Kapitel 38 - Alexander

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Ich fühle mich wie eine leblose Hülle. Ich arbeite wie ein Verrückter, damit ich abgelenkt bin. Ich esse gelegentlich, obwohl ich keinen Hunger habe.

Auf meiner Brust liegt ein andauernder Druck, der einfach nicht verschwinden will.

Wäre ich ein Mädchen, hätte ich mich in meinem Zimmer ins Bett verkrochen, ausgeschlossen von der Außenwelt, und hätte mir die Seele aus dem Leib geweint.

So wie man es in den amerikanischen Teenie-Filmen sieht.

Aber ich tue nichts dergleichen.

In Annas Augen sehe ich die gleiche Panik, die ich in mir fühle, wenn ich ihrem Blick begegne. Jetzt sitzen wir am Abend vor der Katastrophe zusammen auf der Couch und sehen uns irgendeine Komödie an, vor uns auf dem Tisch asiatisches Essen vom Lieferservice ausgebreitet. Es ist fast unberührt.

„Ich habe alles getan...", beginne ich wieder. Die letzten Tage verspüre ich das Bedürfnis mich vor Anna rechtfertigen zu müssen. Weil die Dinge so gekommen sind.

„Ich habe mich mit Hendrik gestritten." Annas Augen glänzen verdächtig. „Er will endlich wissen, wo er steht." Ihre Unterlippe beginnt zu zittern und ich ziehe sie in eine feste Umarmung, vergrabe mein Gesicht in ihrem blonden Haar, das heute wild durcheinander aussieht. Ein Indiz dafür, wie schlecht es ihr geht.

„Jessica hat mich abgeschossen.", gebe ich mit krächzender Stimme zu. Es allein auszusprechen bereitet mir körperliche Schmerzen. Oh, ich war so ein Arsch. Ich habe versucht Verständnis bei ihr zu bekommen, aber sie ist es leid, meine heimliche Freundin zu sein. Ich kann es verstehen. Immer und immer wieder habe ich gesagt, dass ich alles in Ordnung bringe. Immer und immer wieder.

Ich habe alles versaut.

Hätte ich von Beginn an ehrlich zu ihr sein sollen? Aber hätte sie sich dann auf mich eingelassen? Es bringt nichts darüber nachzudenken, ich kann es nicht rückgängig machen.

Und dann erzählt sie mir von ihrer Schwester und ich habe mich noch mieser gefühlt.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich eine Sache nur für mich getan, obwohl meine Eltern dagegen waren, und nun sehe ich den Scherbenhaufen vor mir liegen.

Ist es so schwer nachzuvollziehen, dass ich einmal, einmal in meinem Leben egoistisch sein wollte, nachdem sich mein ganzes Leben bisher so ausgerichtet hat, dass das Ansehen der Familie nicht geschadet wird?

Anna schaltet den Fernseher aus, wir haben ohnehin die Handlung des Filmes nicht verfolgt, und nimmt sich die Papierseiten, die auf dem Tisch liegen. Die letzten Tage habe ich versucht, eine schöne Rede zu schreiben, es ist mir auch ganz gut gelungen, aber ich bin nicht weitergekommen, als zu dem Punkt, an dem ich zu der Zusammenarbeit mit Annas Vater komme.

„Der letzte Teil fehlt.", stellt sie fest. Ich habe es nicht über mich gebracht, auch nur daran zu denken, was ich sagen soll. Alles in mir sträubt sich danach, diese Worte auszusprechen.

Ich reiße ihr die Zettel aus der Hand und lege sie beiseite. „Es tut mir leid Anna. Ich arbeite seit ein paar Tagen mit Konrad an einer Präsentation, die dem Vorstand die Augen öffnen soll." Dass ausgerechnet Luise mich auf diese Idee gebracht hat, entlockt mir ein Schmunzeln.

„Oh Gott, oh Gott..." Anna fächert sich mit der Hand Luft zu. Sie ist nahe daran eine Panikattacke zu bekommen. Auch mein Herz beginnt wieder ungleichmäßig zu schlagen und meine Hände werden schwitzig. Ich kann kaum schlucken, weil sich mein Hals so klein anfühlt.

„Zwing mich nicht auf diese Bühne zu gehen. Es werden Bilder gemacht. Hendrik wird sie sehen. Versprich es mir Alex." Ich nehme sanft ihre Hände in meine und halte sie, sehe ihr in die Augen. „Ich werde dich nicht bitten hoch auf die Bühne zu kommen. Okay?" Auch wenn ich 24 Stunden vorher noch keine Ahnung habe, wie ich das abwenden soll, versuche ich Anna damit zu beruhigen. Sie schnappt noch mehrmals nach Luft, ehe sie nickt. „Okay...okay." Ich lehne mich zurück und fahre mir mit den Händen durch die Haare.

Herbststurm - Zurrenberg RomanceWo Geschichten leben. Entdecke jetzt