Nur langsam lichtete sich die Finsternis und Kara wurde wach. Um sie herum war es still, aber warm. Sie zwang sich, die Augen zu öffnen, erkannte aber nur die Decke aus Holz ihrer Hütte.
"Eironn...", flüsterte sie. Ihre Stimme klang rau. Sie erinnerte sich, von ihrer Magie angegriffen worden zu sein.
"Schön dass du wieder wach bist." Der Magier schob sich in ihr Blickfeld. Er schien erleichtert. "Du hast den ganzen Tag geschlafen. Ich dachte schon, ich müsste dich wecken."
"Eironn... die Magie..."
"Sie hat dich angegriffen. Ich denke, deine Angst vor den Werwölfen hat ihren Teil dazu getan. Du hättest dich selbst verletzt, wenn ich dich nicht in den Schlaf gezwungen hätte. Das tut mir leid."
"Es war... besser so." Sie drehte den Kopf zur Seite. Jetzt war sie schon eine Magierin und trotzdem noch nutzlos. Nicht einmal ihre Magie hatte sie im Griff.
"Nicht verzagen." Der Magier strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, was sie wieder zu ihm sehen ließ. "Vielleicht versuchen wir es ein andermal erneut."
"Vielleicht." Mehr konnte sie ihm nicht versprechen. Stattdessen hob sie die Hand und fuhr gedankenverloren ein Symbol auf seiner freien Brust nach. Es ähnelte dem Kreis, den er bei ihrer zweiten Begegnung auf den Boden gemalt hatte.
"Eine Erinnerung.", nahm er ihr die Frage ab. "Aber keine schöne."
"Ein Zeichen für Magier." Sie kannte es, hatte es bereits gesehen. "Bei den Jägern war auch einer. Er ist ein paar Tage vor meiner Flucht gestorben."
"Magier sterben nicht.", korrigierte er. "Man kann sie töten, oder sie sich selbst. Wie bei allen Midia."
"Ich erinnere mich nur an Blut." Sie folgte weiter dem Muster. "Da war überall Blut."
"Das klingt... Hast du ihn gefunden?"
Kara nickte. "Wir waren Freunde. Also... ich mochte ihn. Ich wollte ihn besuchen und dann war da..." Blut. Nichts als Blut. Wände, Decke und Boden waren darin getränkt. Die Ketten, die ihn in der Hütte hielten, waren noch immer dort.
"Alles gut. Er hat es jetzt besser." Tröstend zog er sie an sich. Wieder durchflutete sie Wärme, beruhigte sie. "Und dir kommt niemand zu nahe."
"Ist das... der einzige Ausweg? Der Tod? Wie bist du..."
"Der Tod des Magiers oder des Herrn.", riss er grob an. "Aber denk jetzt nicht daran."
"Muss ich." Der Gestank von verbranntem Fleisch hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt. "Sie haben ihn in das Feuer geworfen. Niemand hat etwas gesagt. Er war nur Brennmaterial. Genau wie die Wesen, die sie gejagt hatten. Sie alle wurden einfach verbrannt. Ich weiß..." Sie schluchzte. "Ich weiß nicht einmal, ob alle tot waren. Manchmal waren Laute zu hören..."
"Sie können nichts mehr tun. Sie sind weit weg."
"Aber es sind doch nicht die einzigen." Ein weiteres Feuer drängte sich in ihren Geist. Schreckliche Schreie und Jubel. Sie wollte weg sehen, doch jemand hielt sie fest. Zwang ihren Blick auf das Feuer. Es stank, sie weinte.
"Eine Stadt..." Eironn strich ihr über das Haar. "Es war eine Strafe. Nicht nur Magier standen dort, nicht wahr?"
"Ich weiß nicht. Es verfolgt mich. Feuer... es ist gefährlich. Warum machen sie das? Warum sind die Menschen so?" Der Druck auf den Schultern der jungen Kara. Der Jubel der Menge. Das Feuer der Jäger... "Warum sind sie solche Monster?"
"Ich weiß nicht." Der Magier zog sie näher zu sich. Wieder wurde es warm. "So sind sie nunmal. Es wurde versucht mit ihnen zu sprechen. Oft."
Ein langes Heulen unterbrach sie. Eironn spannte sich sofort an, ließ los und stand auf. Irritiert folgte sie, bemerkte nicht, dass sie nur noch ihr Hemd trug.
"Ein Angriff?" Er klang ungläubig, warf ihr jedoch die Hose zu. "Zieh dich an und nimm deine Sachen. Wir müssen zum Rudel." Er selbst griff nur seine Tasche und den Umhang, dann zog er sie mit sich.
Auf den Wegen sammelten sich bereits die anderen. Geschlossen liefen sie zum Rand des Dorfes. Die Werwölfe waren panisch, blieben jedoch geordnet. Jemand rief Anweisungen, die Wölfe folgten.
"Es sind nicht deine Jäger.", versprach der Magier und brachte sie zielsicher zum Rand des Dorfes. Dort warteten bereits die Wanderwölfe - auf ihren Rücken verteilt Kinder und Frauen der Werwölfe. Die Männer sammelten sich noch. Was fehlten, waren die alten Wölfe. "Sie bleiben zurück und ermöglichen uns die Flucht.", beantwortete er die unausgesprochene Frage und zog sie weiter zu seiner Wölfin. "Steig auf. Ich versuche noch zu helfen."
"Nein, bleib hier." Sie krallte sich in den Umhang. "Was wenn..."
"Mir passiert nichts. Außerdem brauchen sie dich. Führe sie zur Zuflucht, ja? Ich hole euch ein, wenn nötig. Sonne achtet auf dich."
"Eironn..." Sie zog ihn zurück, als er sich wieder drehen wollte, stemmte sich hoch und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. "Versprich, dass du wiederkommst."
Er schwieg einen Moment, dann nickte er und sie ließ los. Sie beobachtete, wie er zwischen den Wölfen verschwand, bevor sie doch auf den Rücken der Wölfin kletterte. Hinter ihr nahmen noch drei Kinder und Biene Platz, bevor Sonne aufstand und den anderen Wölfen folgte. Hinein in den Wald und weg vom Dorf. Weg von Eironn.
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Midia
FantasyNach der Zerstörung ihrer eigenen Welt musste die Menschheit in eine andere fliehen. Zurückgeworfen in die Anfänge der Zivilisation erinnern nicht einmal mehr Legenden an eine andere Zeit. Kara wurde in diese Welt geboren, die die Menschen den urspr...
