Kapitel 46

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Mein Kopf wurde durch die Hilfe meiner Handfläche gestützt und ich sah ungläubig die Zahlen auf dem Bildschirm an. Das ist einfach surreal. Ich dachte schon ein Spiel zu leben sei merkwürdig, doch dies ist wahrhaftig eine Übertreibung. Langsam glaube ich der Ziffer nicht, vielleicht ist es eine Illusion, ein Bug und somit einfach ein Fehler. Allgemein fühle ich mich freier und leichter, als sonst. Gestern erhielt ich die Unterstützung meiner besten Freunde und von Mako. Alle vier sind stolz, dass ich das mache, was ich nun tue. Ich bin stolz auf mich, aber diese Zahlen machen mir so unglaublich viel Angst. Ja, es entfacht in mir eine gewisse Freude, aber mit einem bitteren Nachgeschmack. So viele Menschen kennen mich. Mein Wunsch, öffentlich zu zocken, ist wahr geworden und das ist so unwirklich. In Japan macht jeder eigentlich das, was einem vorgeschrieben wurde, allerdings hab ich jetzt angefangen meine eigene Story zu schreiben. Ich bin Kodzuken und nicht nur Kenma. Dieses helle Licht der Freude und der Unterstützung wirft auch riesige Schatten, in einen von denen steht er. Vor einem Jahr kam ich mit ihm unter dem Nachthimmel zusammen, er schenkt mir ein Ring, ich vernachlässigte das Zocken, verbrachte Zeit mit ihm, ehe alles in die Brüche ging und mir wieder nur Videospiele blieben. Ich nehme Videos auf, wie ich zocke, rede über mein Leben und lade das dann einfach hoch. Wie kann das die Realität sein? Ich hab mich so oft als ein niemand gesehen und dann kommt das. Leute zeigen mich, wer ich bin und was ich schaffen kann. Man sieht mich. Alles in meinem Leben war darauf ausgerichtet nicht aufzufallen, zum Beispiel meine Haare mit denen ich mir die Sicht verkleinerte, meine ruhige Art, mein Spielstrategie im Volleyball und dennoch nun bin ich freiwillig ins Rampenlicht getreten. Eine Sache muss ich zugeben: Es fühl sich gut an. Kommentare über Kommentare und unvorstellbare Likes. Leute schauen und hören mir zu. Leute geben mir eine Aufmerksamkeit, die ich nie erwartet hab. Wieso wachse ich so schnell? Wieso bin ich für die alle so interessant? Die ganzen Menschen kennen meine Stimme, meine Spielweisen und mein Humor, sowie einige meiner Erlebnisse. Diese Menschen interessieren sich für mich. Ab der Grundschule hatte ich immer nur Kuroo an meiner Seite, ab der Oberschule kamen noch mehr dazu und nun haben sich tausende Menschen freiwillig dazu erklärt mir zu folgen. Ist es ein Traum? Eigentlich sollte doch mein Leben schlecht laufen, immerhin hab ich meinen Freund bei einer anderen gesehen, hab kaum Kontakt mit ihm gehabt und kämpfte gegen meinen Fluch, doch ich spüre diese Glückshormone in mir. Ich bin Glücklich.

Ich scrollte zum Kommentarbereich runter und wieder überkam mich eine ungewohnte Motivation, die ich zuvor nie hatte. Mein Körper wurde von Trägheit geleitet und nun bin ich irgendwie energiegeladen. Langsam fühle ich mich wie einer der Erstklässler, die immer lachen, Spaß haben und fröhlich sind. Vielleicht musste ich erstmal lernen nicht in seinem Schatten zu stehen, denn das ist das erste Mal, dass ich mir selbst etwas aufbaue. Wegen ihm begann ich mit Volleyball, zusammen teilten wir uns die Liebe zu Videospielen und nun bin ich ganz allein. Ich bin derjenige der noch Volleyball spielt und seinen Hobbys nachgeht. Ich hab mein Kanal gegründet. Es ist wieder so als würde Glück vor meiner Nase baumeln und ich muss es ergreifen. Das ist mein Heiliges Schwert in dem Game. Ich kämpfe mit meinem Team zusammen. Ich kämpfe um Glück.
Ich liebe dieses Projekt!
Ey dieser Humor killt mich XD
Endlich hat Japan auch mal ein guten Gamer zu bieten
Solche Kommentare machen mich wirklich glücklich. Ich bin kein durchschnittlicher, japanischer Oberschüler, sondern 'Kodzuken'.

„Kenma, kann ich reinkommen?" Ich drehte mich zur Tür und sah meine Mutter. Ihre dichten, kurzen Haare waren zerzaust und unter ihren Augen befanden sich klare Augenringe. Sie sah nicht gut aus. Kann es sein, dass es wegen mir ist? Hab ich sie zu sehr aus meinem Leben geschlossen? Es tut mir leid... Fuck, jetzt muss ich sogar noch alles gleich sagen. Die Wahrheit am besten. Shit! Shit! Shit! „Ähm... klar", antwortete ich erschrocken und schloss die Taps auf meinem Computer, damit meine Mutter nicht mein neues 'Hobby' sieht. Es war mir nicht unangenehm, aber ich glaube es wäre zu viel auf einmal. Beziehungsweise will ich ihr kein Schrecken einjagen mit dieser Zahl. Die braunhaarige schritt zu meinem Bett, wo sie sich seufzend niederließ und dann mir intensiv in die Augen schaute. Augenblicklich spannte ich mich auf meinem Schreibtischstuhl an. Ich kann ihren Blick nicht deuten. „Du hast Tetsuro wirklich blockiert? Ihn aus deinem Leben ausgeschlossen? Ich dachte, ihr seid glücklich zusammen. Seit deinem Zusammenbruch von vor einem Jahr hast du dich von mir distanziert und ich hab keine Ahnung was mit dir los ist. Wieso machst du das alles? Was ist dein Ziel? Kenma, rede mit mir." Ihre Worte waren ruhig, aber taten mehr weh als alles andere. Es waren Vorwürfe. Ich hab Fehler gemacht. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Ein leichtes Zittern von ihr löste in mir eine Angst aus. Was hab ich nur getan?

„Ich-..." Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Mein Blick hing an meinen Händen. Was war eigentlich passiert? Jede Entscheidung in einem Game führt zum nächsten Szenario und diese Situation kann ich gerade echt nicht einschätzen. Was ist das für eine fucking Quest?! „Macht dich das glücklich?" Ihre Stimme nahm einen sanften Ton an. Ihre Hand strich über meine und langsam traute ich mich ihr ins Gesicht zu sehen. Eine gute Frage, worauf ich eine Antwort hab. „Er ist alles für mich. Er ist meine Kindheit. Ich dachte, wir würden ewig zusammen bleiben, aber es fühlt sich einfach nicht richtig an. Ich dachte, er bleibt immer an meiner Seite und wir verändern uns nicht, doch so ist es nun mal. Ich war am Boden. Mir ging es schlecht und in der Zeit wollte ich nur seine Aufmerksamkeit, die ich nicht erhielt. Tetsuro ist kein schlechter Mensch, doch wir passen nicht auf diese Art und Weise. Wir kamen im falschen Moment zusammen", erklärte ich mit Tränen in den Augen. Er kann nichts dafür, was geschehen ist, doch er kann auch nichts mehr daran ändern. Ich muss ihr alles sagen, sonst wird es noch schwerer. „Ich hab angefangen Gaming-Videos hochzuladen und es gefällt vielen, das baut mich auf. Ich versuche für mich nun zu leben, wie damals auch. Bitte, sei nicht wütend oder enttäuscht. Ich fühle noch immer etwas für ihn, doch ich kann nicht mehr. Ich will einfach nur glücklich sein." Eine Träne verließ mein Auge, jedoch wischte meine Mutter diese sofort weg. „Kenma, ich sage nichts dagegen. Du bist mein Kind und ich will das du glücklich bist. Ja, Tetsuro ist mir ans Herz gewachsen, allerdings will ich dich nicht mehr so zerstreut sehen. Ich bin stolz auf dich und mach bitte weiter so. Wenn du denkst, dass es das Richtige ist, dann tu es. Wag den Absprung. Werde glücklich, mein Schatz, du musst nicht mal ein Typen oder sonst wen an deiner Seite haben, denn du allein bist schon stark genug. Aber es ist falsch jemanden, der einen so viel bedeutet, auf heißen Kohlen sitzen zu lassen. Triff eine Entscheidung und zieh es durch. Denk an dein Glück! Es ist egal, was in der Vergangenheit war, du kannst nur jetzt etwas tun, was die Zukunft ändert. Geh zu ihm und sprich dir die Seele aus dem Leib. Mein kleiner Kenma wird Erwachsen und zu dieser Entwicklung zählt auch der Kummer." Sie strich mir liebevoll durch die Haare. Sie hat ja Recht. Es ist falsch ihm nichts zu sagen. Am Ende sollen wir beide frei sein. Wenn ich es aufschiebe, heißt es nicht, dass ich faul bin, sondern, dass ich Angst hab. Aber Tora zeigte mir, wie man Ängste überwindet. Tokuma zeigte mir, wie man über sich hinaus wächst. Yuyu erklärte mir, was ich zutun hab. Akaashi gab mir immer Rat und Shoyo bat mir Zuflucht. Mako half mir den nächsten Schritt zu tun und nun bin ich derjenige, der als nächstes handelt. Meine Zeit ist gekommen. 'Wag den Absprung' Will ich das eigentlich? Nein, aber ich muss, wenn ich glücklich sein will. Ich stürze mich von einer Quest zur nächsten und beende dieses Drecks Spiel! „Danke", flüsterte ich und meine Mutter schloss mich in den Arm. Ihre Arme gaben mir die letzte Zuversicht.

„Ich werde ihn vermissen!", schluchzte ich. Ja, das werde ich, doch ich werde noch immer dieses Gefühl für ihn verspüren. Er schenkte mir ein Ring, den ich zurück geben muss. Er ließ mich in sein Herz und nun verlass ich dieses. Diesen schwarzhaarigen Jungen werde ich nie vergessen. Und seine Worte werden immer in meinem Gedächtnis hallen. Wenn ich in den Himmel schaue, weiß ich, dass wir unter demselben stehen. Auch wenn ich unseren Band durchschneide, weiß ich, dass der Mond über uns beiden leuchtet. Ich muss ihm sagen, was los ist und wo das Problem liegt. Das was ich brauche ist Mut und Unterstützung. Ich werde viele Versprechen brechen. Ich fange ein neues Kapitel im Leben an, wo er nicht auftaucht. Ein Kapitel ohne mein besten Freund.

Ohne Tetsuro.

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