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Der Wind peitschte über die Fliehenden. Einzig Eironns Magie verhinderte, dass die Passagiere im vollen Lauf von den Wölfen geweht wurden. Sie verließen gerade den Wald hinaus auf die Ebenen. Viele Wälder gab es nicht mehr, vor ihnen war nur Grasland. Rauch stieg auch in der Ferne auf.
"Menschen. Wir müssen ausweichen.", rief sie Sonne zu, die sofort einen Heulen erklingen ließ. Geschlossen änderte das Rudel die Richtung, die Stadt verschob sich am Horizont. Kara zwang sich an den Weg zu denken, den ihr die Göttin gezeigt hatte. Ihr Ziel waren Berge, doch von denen gab es noch zu viele. Und doch kam ihr eine Formation in den Sinn. Auf dem Weg dorthin lag sogar ein Versteck, in dem Wölfe und Werwölfe auf Eironns Rückkehr warten konnten. "Sonne, weiter geradeaus. Wenn du einen einsamen Baum siehst, dann befindet sich kurz dahinter eine Schlucht. Dort können wir uns erholen."
"Die Götterschlucht?" Kara wandte sich um und sah zu Biene, deren Blick entsetzen zeigte. "Dieser Ort ist gefährlich."
"Kahlia schützt uns. Sie hat es versprochen." Vorausgesetzt, die Göttin erinnerte sich.
Sonne hatte weniger Einwände. Wieder teilte sie die Anweisungen der Magier und das Rudel wurde auf den letzten Metern schneller, als sich ein steinerner Baum erhob. Sie musste später nach dieser Geschichte fragen. Vielleicht kannten die Werwölfe sie.
"Schlucht.", kam es von Biene, keine Sekunde später sprangen die Wölfe auf kleineren Vorsprünge, wie über Treppen tiefer in den Abgrund hinein.

"Wie geht es dir?" Biene trat an Kara heran, die sich abseits der Midia an einen Felsen gelehnt hatte. Sie waren mit kaum etwas geflohen, hatten keinen Proviant und die Schlucht bot auch nichts, dass sich jagen oder gar roh essen ließe. Einzig Wasserquellen waren zu großer Zahl vorhanden. Und Tempel für die alten Götter.
"Ich lebe." Wie sollte es ihr schon gehen? Die Göttin hatte immerhin ihr, einer Quasi-Fremden, die gesamte Reise übertragen. Die Aufgabe, das Rudel zu einer Zuflucht zu führen. Nun, momentan zwei Rudel, bis Knurr sie wieder in eine andere Richtung führte.
Biene setzte sich neben sie. "Du vermisst ihn, nicht wahr? Eironn ist unser Beschützer. Er sollte auch hier sein."
"Er sollte überleben." Kara schloss die Augen. Wenn die Göttin sie vergessen hatte, dann war ihr Gebet vergebens. Aber war es besser zu zweifeln? Sie sah wieder zum Himmel. Weit über ihnen, über dem Rand der Schlucht floss Licht wie Wasser über das Land. An den Boden drang es nicht, weshalb auch die Menschen sich vor ihr fürchteten. "Du nanntest es Götterschlucht, Biene. Gibt es dazu eine Geschichte?" Sie wollte sich ablenken. Und ihre Freundin konnte das sicher auch gebrauchen.
Diese zögerte einen Moment und Kara setzte bereits zu einer Entschuldigung an, als Biene lächelte. "Es ist eine schöne und eine traurige Geschichte. Vor den Menschen waren die Götter präsenter. Jeder der sechs hatte Geister, die die Welt bewegten. Zwei von ihnen - Untergebene des Chaos - lenkten Sonne und Mond. Nur selten begegneten sie sich, dennoch entbrannte eine verzehrende Liebe zwischen ihnen. In Gedanken beim anderen vernachlässigten sie ihre Aufgaben. Tage wurden zu lang oder zu kurz. Nächte zu kalt und zu hell. Khaos bemerkte dies und sprach beide Götter an. Beschämt erzählten sie von ihrer Liebe, wussten, dass es falsch war doch konnten nicht mehr ohne den anderen. Khaos erinnerte sie an die Wichtigkeit ihrer Aufgaben und wandte sich an Tura, die Kriegsgöttin. Er bat sie, einen Ort zu finden, an dem jeder den anderen bei der Arbeit zusehen konnte. Tura nahm ihr Schwert und stieß es tief in den Boden. Aus der Lücke entstand eine tiefe Schlucht. Mit dieser Lösung kehrte Khaos zu den Liebenden zurück und bat sie, fortan gemeinsam wie getrennt in dieser Schlucht zu leben. So konnten sie einander stets beobachten und einmal im Jahr erlaubte er ein Treffen. In dieser Schlucht leben die Lenker von Sonne und Mond. Abwechselnd, um den anderen zu beobachten und an einem Tag gemeinsam, an dem das Licht der Welt verlöscht."
"Schön." Kara sah in den Himmel. Dann musste jetzt, wo der Tag anbrach, der Mond in der Schlucht sein. "Aber... sind nicht Kahlia und Nimean die Götter für Sonne und Mond? Stehen sie unter dem Chaos? Oder sind Geister etwas anderes?"
"Nein. Sie stehen nur an oberster Stelle. Weißt du, bei uns steht der Mond für das geheimnisvolle, das im Dunkeln liegt. Khalias Aufgabe ist die Verteilung der Magie - und wir wissen noch nicht, welche Kriterien es braucht, um, nun ja, wir zu werden. Es werden nämlich auch Werwölfe als Kinder von Menschen geboren. Nimean hingegen hilft uns, uns zu verbessern. Wir entwickeln uns mit jedem Tag, an dem wir die Sonne sehen. Für Fenr zum Beispiel, stehen sie nicht für Sonne und Mond sondern Entwicklung und Magie. Die Geister hingegen bewegen die Natur. Himmelskörper, Wind, Samen, der Vogelzug. Für all das sind die Geister verantwortlich."
"Verstehe..." Müdigkeit ergriff sie. Die plötzliche Flucht und das festhalten an Sonnes Fell hatte ihr Kraft geraubt. Dazu die missglückte Verbindung mit ihrer Magie.
"Schlaf nur." Biene legte ihr die Hand auf die Schulter. "Ich bringe dir eine Decke. Wir passen so lange auf."
"Danke." Kara schloss die Augen. Hoffentlich wurde sie von Träumen verschont. Ein weiteres Gebet, das sie an die Göttin sandte - mit der Bitte, zuerst über Eironn zu wachen.

