Kapitel 43

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Mein Herz raste. Wieder war meine Kehle so unglaublich trocken und meine Sicht verschwamm. Ein Dolch durchfuhr mein Herz immer und immer wieder, wodurch unwillkürlich das Bild der beiden in mein Kopf stieg. Wieso kann ich nicht sie sein? Wieso kann ich nicht einfach gedankenlos lieben und ihm blind vertrauen? Wieso bin ich nicht dazwischen gegangen? Ich will ihn doch lieben. Meine Beine fühlten sich wie Wackelpudding an. Meine Hand zitterte, nachdem ich die Klingel betätigte, sofort trat sie raus. „Mako..." Ich schaute sie mit einem trüben Blick an. Die junge Frau stand an ihrer Tür und sah mich geschockt an. Es ist eigentlich dumm zu ihr zu gehen, immerhin ist sie seine Schwester. Sie sehen sich ähnlich und ich bezweifle, das mir das gut tut, doch jedes Mal, wenn es mir schlecht ging, als ich klein war, rannte ich zu ihr. Das war wie ein Notfallplan. Ich flüchtete zu ihr, denn sie gab mir einen Schutz, den ich mir immer gewünscht hab. Sie ist für mich sowas wie meine große Schwester, die ich nie hatte. Sie trat aus ihrer Wohnung raus und nahm mich in den Arm. Ihre dünnen, langen Finger strichen über mein Rücken und ich konnte mir kein Schluchzen verkneifen. Tränen über Tränen flossen meine Wangen runter und landeten auf ihrem Shirt. Ich wusste doch, dass es so endet! Es war mir klar, dass es keine Ewigkeit gibt. Ewigkeit ist nur eine 'Strecke' bei der wir nicht wissen, ob es ein Ende hat, doch es hat ein Ende! Ich bin an diesem Ende, alleine. Jedes Videospiel geht mal zu Ende, das ist nun mal so. Egal, wie sehr ich es genoss oder litt, ich hab es geliebt. Ich hab ihn geliebt, das werde ich wahrscheinlich nie verlieren, doch ich muss es akzeptieren. Ich bin nicht wütend auf ihn. Das ist nur pure Enttäuschung. „Hey, Kleiner, lass einfach alles raus. Ich bin für dich da, wie damals. Komm rein und sag mir, was ich tun soll", sprach sie behutsam zu mir. Mako ist manchmal ein Chaot, doch sie weiß, wie man mit Menschen umzugehen hat. Sie führte mich in ihr Apartment und forderte mich auf, Platz auf ihrem ordentlich gemachten Bett zu nehmen. Sie kniete sich vor mich hin und hielt meine Hände fest umschlossen. Sie will mir einfach zeigen, dass ich nicht allein bin. Aber wie soll das gehen, wenn ich gerade eine unbeschreibliche Einsamkeit fühle? Ich hab heute gesehen, wie mein Freund Mikasa küsst. Ich hab meine Liebe verloren. Ich hab mich verloren. Wieder stiegen Tränen in mir auf. Ich kann nicht mehr!

„Mako", krächzte ich und sie drückte meine Hände. „Ich-... Ich brauch A-Abstand zu-zu den anderen. Ka-kannst du b-... Bitte." Sie unterbrach mich nun: „Hey, Ich halte dein Aufenthalt geheim. Komm runter und denk nach, das ist wichtig. Ich stelle dir alles zu Verfügung, aber deine Mutter kontaktiere ich. Sie wird das schon akzeptieren. Liebe ist schwer und du musst nicht auf Zwang lieben. Vergiss es und lebe. Lebe bitte und stirb mir ja nicht weg. Ich brauche meinen kleinen Kenma." Sie wuschelte mir durch die Haare und grinste.

Dieses Lächeln ähnelt so seinem. Er-... Nein, ich lerne gerade loszulassen. Ich will ihm nicht mehr vergeben. Ich gebe keine weiteren Chancen. Ich bin schon an dem Punkt in meinem Leben angekommen, bei dem ich mich für den Tod entschied, wodurch ich anfing gegen meine Verheerung zu kämpfen. Ich verlor die Lust an Dingen, die ich mochte, ich hatte keine Kraft und Energie, dazu vergaß ich so vieles, was mir gefiel. Ich vergaß durch die Liebe zu leben. „Darf ich dir eine Frage stellen?" Mein Kopf brauchte seine Zeit, ehe ich ihre Worte verstand und zustimmte. Ich schulde ihr eine Antwort, gar eine Erklärung. „Hast du ihn wirklich geliebt?" Mein Herz zog sich zusammen. Mako, das ist eine echte Ohrfeige. Ob ich ihn wirklich geliebt hab? Ja, das tue ich wahrscheinlich noch immer und ich bezweifle, dass es abklingen wird. Er war mein erster Freund und dann meine erste Liebe. Er war immer derjenige für den ich gelebt hab und mir schöne Seiten im Leben zeigte. Wie könnte ich ihn je vergessen? Wie könnte ich meine Liebe zu ihm vergessen? „J-Ja." Sie klatschte in die Hände und erhob sich, daraufhin streckte sie sich. „Wo liegt dann das Problem? Ja, mein Bruder ist manchmal echt Blind und zurückgeblieben, aber kein schlechter Mensch. Jedoch kann ich mir denken, was passiert sein könnte, immerhin bin ich die Person, die schon in sechs gescheiterten Beziehungen war. Und ja ich bin stolz darauf! Ich hab jedes Mal meine Augen ausgeheult, doch hab ich immer weiter gemacht. Das wichtigste Gefühl ist definitiv nicht die Liebe, sondern der Wille zu Leben. Wenn eine Beziehung scheitert, dann sucht man sich etwas, was einen weiter bringt. Es geht hier zwar auch um meinen Bruder, aber für mich ist es wichtiger, demjenigen zu helfen, der gerade heult. Und Kenma Kozume würde nie über ein Bastard heulen! Beweg dein Arsch und mach dein Hobby! Du liebst zocken, wieso setzt du dich nicht einfach an mein Computer und filmst dein Spiel, dann zeig ich dir, wie man es schneidet. Wenn du bereit bist, können wir es auf 'YouTube' posten. Guck jetzt nicht so erschrocken! Du hast nichts zu verlieren!"

