Die nächsten Tage waren eine Qual für Gawain. Meister Ulfin hatte die Intensität des Trainings ordentlich gesteigert und bot seinen Knappen keine Chance, sich nach der langen Pause erst wieder einzugewöhnen. Doch auch mental war es alles andere als leicht.
Morgan saß mit Medusa und Guinivere am Rand des Trainingsplatzes im Innenhof. Die Mädchen fanden sich des Öfteren zusammen, um dem Training zuzugucken und über vieles zu reden, hauptsächlich über ihre Beziehung zu den Jungs.
„Heute testen wir euer reiterliches Geschick", hallte Ulfins Stimme über den gesamten Hof, obwohl seine Knappen nur zwei Meter entfernt, in Reih und Glied vor ihm standen. Jeder hatte sein Pferd am Zügel.
„Schlag den Roland", verkündete der Waffenmeister und deutete auf die hölzerne Ritterattrappe, was ein Raunen bei den Knappen auslöste. „Schnauze halten!"
„Ich habe Muskelkater", flüsterte einer der Jungs seinen Kameraden leise zu, doch er war nicht leise genug.
„Wer war das?" Streng blickte Ulfin zwischen seinen Schützlingen hin und her, welche alle seinem Blick auswichen. „Gut, wenn ihr es mir nicht sagen wollt, werdet ihr alle die Greifen ausmisten. Für die nächsten drei Monate!"
„Ich wars", fiepste Tristan leise und gab sich bei der angedrohten Kollektivstrafe geschlagen.
„Ah, Tristan. Wir haben einen freiwilligen Beginner", verkündete der Waffenmeister und grinste selbstgefällig.
„Was ist Schlag den Roland?", fragte Medusa ihre Freundinnen irritiert.
„Auf Turnieren wird es auch Rolandsreiten genannt. Siehst du die hölzerne Ritterattrappe?", begann Guinivere und zeigte auf Roland. Medusa nickte. „Sie ist nicht fest, somit dreht sie sich bei einem Treffer. Die beiden gegenüberliegenden Arme haben zum einen ein Schild und zum anderen einen Aschesack. Ihre Aufgabe ist es, mit einer Lanze den Schild zu treffen und Roland somit zum Rotieren zu bringen, selbst jedoch nicht vom Aschesack getroffen zu werden. Auf Turnieren werden dann die Umdrehungen gezählt, um die Wucht des Treffers zu werten."
„Oha", bemerkte Medusa nur noch, als Tristan bereits todesmutig auf seinen hölzernen Gegner zu galoppierte. Alle Blicke lagen auf ihm.
„Ah!" Die Freunde zuckten alle zusammen, als Tristan mit einem lauten Schrei auf dem Boden landete. Er hatte den Schild mit voller Wucht getroffen, dadurch jedoch keine Zeit mehr gehabt, dem Sack auszuweichen, welcher ihn direkt vom Pferd stieß.
„Tristan, alles klar?", fragte Arthur und kam mit den anderen Knappen angelaufen, um ihren gefallenen Kameraden wieder auf die Füße zu bringen.
„Aufstehen, Pferd einfangen, in die Reihe stellen!", befahl Ulfin forsch. „Ihr anderen, wer hat euch erlaubt, euren Posten zu verlassen?"
Augenblicklich rannten alle zurück zu ihren Pferden. Krauka hatte sich bereits auf den Weg zu einem Grasbüschel gemacht, was eine Extrastandpauke Richtung Gawain und seinem „Esel" nach sich zog.
„Arthur, aufgestiegen!"
Eingeschüchtert von Tristans Sturz, traf Arthur Roland nur zögerlich, wodurch er nicht einmal eine Umdrehung schaffte. Auch bei Sagramor lief es nicht besser. Er war so konzentriert, die Lanze ruhig zu halten, dass er sein Pferd vergaß, welches in zu großem Abstand an Roland vorbei galoppierte.
„Gawain, du bist dran", sprach der Meister gefährlich ruhig, während er sich die Schläfen rieb.
Gawain machte eine gute Figur. Er dirigierte Krauka mit großen Galoppsprüngen auf die Attrappe zu und hatte die Lanze ruhig und fest im Griff. Er traf den Schild mit großer Wucht, doch konnte sich nicht rechtzeitig ducken und bekam den Sack an den Hinterkopf.
