Gawain hatte sich in den Stall zurückgezogen. Das tat er öfters, um sich abzuregen. Er stand in der Box seiner schwarzen Stute Krauka. Eigentlich war sie nur sein Schulpferd. Jeder der Knappen hatte eines aus den Ställen ihrer Väter mitbekommen, nur Guinivere besaß ihr eigenes. Auf Krauka hatte Gawain das Reiten gelernt, da war er gerade mal vier Jahre alt gewesen. Dementsprechend waren die beiden ein Herz und eine Seele. Doch zu seinem 18. Geburtstag wird er, wie alle Knappen, ein eigenes Pferd bekommen, welches er ausbildet. Ritter müssen schließlich ein Händchen für diese edlen Tiere haben, denn ein Ritter ohne Pferd war nur ein einfacher Fußsoldat. Dieser Gedanke machte Gawain etwas traurig, er brauchte kein anderes Pferd. Doch noch war es nicht so weit. Er würde der Letzte der Knappen sein, der sein 18. Lebensjahr erreicht und bis dahin war es noch etwas über ein Jahr. Außerdem war sie bald zu alt, um auf Turnieren mitzulaufen oder gar Schlachten zu beschreiten.
Krauka und Gawain zuckten erschrocken zusammen, als die Tür zum Stall unsanft aufgestoßen wurde und Meister Ulfin mit seinem üblichen, strengen Gesichtsausdruck hineingestapft kam.
„Hier bist du! Mir ist zu Ohren gekommen, dass dein Knie Probleme macht." Ulfin blieb vor der Box stehen und blickte skeptisch auf Gawain herab.
Toll, dachte Gawain, irgendwer seiner Freunde oder Madame Birgitt hatte Meister Ulfin wohl von dem Vorfall erzählt. Wieso konnten sie sich nicht einfach raushalten?
„Nur das Übliche, alles gut", versuchte Gawain es runterzuspielen.
„Aha. Hör zu. Du bist mein bester Schüler und das weißt du auch. Wenn jemand bei dem Turnier beeindrucken kann, dann bist das du. Aber wenn du gesundheitliche Probleme hast, ist es besser, wenn du nur Zuschauer bist. Sonst sinkt deine Leistung sowieso." Ulfins Stimme wurde tatsächlich etwas weich. Er war oft grob mit ihnen, beleidigte sie ständig und schrie sie meistens an. Jedoch wussten sie alle, dass sie ihm ans Herz gewachsen waren. Sie verbrachten schließlich schon Jahre miteinander und es würden noch viele folgen.
„Meister Ulfin, ich bin mir sicher, dass ich am Turnier teilnehmen kann."
„Das musst du selbst wissen." Mit diesen Worten wandte er sich ab und stapfte zurück in den Innenhof.
Gawain begann Krauka über ihr sanftes Fell zu streicheln und dachte über Ulfins Worte nach. Er war nicht schwach, er konnte den Schmerz aushalten. Wegen so etwas ließ er sich nicht die Gelegenheit entgehen seinen Vater zu beeindrucken.
Plötzlich wurde er vom Klang der Fanfaren aus seinen Gedanken gerissen. Sie kündigten den Besuch an. Schnell schnappte er sich seinen Gehstock, humpelte so schnell es ging zum Eingangstor von Camelot und gesellte sich zur gespannten Menge.
Da ritten bereits die ersten Reiter der Eskorte in ordentlichen Zweierreihen über die Zugbrücke in den Innenhof, gefolgt von einer Kutsche. Jedes der Pferde war geschmückt mit den Farben von Leoness. Tristans Eltern waren eingetroffen.
Als die Kutsche zum Stehen kam, öffnete ein Diener ihre Tür und eine großgewachsene, dürre Dame in einem eleganten, weinroten Kleid trat heraus. Ihre hellbraunen Haare hingen ihr über die Schultern. Sie blickte sich mit denselben, strahlendblauen Augen, wie sie Tristan hatte, neugierig um. Es war unverkennbar Tristans Mutter, Königin Esperanza von Leoness. König Uther kam freudig auf sie zu und begrüßte sie mit einem Handkuss.
Dann trat Tristans Vater aus der Kutsche. Die Könige gaben sich respektvoll die Hand und grinsten sich freudig entgegen. Tristans Vater war blond und hatte ebenfalls blaue Augen, die jedoch nicht so strahlten.
Da trat Tristan nach vorn und verneigte sich tief vor seinen Eltern. Sie schenkten ihm ein breites Lächeln.
„Tristan, mein Junge. Komm her!" Freudig breitete sein Vater seine Arme aus und zog seinen Sohn in eine herzige Umarmung, welche sogleich von Tristan erwidert wurde.
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Wilde Rose
FanfictionRitter werden! Das ist Gawains Ziel, welchem er, zusammen mit seinen Freunden, in der Ritterschule auf Camelot immer näher kommt. Zusammen mit Sagramor, Tristan, Arthur und Guinivere bildet er die Tafelrunde, die vor bald drei Jahren von ihnen gegrü...