Eironn
Der Magier duckte sich hinter eine der Hütten. Die alten Werwölfe, die zurückgeblieben waren, waren bereits niedergemetzelt. Ihre Körper überließen die Jäger dem Feuer, das bereits nach den Hütten griff. Jedoch nicht, ohne ihnen noch mehr Verletzungen zuzufügen. Der Gestank von brennendem Fleisch zog durch das verlassene Dorf. Es überdeckte aber auch den des Magiers.
"Waren das alle?" Die Stimme des Anführers schauderte selbst ihm. Ein halber Werwolf, der seine Art abschlachtete. Darum konnte er Karas Siedlung nicht verschonen. Sie verletzten zu viele Gesetze der Götter.
"Keiner mehr da. Vielleicht geflohen." Einer der Begleiter stieß einen Wasserkrug um. Klirrend zerbrach er, was mit Gelächter quittiert wurde. "Denkt ihr, die haben noch Schätze?"
"Idiot. Diesen Tieren bedeutet Gold nichts. Für die ist das einfach nur Müll." Die Gruppe schlich weiter durch die Reihen. Grob überschlagen hatte er zehn Jäger gezählt. Wenige, im Vergleich zu der Gruppe, in der Kara gelebt hatte.
Der Magier wechselte sein Versteck, wagte sich näher zum Rand. Seine persönliche Verstärkung sollte gleich eintreffen. Ein eisiger Windhauch kündigte sie kurz drauf auch an.

Das Feuer flackerte kurz, bevor es erlosch. Ein kurzer Schrei und der erste Jäger war gefallen. Die anderen hatten es nicht gehört.
Er kannte ihr Verhalten. Sie achteten nicht aufeinander. Die Menschen waren einander gleichgültig. Für niedere Gelüste und kurze Freuden verrieten sie sich.
Er überlegte noch, ob er das Dorf bewahren sollte, damit Knurrs Rudel zurückkehren konnte, verwarf den Gedanken jedoch sofort, als eine schwarze Gestalt mit wallendem Umhang an ihm vorbeiging. Sie würden sich nicht zurück wagen, wenn sie auch nur ahnten was vorgefallen war. Und das hatte er dem Anführer zu deutlich gesagt.
Dumpfe Schläge und das Lied einer Klinge später erhob der Magier sich aus dem Versteck.
Der Schatten wartete im Gang und sah entspannt zu ihm. "Jetzt gehören sie dir.", sagte die Frau und schob sich die Kapuze vom schwarzen Haar. Rote Augen schimmerten in der Finsternis. Selbst die Himmelskörper wagten es nicht, weiter ihre Bahnen zu ziehen. Der Mond versteckte sich sogar hinter dünnen Wolken.
"Danke." Eironn hob die Hand. Ranken brachen hervor, wühlten den Boden auf und zerrten die Toten in die Erde des Waldes. "Ihre Basis..."
"Erledigt." Die Frau lächelte aus gleichsam roten Lippen und balancierte ihre dünne Klinge auf dem Zeigefinger. "Plötzlicher Tod für die Menschen. Rettung für die Unschuldigen."
"Ich frage nicht." Auf Details konnte er verzichten. Das tat er schon immer. Jeder hatte Grenzen, die er nicht überschreiten durfte.
"Wir stehen hinter dir, das weißt du." Ihre Klinge wurde wieder zu Schatten. "Aber was ist die Aufgabe dieses Kindes?"
"Dieses Kind ist erwachsen.", korrigierte er. "Außerdem zeigt auch Kahlia Interesse an ihr. Sie bringt sie zur Zuflucht."
"Die Zuflucht." Die Frau rümpfte die Nase. "Ein Fehler und dieser Ort findet ebenso sein Ende."
"Die Verantwortung war deine Idee." Der Magier wandte sich ab. "Ich werde auch ein weiteres Rudel dorthin bringen."
"Und doch ist es deine Verantwortung." Sie hob den Blick zum Himmel. "Das Kind ruft nach dir. Es betet. Gehst du zu ihr?"
"Ich muss. Sie versteht unsere Welt noch nicht."
"Und wann hast du vor ihr die Wahrheit zu erzählen? Über dich, sie und uns?"
Eironn Blick lag auf dem Weg vor seinen Füßen. Der gebrochene rote Stein eines Ohrschmucks glitzerte im Mondlicht. Ein antikes Stück aus der Zeit vor den Menschen. "Wenn die Zeit reif ist. Nicht früher." Er hob ihn auf und steckte ihn ein. "Und ich hoffe, du hältst dich auch daran?"
"Meine Aufgabe ist erfüllt.", winkte sie ab und als ein weiterer Wind auf und abgezogen war, war auch sie verschwunden.
Eironn atmete tief aus, rief seine Magie und erhob sich mit schwarzen Schwingen in die Lüfte. Er musste die Rudel erreichen, bevor jemand einen Rettungstrupp plante.

MidiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt