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"Dann sind wir wohl auf uns gestellt." Eironn schob die Tür auf und trat in die Hütte. Es war tatsächlich nicht mehr als ein Schlafplatz. Strohhaufen, die mit Stoffen abgedeckt wurden, bildeten Betten. "Ich hatte es schon schlechter."
"Hm. Links oder Rechts?" Es fühlte sich plötzlich anders an, mit dem Magier in einer Hütte zu schlafen, als die letzten Tage und Wochen, in denen sie auch noch mit den Wölfen kleine Höhlen oder Senken geteilt hatte. Da gab es aber auch mehr Platz zwischen ihnen.
"Entscheide du. Ich brauche nicht viel Schlaf und kann auch draußen bleiben.", erinnerte er an die Nächte, in denen er Wache gehalten hatte. Vor dem Verrat der Menschen war so etwas nie nötig gewesen, weshalb die Wölfe immer noch tief schlafen konnten. Es fiel ihnen viel schwerer ihr Verhalten zu ändern, weshalb der Magier sich auch ursprünglich dafür entschieden hatte, sie zu beschützen. "Ich gehe erstmal zum Fluss. Wenn ich noch länger in meinem eigenem Mief umherlaufe, halten mich unsere Gastgeber noch für Aas."
Kara sah auf ihren Beutel. Seit ihrem Aufbruch war er merklich kleiner geworden, es fiel ihr jedoch jetzt erst auf. Wie weit sie schon gekommen war. Dabei wollte sie sich eigentlich nur ein Leben in einer Stadt aufbauen. "Ich komme mit. Eine Sekunde." Sie legte ihr Gepäck auf eines der Lager und zog ein zweites, umgearbeitetes Kleid heraus. Vom Händler, von dem sie auch Hemd, Hose und festes Schuhwerk bekommen hatte, hatte sich auch Nadel und Faden besorgen lassen.

"In Ordnung." Eironn trat wieder aus der Hütte. "Zum Fluss geht es..." Er sah sich um.
"Er sagte hinter dem Dorf. Die letzte Reihe." Wieder tapste eine der schönen Wölfinnen vorbei und Kara drehte den Blick weg. Hier fiel sie definitiv auf.
"Verzeihung, Madam.", hörte sie den Magier, gefolgt von einem hellen Kichern. Er berührte die Schulter der Frau, um auf sich aufmerksam zu machen. In den Händen trug sie einen Flechtkorb mit Textilien. "Madam ist übertrieben. Nenn' mich ruhig Biene. Wie kann ich helfen?" Neugierig trat die Wölfin etwas näher und schnupperte an dem Magier. Trotz seiner eigenen Beschreibung verzog sie nicht das Gesicht. Dabei hieß es immer, die Sinne der Werwölfe seien schärfer.
"Wir suchen nach dieser Höhle, von der Knurr gesprochen hat. Am Fluss. Könntest du uns da helfen?"
"Natürlich." Wieder ein Kichern. "Kommt nur mit. Es ist nicht weit. Liegt sowieso auf meinem Weg."
Biene ging jedoch nicht sofort los. Stattdessen fiel ihr Blick auf Kara, was diese schnell zu Boden sehen ließ. Nicht schnell genug, um die schwarzen Augen der Wölfin nicht zu bemerken. "Fürchtest du dich?"
"Keine Furcht.", mischte sich der Magier ein. "Entweder Eifersucht oder Scham." Sie spürte seine Hand auf ihrer Schulter. "Sie kannte bisher nur das Leben der Wanderwölfe. Und der Menschen."
"Oh, dann verzeih, wenn ich der Auslöser war. Ich wollte ihn dir nicht wegnehmen." Kara sah erst wieder auf, als sich die Wölfin weggedreht und wieder in Bewegung gesetzt hatte. Eironn schob sie langsam hinterher.
"So schön." Sie erinnerte sich wieder, dass ihr das lügen nun auch verboten war. Trotzdem flüsterte sie nur, bevor sie zu dem Magier sah. "Musstest du ihr das sagen? Was soll sie jetzt von mir denken?"
"Sie denkt, dass du meine Partnerin bist. Ich bin kein Werwolf und sie wollte es gerade nur prüfen. Aber... bist du wirklich eifersüchtig?"
"Ich habe bisher nur dieses Rudel gesehen, aber wenn alle menschenähnlichen so perfekt aussehen, dann kann ich das doch niemals aufholen." Und es stimmte. Sogar die Älteren mit dem hellgrauen oder weißen Haar schienen perfekt.
"Musst du das denn?"
"Selbst du bist wundersch... vergiss es." Eilig senkte sie wieder den Blick. Der Boden wurde steiniger und das rauschen des Flusses lauter. Das Dorf lag in ihrem Rücken.
"Du betrachtest uns noch mit menschlichen Augen. Sogar dich." Eironn hielt an, bedankte sich bei ihrer Führerin und schob Kara weiter nach links. Die Wäscherinnen ließen sie ebenfalls hinter sich und folgten dem Fluss ein Stück zu einem Felsen.
"Hier ist die Höhle.", unterbrach er das Thema, ließ los und kniete sich an das Wasser. "Es ist warm." Er sah auf. "Das ist mehr, als ich erwartet hatte. Du kannst dich gerne in der Höhle waschen und umziehen.
"Du nicht?" Ihre Zunge war zu schnell, und die Worte brachte sie auch mit einem erschrockenen Schlag auf den Mund nicht wieder zurück. Ehrlichkeit hatte definitiv auch Nachteile.
"Du wurdest dich sicher nur unwohl fühlen. Ich habe es doch in der Vergangenheit gemerkt."
"Hm." Sie sah zurück. Die Wäscherinnen waren nicht mehr zu sehen. "Kann sein. Aber... musst du dich vor allen zei... bin in der Höhle!"
Stumm verfluchte sie die Ehrlichkeit und kletterte in die kühle Höhle.
Das Wasser an ihren Füßen war tatsächlich angenehm warm. Warm, wie sie es noch nicht kannte. Es stieg sogar leichter Dampf auf, wärmte den Stein an den Wänden jedoch nicht. Mit einem letzten Blick zum Eingang atmete sie erleichtert aus. Der Magier war ihr nicht gefolgt, um sie auszulachen. Stattdessen drang nur leises plätschern zu ihr. Er wusch wohl gerade seine Kleidung.
Da sie zum Sonnenuntergang erwartet wurden entledigte sich Kara schnell Hemd und Hose und stellte ihre Stiefel - im Wasser waren sie schon - an den trockenen Sims am Rand. Einen Moment genoss sie das warme Wasser und schloss die Augen, bevor sie die Kleider nahm und gründlich im klaren Wasser auswusch. Eine leichte Strömung trug alles wieder hinaus.

Damit fertig lehnte sie sich an die Wand sah an die Decke. Winzige leuchtende Edelsteine und leuchtendes Moos sorgte für etwas Helligkeit. Beruhigende Licht, deren Beobachtung sie schläfrig machte.
"Kara?" Platschen drang zu ihr und sie sah auf. Der Magier war gerade ebenfalls in den Teich gekommen, das Zwielicht half jedoch, ihn nicht anzustarren. Und die Wärme nahm ihr sogar die Panik vor seiner Anwesenheit.
"Ich entschuldige mich, sollte ich etwas falsches gesagt haben." Er lehnte sich ihr gegenüber an.
"Schon gut. Das ist diese... Ehrlichkeit. Ich bin es nicht gewohnt zu sagen oder zu handeln wie ich denke. Aber diesen Zwang... schon wieder."
"Du bist jetzt eine Magierin. Du gleichst dich immer mehr den ursprünglichen Bewohnern dieser Welt an. Niemand ist dir böse, nur weil du deine Gedanken aussprichst."
"Fühlt sich trotzdem komisch an."

"Ich mag dich, Kara. Und ich kann akzeptieren, wenn du nicht so fühlst."
Überrascht sah sie auf. "Wie gesagt betrachtest du viel noch durch menschliche Augen. Vielleicht ändert es sich, wenn du gelernt hast zu Sehen. Dann musst du nicht mehr Eifersüchtig auf fremde Wölfinnen sein - außer du willst es."
"Das klingt, als sei Eifersucht nicht verboten." Kara strich mit der Hand über das Wasser. Ihre Hände wollten etwas tun.
"Ist es nicht. Grundlose wird dir aber ein paar böse Blicke einbringen." Er lachte leise. "Früher habe ich einmal einen Menschen getroffen. Eine Werwölfin gestand ihm, dass sie ihn liebte. Das war vor der Bindung. Doch der Mensch war seinerseits in eine Frau verliebt und lehnte die Liebeserklärung ab. Die Wölfin akzeptierte es und verließ ihn. Doch seine eigene Liebeserklärung an die andere Frau wurde genauso zurückgewiesen. Verzweifelt suchte er die Wölfin auf und beanspruchte ihre Liebe für sich - obwohl sie bereits einen neuen Partner gefunden hatte. Ruhig erklärte sie dem Mann, dass ihre Gefühle unverändert waren, doch seine Liebe sich aus Enttäuschung erwuchs. Darum konnte sie nicht zu ihm gehen. Der Mann erwiderte nichts und wieder verließ sie ihn. Von da an wurde er von den Midia gemieden. Nicht wegen der Ablehnung, sondern weil er der Wölfin nicht die Wahrheit gesagt hatte und ihr eigenes Glück zerstören wollte. Er war eifersüchtig, obwohl er sie zuerst abgelehnt hatte."
"Oh. Das ist..." Ihr fiel es erst zu spät auf: "Vor der Bindung, also vor dem Verrat? Wie lange lebst du schon?"
"Seit... die Menschen hier angekommen sind? Ich gehöre zu den ersten Magiern. Aber ein langes Leben ist nichts ungewöhnliches. Fenr ist älter als ich."
"Fenr ist ein Wanderwolf. Natürlich ist das etwas anderes. Du wurdest als Mensch geboren. Das muss doch..." Sie unterbrach sich, als er seine Arme um sie legte und ihr Herz viel zu schnell schlug. "Ja, ich vermisse meine Familie. Aber ich kann nichts daran ändern.", beantwortete er die unausgesprochene Frage. "Ich lebe nicht grundlos unter den Wölfen, Kara. Ich habe viele Menschen verloren, die mir etwas bedeutet haben. Die Wölfe jedoch bleiben. Selbst, wenn es nur bis zum Ende dieser Reise ist."
"Es... tut mir leid. Das... muss schwer gewesen sein." Sie entspannte sich und erwiderte die Umarmung zaghaft. Die Augen geschlossen lehnte sie sich an den Magier.
"War es. Aber es ist vergangen. Und es wäre mir eine Freude, wenn du weiter in meiner Nähe bleibst."
"Habe ich eine Wahl?" Sie sah auf. "Du musst mich doch unterrichten."

MidiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt