fotoalbum, das sie Severus vor die Nase hielt. "Für dich", fügte sie hinzu, als er nach einer gefühlten Ewigkeit noch immer nicht reagiert hatte.
Severus nahm das Album also entgegen, legte es auf seinen Schoß und klappte die ersten Seiten auf, während Elyna die Tassen auf den Tisch stellte und sich wieder neben ihn setzte.
Gemeinsam betrachteten sie die Fotos. Die der ersten drei Schuljahre waren noch etwas langweilig und gestellt, außerdem hatte Elyna aus dieser Zeit nur wenige Fotos gefunden, die überhaupt gut aussahen. Im vierten und fünften Jahr war das etwas besser geworden. Severus blieb bei einem bestimmten Foto hängen und schluckte schwer.
"Du weißt ja gar nicht, wie schwer es war, an dieses Foto heranzukommen", lachte Elyna scherzhaft.
"Danke", flüsterte Severus mit belegter Stimme, sein Blick war unverwandt auf das lachende Gesicht der fünfzehnjährigen Lily Evans gerichtet. Es dauerte eine Weile, doch dann lächelte er leicht und schlug die nächste Seite auf. "Früher war ich mal in sie verliebt", sagte er zu Elyna und grinste schief über das Foto, das von Narzissa aufgenommen worden war und das eine wütende Elyna zeigte, die mit Severus und Regulus schimpfte, weil die beiden einen Zaubertrank in die Luft gejagt hatten. Im Unterricht. Direkt vor Slughorns Nase. Und dann auch noch so kurz vor Schuljahresende, dass diese Dummheit sie beinahe den Hauspokal gekostet hätte.
"Ich weiß", erwiderte Elyna lediglich und beobachtete Severus genau.
"Diese Gefühle sind zwar längst abgeklungen, aber manchmal bin ich trotzdem traurig darüber, wie unsere Freundschaft in die Brüche gegangen ist." Severus sah sie an und in seinen Augen erkannte Elyna nichts als die Wahrheit. Er war über Lily hinweg, auch wenn ihr Verlust als Freundin ihn manchmal noch schmerzte.
Elyna lächelte Severus aufmunternd an und legte ihren Kopf auf seiner Schulter ab, während sie weiter durch das Fotoalbum blätterten. Auf einmal stockte sie und fing dann ganz plötzlich an zu lachen.
"Was ist?", fragte Severus stirnrunzelnd.
Elyna deutete auf ein Foto und der Schwarzhaarige begann kurz darauf ebenso wie sie zu grinsen. Auf dem Bild waren sie beide abgebildet, am Schwarzen See kurz vor Ende des siebten Schuljahres. Elyna hatte einen Arm um die Schultern ihres besten Freundes gelegt und lachte fröhlich in die Kamera. Im Hintergrund sah man Sirius und Josec, die wild miteinander knutschten, bis der Riesenkrake je einen von ihnen mit seinen gewaltigen Tentakeln an der Hüfte packte und sie somit voneinander trennte. Die beiden Jungs beschwerten sich lautstark, woraufhin der Krake sie beleidigt in den See warf und Unmengen an Wasser auf die Schüler verspritzte, bevor er schmollend untertauchte.
Nachdem Elyna und Severus sich wieder ein wenig beruhigt hatten, blätterten sie weiter. Es kamen Fotos von Narzissas und Josecs Hochzeit, sowie von der Feier, die Elyna und Rabastan veranstaltet hatten. Das letzte Bild zeigte Elyna und Narzissa, die mit dicken Bäuchen nebeneinander standen und über etwas kicherten, das wahrscheinlich völlig unwichtig gewesen war - zumindest erinnerte Elyna sich nicht mehr daran.
"Die letzten Seiten sind für dich", sagte sie lächelnd zu Severus, der in der Erwartung, das nächste Foto zu sehen, bereist umgeblättert hatte. "Erinnerungen und Farbe im Leben sind wichtig, damit man sich entwickeln kann. Es ist zwar schön und gut, dass du das Haus deiner Eltern in Cokeworth geerbt hast, aber du kannst ruhig mal ein bisschen Farbe und Freude dort hinein bringen. Stell dir ein paar Bilderrahmen hin - Fotos von Reg, mir, Zissy, meinetwegen sogar von Lily. Deine Wohnung sieht viel zu traurig und einsam aus, Sev." Sie wollte ihn nicht beleidigen oder irgendetwas in der Art, deshalb legte sie ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte ihn an, um ihren Worten die Schärfe zu nehmen. Sie hatte Severus gern und wollte einfach nicht, dass er die Freude, die er am Leben haben könnte, verschwendete.
Er verdrehte über ihre Worte nur die Augen, doch an dem Zucken seiner Mundwinkel erkannte Elyna, dass er zumindest einmal über ihre Sorgen nachdenken würde. Er klappte das Fotoalbum zu und legte es auf den Tisch.
Elyna stand langsam auf und verschwand kurz im Schlafzimmer. "Tust du mir einen Gefallen?", rief sie ihm von dort aus zu.
"Klar", erwiderte er sofort. "Worum geht es denn?"
Elyna kam grinsend zurück ins Wohnzimmer, in der Hand ein Buch - Die Märchen von Beedle dem Barden.
"Das kleine Wesen hier", sie strich liebevoll über ihren Bauch, "ist meistens ziemlich aktiv und strampelt, was das Zeug hält. Aber deine Stimme scheint es zu beruhigen, deswegen...", nun wurde sie sich doch etwas unsicher, "wäre es schön, wenn du uns etwas vorlesen könntest?"
Severus hob skeptisch eine Augenbraue, doch nach einigen seltsamen Sekunden seufzte er tief und nahm das Buch entgegen, das Elyna ihm hingehalten hatte. Sie setzte sich auf die Couch und machte es sich gemütlich, während Severus durch die Seiten blätterte. "Ist dir egal, welches Märchen ich dir vorlese?"
Elyna nickte. "Ich kenne sie eh alle auswendig", meinte sie grinsend, bevor sie verlegen hinzufügte: "Deine Stimme ist sehr angenehm, Sev, weißt du? Also sei mir nicht böse, falls ich einschlafen sollte."
Der Schwarzhaarige sah seine beste Freundin einige Augenblicke lang an, bevor er lächelnd den Kopf schüttelte und sich leise räusperte. Dann fing er an, Elynas Lieblingsmärchen vorzulesen:

...Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt