Unangebrachter Chauvinismus

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Nike traf deutlich früher an ihrem Arbeitsplatz ein als noch die Tage zuvor. Die von Mr. Jenkins angedachten Optimierungen forderten auch ihre Aufmerksamkeit, die sie selbstverständlich neben ihrer regulären Arbeit aufbringen musste. Zu ihrer Verwunderung brannte in Mr. Jenkins Büro bereits Licht. Sie warf einen Blick hinein, fand jedoch ein leeres Büro vor. Irritiert schüttelte sie den Kopf. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er schon vor 06:30 Uhr seinen Dienst aufgenommen hatte, wurde jedoch eines Besseren belehrt als sie die Kaffeeküche betrat. Ihr Chef stand inmitten der Küche und schenkte sich bereits gekochten Kaffee ein. Er lächelte höflich, als er Nike erblickte: „Guten Morgen". Nike erwiderte sein höfliches Lächeln, war jedoch ein wenig irritiert, ihren Chef in der Küche vorzufinden. Sie schätze ihre eigentliche Morgenroutine und sah es nicht gerne, wenn diese durcheinandergebracht wurde. „Guten Morgen", erwiderte sie ruhig. „Ich hätte Ihnen Ihren Kaffee auch gebracht". Mr. Jenkins schenkte eine weitere Tasse Kaffee ein und reichte sie ihr: „Ich halte nichts von diesem klischeebehafteten Bild einer Assistentin, schon gar nicht bei einer Wirtschaftspsychologin mit Auszeichnung. Ich bin durchaus fähig mir meinen Kaffee selbst zu beschaffen, vielen Dank". Nike nahm die Tasse entgegen, woraufhin Mr. Jenkins ohne ein weiteres Wort die Kaffeeküche verließ und sie perplex stehen ließ. Einen kurzen Moment starrte sie auf den Kaffee in ihrer Hand. Offensichtlich hatte er sich ihre Personalakte angesehen.

„Ich habe Ihnen einen Entwurf der neuen Personalplanung auf den Schreibtisch gelegt und würde Sie bitten, diesen einmal durchzusehen." Mr. Jenkins war in den Türrahmen seines Büros getreten und sah Nike erwartungsvoll an. Erstaunt sah sie auf: „Personalplanung?" „Mein Vorgänger wird sicher einen guten Grund gehabt haben, Sie in die Entscheidungsprozesse der Personalplanung mit einzubeziehen. Dass dieses Thema äußerst vertraulich zu behandeln ist, brauche ich vermutlich nicht zu erwähnen." Nike sah auf den Hefter neben sich und nickte: „Selbstverständlich".

Als Mr. Jenkins seine Tür wieder verschlossen hatte, griff Nike augenblicklich nach dem Hefter neben ihr und las sich in seine Personalplanung ein. Auch in diesem Bereich beabsichtigte er einige Änderungen und einige davon befürwortete sie keineswegs. Sie nahm einen Bleistift aus ihrer Schreibtischschublade und begann das Dokument eifrig mit Notizen zu versehen.
Selbstsicher klopfte sie an Mr. Jenkins Bürotür und wartete bis ein leises Herein ertöne. „Haben Sie einen Moment?", ergriff Sie unvermittelt das Wort. Er sah konzentriert auf und wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch: „Selbstverständlich". Nike zog es nicht einmal in Betracht platz zu nehmen, sondern ging um dem Schreibtisch legte die Mappe unmittelbar vor ihm ab und öffnete sie: „Sie beabsichtigen 5 Mitarbeiter zu entlassen?", sprudelte es nur aus ihr heraus. Mr. Jenkins wich ein Stück zur Seite und betrachte sie überrascht. Sein Blick hatte sich diesmal sichtbar verändert. Kurzzeitig konnte sie einen Hauch Faszination ausmachen. „Unter Würdigung verschiedener wirtschaftlicher Aspekte sehe ich das so, ja", entgegnete er nun zu Nikes Erstaunen vollkommen ruhig und objektiv. „Jeder einzelne dieser Mitarbeiter hat seine Daseinsberechtigung und ist für das Team unverzichtbar.", fuhr sie weiter etwas ungehalten fort. „Und teuer", entgegnete Mr. Jenkins knapp. „Das kann nun wirklich nicht Ihr Maßstab sein, Mr. Jenkins. Das Einreißen bewährter Workflows und fester Teamstrukturen, sehe ich sehr kritisch. Von den psychologischen Aspekten, mal ganz abgesehen. Sie werden keinen positiven finanziellen Effekt erzielen, lediglich eine hohe Frustration bei den verbleibenden Mitarbeitern in den einzelnen Teams, die sowohl die Qualität als auch die Quantität beeinflusst. Ich rate Ihnen dringend von nur einer einzigen Kündigung ab." Nike hatte in ihrem Redefluss nicht bemerkt, dass ihr Gegenüber sich entspannt zurückgelehnt hatte, während sie mit der Hüfte an seinem Schreibtisch lehnte. „Sie sind gut", stellte Mr. Jenkins nun mit seiner gewohnt professionellen Art fest. „Ich werde Ihre Anmerkungen berücksichtigen". Sie beugte sich ein wenig zur Seite und deutete auf eine in der Mappe geöffnete Seite: „Miss Farwell ist bereits seit 8 Jahren bei uns und sie macht außerordentlich gute Arbeit. Sie ist aufmerksam und außerordentlich". Mr. Jenkins unterbrach sie abrupt und wiederholte seine vorherigen Worte ruhig: „Ich werde Ihre Anmerkungen berücksichtigen". Sie biss sich auf die Lippe, versuchte alle weiteren aufkeimenden Worte hinunterzuschlucken und nickte knapp. Auch Ihr Gegenüber nickte knapp: „Vielen Dank".

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Luis horchte auf, als er ein Geräusch hinter sich hörte und jemand die Küche betrat. Grade schenkte er sich seinen Kaffee ein und wollte nichts, außer diesen in Ruhe zu trinken. Die Personalplanung hatte ihn die halbe Nacht gekostet und er war unwahrscheinlich müde. Er sah auf und erblickte Miss Davis, die irritiert und erstaunlich ruhig vor ihm stand. Er lächelte höflich: „Guten Morgen". Offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet ihn in der Küche anzutreffen, oder überhaupt jemanden anzutreffen.
„Ich hätte Ihnen Ihren Kaffee auch gebracht". Luis ging auf ihre Bemerkung erst gar nicht ein, sondern griff nach einer weiteren Tasse, die er ihr gefüllt reichte. Dieses klischeehafte Bild einer Sekretärin widerte ihn an. Es war herablassend, diskriminierend und vollkommen chauvinistisch. Es war anmaßend sich von einer exzellent ausgebildeten Frau bedienen zu lassen, nur weil es eine Frau war. Eine außerordentlich attraktive und intelligente Frau mit hellgrünen Augen, wie er feststellen musste, als er sie direkt ansah. Er rief sich zur Ordnung: „Ich halte nichts von diesem klischeebehafteten Bild einer Assistentin, schon gar nicht bei einer Wirtschaftspsychologin mit Auszeichnung. Ich bin durchaus fähig mir meinen Kaffee selbst zu beschaffen, vielen Dank"


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