Ja, sie hat Recht. Ich hab nichts zu verlieren. Aber was bringt das? Jegliche behinderte Leute können mir dann zuhören und mich niedermachen. Was soll ich bitte da sagen oder gar spielen?! Mako schnipste mir gegen die Stirn und ich starrte erschrocken zu ihr. „Kenma, hör auf so zu sein! Du setzt dich jetzt dahin und spielst, keine Ahnung, 'Minecraft', oder so. Rede einfach drauf los, denn die Menschen sind nur Zahlen, stell dir das vor. Du musst nur den Screen aufnehmen, nicht mal dein Gesicht und du kannst dich als... ähm..." Die schwarzhaarige Frau strich sich gedankenverloren über den Kinn.

„Kodzuken! Ja, nenn dich einfach Kodzuken! Und wenn du willst kann ich noch ein Stimmenverzerrer drüber klatschten. Ich kann sowas. Wollen wir es probieren? Zeig Tetsuro, wer du bist!" Sie packte mich am Oberarm und zerrte mich zu ihrem Schreibtisch, wo sie mir ein Headset aufsetzte und alles Nötige einstellte. „Kenken, denk daran, du bist, wenn die Aufnahme startet, 'Kodzuken', lass alles raus und spiel. Vergiss den Kuss, ja ich weiß Bescheid, immerhin bin ich Mako, die schlauste Beziehungstante. Bitte tu es für mich. Ich gehe aus dem Raum, wenn was ist, ruf mich", flüsterte sie mir noch zu, bevor sie abhaute. Ein Versuch ist es doch Wert? Ich begab mich doch immer in Videospiele, um meinen Problemen zu entfliehen, wieso jetzt nicht auch? Ich klickte das Spiel an und startete die Aufnahme. Ich muss lernen loszulassen. Ich muss lernen andere Dinge zu lieben. Vor ihm konnte ich auch leben und nach ihm geht es doch auch weiter. Ich muss lernen. Mein Kloß löste sich und die Anspannung verließ meinen Körper. Vielleicht ist das wirklich etwas für mich.

„Guten Tag, ich weiß nicht, ob das jemals jemand sehen wird, aber das ist mir nun egal. Ich bin Kodzuken und willkommen auf meinem Kanal! Heute beginne ich mein erstes Projekt: Ich baue 'Laputa' in 'Minecraft' nach!", begann ich zu reden. Ich kann abschalten. Ich kann mich von ihm abkapseln. Nicht die Verheerung ist mein Problem im Leben, sondern die Liebe. Ich hab es doch von Anfang an gewusst, das war eine Liebe, die nicht sein sollte. Hätte ich deinen Namen rufen müssen? Hätte ich dir öfters sagen sollen, was ich fühle? Hätte ich dich öfters küssen sollen? Vielleicht war ich einfach in deinem Bann gefangen. Vielleicht stehe ich in deinem Schatten, wo ich nicht leben kann. Doch nun muss ich selbst auf meinen Beinen stehen. Ich will nie wieder der Typ neben Tetsuro Kuroo sein, immerhin bin ich Kenma Kozume. Ich will nie wieder unter deinem Bann stehen. Ich will nicht mehr diese drei Worte sagen, denn jemand anders hat dich geküsst und du hast nichts dagegen gemacht. Du hast es akzeptiert und so unseren Band gebrochen. Ich sah dich nicht mehr als 'Kuro', sondern nur noch als Fremden. Du kennst all meine Geheimnisse, mein Leben und zusammen dachten wir, dass unsere Zukunft gemeinsam sein wird. Ich hatte immer Angst dich von mir wegzudrücken, da ich dich liebte, doch nun, seit mein Herz gebrochen ist, fühle ich mich leichter. Wir hätten Freunde bleiben sollen, doch nun ist es zu spät. Es war eine hoffnungslose Liebe. Meine Finger berührten den Ring, unseren Ring, und ohne Bedenken löste ich ihn von meinem Ringfinger. Ich muss meine eigene Zukunft leben, hingegen du eine neue Liebe finden kannst. Ich beende dieses Game und starte mein eigenes. Du kannst mir zuschauen, Kuroo.

Ich bin ein Gamer mit dem Namen 'Kodzuken'.

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