Erschrocken ließ er die Lanze fallen und rieb sich die betroffene Stelle, während Krauka langsamer wurde.
„Sapperlot! Hoffentlich hat es wehgetan. Ich bin enttäuscht von dir, Gawain. Von allen von euch!"
Die Standpauke hielt noch eine ganze Weile an und die Knappen wurden zu Trockenübungen verdonnert. Die Mädchen nutzten die Zeit zum Quatschen.
„Morgan, was ist mit dir? Du bist so ruhig. Ich bin mir sicher, ihm geht es gut. Gawains Dickschädel hat schon weitaus mehr ausgehalten", wandte sich Guinivere der Zauberin zu, als diese abwesend Gawain beobachtete.
„Das ist es nicht."
„Was dann?", wollte nun Medusa wissen.
„Er ... verhält sich seltsam. Als würde er etwas verheimlichen. Ich bin nicht sicher, ob er das mit uns überhaupt will."
„Nein, Morgan. So etwas darfst du nicht denken. Du weißt doch, dass Gawain schlecht mit seinen Gefühlen umgehen kann", versuchte die Prinzessin ihre Freundin zu beruhigen.
„Da kenne ich ihn inzwischen anders als du, Guinivere. Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber wenn wir allein waren, war er immer sehr ehrlich mit seinen Gefühlen", versicherte Morgan. „Doch seitdem er zurück ist, ist er mir gegenüber so ... kalt. Er lässt keine Nähe mehr zu, er lacht nicht mehr so viel, er ist ruhig, nachdenklich ...", zählte sie ihre Beobachtungen auf.
„Vielleicht ist zu Hause etwas passiert, aber es liegt sicherlich nicht an dir", versuchte es nun Medusa.
„Wieso redet er dann nicht mit mir?", brachte die Zauberin noch geradeso hervor, bevor ihr die Tränen kamen und sie ihr Gesicht in ihren Händen vergrub.
„Ach, Morgan", seufzte Guinivere und nahm ihre Freundin zärtlich in den Arm.
„Was soll ich tun?", fragte die Tintagel verzweifelt.
„Du stellst ihn nach dem Training zur Rede", riet Medusa, als wäre es selbstverständlich. Morgan hob überrascht ihren Blick und sah die Heilerin mit großen, wässrigen Augen an.
„Was? Ich glaube, Gawain braucht das. Ich habe ihn ganz gut kennengelernt, als ich ihn behandelt habe. Ich musste auch immer erst nachfragen, ob er Schmerzen hatte oder etwas anderes braucht, bevor er es mir verraten hat. Vielleicht bedrückt ihn irgendetwas und will mit dir darüber reden, weiß nur nicht wie."
„Ja, so hilfst du ihm vielleicht sogar", stimme Guinivere Medusas Plan zu.
„Morgan, hast du geweint?" Die Mädchen waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie gar nicht bemerkt hatten, dass das Training zu Ende war und Gawain auf sie zu kam.
„Ja ... ähm, nein! Gawain, gut, dass du da bist." Übermütig sprang Morgan auf und überbrückte die kurze Strecke zu dem Knappen. „Wir müssen reden."
Sie nahm ihn an der Hand und sah ihn traurig, aber bestimmt in die Augen.
„Okay, leg los." Gawain versuchte, so gut wie es ging normal zu klingen, doch Morgan merkte, dass er angespannt war.
„Nicht hier."
„Okay, dann treffen wir uns in einer halben Stunde im Zimmer der Knappen. Ich muss mich leider erst noch um Krauka kümmern."
„Na gut, bis dann." Sie blickten sich noch einen Moment in die Augen, bis Morgan sich von ihm löste und schnell davonschlich.
Verwirrt blieb Gawain zurück und blickte ihr hinterher. Er musste es ihr endlich sagen, denn jetzt war es ihm klar: Sie ahnte bereits etwas.
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Wilde Rose
FanfictionRitter werden! Das ist Gawains Ziel, welchem er, zusammen mit seinen Freunden, in der Ritterschule auf Camelot immer näher kommt. Zusammen mit Sagramor, Tristan, Arthur und Guinivere bildet er die Tafelrunde, die vor bald drei Jahren von ihnen gegrü...