22. Im Krankenflügel

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Severus Snape saß auf einem äußerst unbequemen Hocker neben dem Bett seiner besten Freundin und versuchte, sich auf die Hausaufgaben für Verwandlung zu konzentrieren. Doch immer wieder wanderten sein Blick und seine Gedanken zu dem schwarzhaarigen Mädchen neben ihm, das seit vier Tagen schlief. Sie sah so unglaublich friedlich aus, dass er sich kaum vorstellen konnte, dass sie - zusammen mit ihrem Bruder - für die völlige Zerstörung des Korridors im dritten Stock verantwortlich war. Aber er musste es sich nicht vorstellen, er hatte es gesehen. Er hatte seine beiden Freunde gesehen, die so hasserfüllt gegeneinander gekämpft hatten, obwohl sie sonst stets ein Herz und eine Seele waren. Er hatte gesehen, wie sie sich beinahe in der Schwarzen Magie verloren hatten, auf die sie unbewusst zugegriffen hatten und die sie beinahe verschlungen hatte. Und er hatte die Zerstörung gesehen, die sie ausrichten konnten, wenn nur der Wunsch dazu da war.
Seufzend legte Severus seine Feder und das Pergament weg und nahm stattdessen Elynas Hand in seine. Sie war so fürchterlich kalt.
Vor vier Tagen hatte man die Zwillinge in den Krankenflügel gebracht und starke Schutzzauber zwischen ihnen gezogen für den Fall, dass sie aufwachten und sofort wieder aufeinander losgehen wollten. Doch sie schliefen einfach weiter und niemand konnte so recht sagen, weshalb.
Narzissa, Rabastan und Regulus waren regelmäßig zu Besuch und die vier Freunde wechselten sich ab, wenn es darum ging, neben den Zwillingen zu sitzen oder essen zu gehen. Auch einige der anderen Slytherins waren vorbeigekommen - Avery und Mulciber zum Beispiel. Für Severus war es nicht weiter überraschend, dass auch Lily und Remus Lupin zu Besuch gekommen waren. Doch weshalb Sirius Black an einem Abend den Kopf durch die Tür gestreckt hatte und gleich darauf wieder verschwunden war, konnte er sich nicht erklären. Er wollte es allerdings auch nicht wissen, wenn er ehrlich mit sich war.
Die Sonne ging bereits unter und färbte den Krankenflügel rot und golden.
Severus hätte gerne gewusst, was der Auslöser für das furchtbare Duell der Zwillinge war. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie sich aufgrund ihrer Eltern gestritten hatten, doch was hätte es sonst sein sollen? Er konnte sich einfach keinen Reim darauf machen.
Die Türen zum Krankenflügel gingen auf und Severus wandte den Blick von Elyna ab. Rabastan schleppte sich langsam auf ihn zu. Er sah ungesund bleich aus und war viel zu dünn. Severus wusste, dass Elyna und Rabastan Zwillingsseelen waren und deshalb wusste er auch, dass es dem Schwarzhaarigen schon seit Tagen miserabel ging. Doch kaum sonst jemand wusste von dem Geheimnis, deswegen musste Rabastan wie gewohnt zum Unterricht gehen und so tun, als hätte er lediglich Angst um seine Verlobte.
"Wie geht es ihnen?", fragte er und ließ sich auf den Hocker fallen, von dem Severus aufgestanden war. Er griff nach Elynas Hand und strich mit den Fingern über ihre blassen Wangen.
"Unverändert", sagte Severus. "Madam Pomfrey weiß nicht, was ihnen fehlt. Körperlich ist alles in Ordnung, es gibt keinen Grund, weshalb sie nicht aufwachen sollten."
"Und trotzdem schlafen sie weiter", fügte Rabastan hinzu. "Glaubst du...", er unterbrach sich.
Severus setzte sich neben das Bett von Josec, das dem seiner Schwester gegenüber stand, und sah den Freund auffordernd an. "Glaube ich was?"
"Glaubst du, sie wachen nicht auf, weil sie zu tief in die Schwarze Magie eingetaucht sind?", fragte Rabastan also leise. Er sah dabei nicht auf und Severus konnte die Furcht aus seiner Stimme hören. Er selbst hatte sich auch schon oft darüber Gedanken gemacht, war aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen. "Ich weiß es nicht", sagte er. "Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich von der Schwarzen Magie verleiten lassen. Jo und Ly sind nicht blöd oder schwach, ganz im Gegenteil. Sie sind die wohl stärksten Zauberer, die mir je begegnet sind. Ich weiß, so viele Menschen kenne ich gar nicht, aber trotzdem. Ich würde sogar sagen", er senkte die Stimme, "dass sie stärker sind als der Dunkle Lord."
Rabastan nickte lediglich, doch die Worte des Freundes nahmen nicht seine Angst. Er legte den Kopf neben Elyna ab und sah sie einfach an.
Im Krankenflügel wurde es immer dunkler, die Lichter gingen an und schließlich war der Schwarzhaarige eingeschlafen. Severus saß weiterhin neben Josec und starrte auf die kalten Fliesen. Irgendwann erhob er sich schließlich und ging ein paar Schritte, weil sein Hintern eingeschlafen war. Als er an Elynas Bett vorbeikam stockte er. Er hatte noch einen Blick auf ihr schlafendes Gesicht werfen wollen, bevor er Rabastan weckte und zum Slytheringemeinschaftsraum zurückkehrte.
Doch sie schlief nicht.
Ihre seltsamen schwarzen Augen mit dem grünen Ring um die Pupille und den zwei grünen Tupfen sahen ihn an und blinzelten einige Male erschöpft.
"Ly", entschlüpfte es Severus.
Sie lächelte leicht und hob eine Hand, um Rabastan über den schwarzen Schopf zu streicheln. Er wachte von der Berührung sofort auf und riss den Kopf hoch. Als er sah, dass Elyna wach war, lachte er befreit und gab ihr ein Glas mit Wasser, denn aus ihrem Hals drang nur ein trockenes Krächzen.
Severus hatte sich derweil umgedreht und war zum Bett von Josec gegangen. Tatsächlich war auch der Schwarzhaarige wach, hatte sich inzwischen schon selbstständig aufgesetzt und trank das Wasserglas von seinem Nachttisch leer.
Zu spät fiel Severus ein, dass er die Vorhänge um Josecs Bett zu ziehen sollte. Er bemerkte seinen Fehler erst, als der Blick des Anderen sich starr geradeaus richtete und nicht mehr bewegte. Severus musste sich nicht umdrehen, um zu sehen, dass Josec seine Schwester ansah. Sein Blick war dabei so undeutbar, dass Severus sich nicht traute, irgendeine unüberlegte Bewegung zu machen.

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