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Kara könnte schwören, dass sie schlief. Trotzdem war es Tag, zumindest war der Himmel hellblau mit nur wenigen Wolken. Das Gras unter ihren Händen fühlte sich jedoch viel weicher an und Blütenköpfe waren dazwischen zu finden. "Du träumst.", folgerte sie für sich und setzte sich auf, um sich umzusehen.
Sie saß auf einem Hügel, hohes Gras und langstielige Blumen bildeten den Rand ihrer kleinen Ruhefläche. Dahinter fiel das Land überall flach ab, war jedoch von Nebel verdeckt. Nur wenn sie ihre Augen anstrengte waren in der Ferne dunklere Spitzen von Bergen zu sehen. Außer ihr befand sich sonst kein Lebewesen auf der Wiese, dafür befand sich hinter ihr ein überdachter Schrein. Ein Sechseck markierte die sechs alten Götter, ein Stern im Zentrum den Gott der Menschen. Davor war eine kleine Statue auf einem Podest errichtet. Eine Figur eines weiblichen Wesens. Entfernt erinnerte es an einen Menschen, doch Hände und Füße zeigten Wolfspfoten, ein Schwanz und Ohren bildeten den Rest. Dazu standen die spitzen Ohren noch zusätzlich zu beiden Seiten des ebenmäßigen Gesichts ab. Die Figur hatte beide Hände ausgestreckt. In der einen hielt sie eine Kugel, in der anderen eine kleinere Statue. Stilistisch tippte Kara auf eine kleine Familie.
Auch wenn sie nie im alten Glauben erzogen wurde, erkannte sie die Mondgöttin in dieser Darstellung. Bei den Jägern hatte sie einmal einen dieser Schreine entdeckt und als aufgeregtes Kind, ihrer Mutter berichtet. Diese hatte ihr nur gesagt, dass es die Abbildung der Mondgöttin zeigte, bevor sie einen der Jäger rief und dieser den Schrein mit gezielten Schlägen eines Hammers zerstörte. Die Bruchstücke mussten eingesammelt werden und wurden unter der großen Feuerstelle vergraben.
Das erste mal wurde Kara von Jägern gelobt - und schwor sich, nie wieder etwas mit ihnen zu teilen.

"Du erinnerst dich."
Erschrocken drehte Kara sich um und stolperte gleichzeitig einen Schritt zurück. Sie hörte die Statue schon zerbersten, als sich Hände an ihre Arme legten und vom Schrein wegzogen. Entschuldigend sah sie zu Boden.
"Ich habe dich erschreckt, Kind. Es ist meine Schuld." Die Hände ließen los und die Besitzerin, der Stimme nach zu urteilen, trat einen Schritt zurück. "Du musst dich nicht fürchten, Kind. Sieh doch bitte auf."
Kara tat wie geheißen und sah hoch. Einen Moment stockte ihr der Atem, als sie in schneeweiße Augen, eines wunderschönen Gesichts blickte. Ein Gesicht, dass sie bereits gesehen hatte. "Ihr... seid die Mondgöttin." Panisch fiel sie auf die Knie, drückte den Kopf auf den Boden und umschlang ihn mit den Armen. Nur weil Bildnisse der alten Götter gefertigt wurden, so verbot selbiges der Gott der Menschen für sich. Trotzdem war es sicher unhöflich, einen Gott anzusehen.
"Wenn du so denkst, dann tut es mir erneut Leid." Gras raschelte vor ihr und eine Hand legte sich auf ihre Schulter. "Komm doch hoch. So kann man sich doch nicht unterhalten.
In ihrer Position schüttelte Kara den Kopf. Nur Hohepriestern war es erlaubt, mit Göttern zu sprechen.
"Dann mache ich dich zu meiner, wenn du dich besser fühlst." Über die Berührung wurde es warm, wie bei der Segensteilung des Magiers. Doch im Gegensatz dazu regte sich etwas in ihrer Brust - und schob die Wärme zurück. "Huch. Schon besetzt." Die Göttin kicherte und bat noch einmal: "Sieh mich bitte an. Wir haben keine Regeln für den Glauben an uns festgelegt. Unser einziges Gesetz ist es, immer die Wahrheit zu sagen. Auch, wenn die Menschen die Regel inzwischen stark aufgeweicht haben."

"Davon... habe ich gehört." Kara wurde ruhiger und hob vorsichtig den Kopf. "Niemand außer den Menschen lügt."
"Richtig." Die Göttin lächelte. "Es hat immer ein friedliches Zusammenleben garantiert. Darum haben wir IHN auch nicht abgewiesen, als er um Hilfe gebeten hat. Auch wenn sich unsere Meinung dazu inzwischen verändert hat." Sie seufzte und sah zu den Blumen. Nur wenige bunte fanden sich zwischen den weißen. Dann schüttelte die Göttin den Kopf. "Aber du bist nicht hier, damit ich dir mein Leid klage. Du reist mit Eironn, nicht wahr? Ihr sucht einen Ort, den die Menschen noch nicht erreicht haben."
"Ja." Kara sah ihr nicht mehr ins Gesicht. Sie anzusehen war trotzdem nicht möglich. Sie war bedeckt von luftigen, durchsichtigen Stoffen und Schmuck aus Metall, die den perfekten Körper kaum verhüllten.
"Die Herren sehen schlimmer aus. Aber wenn es dich stört..." Die Göttin leuchtete kurz auf und saß dann in Hemd und Hose vor ihr. Beides blickdicht biss es sich jedoch mit dem schwarzen, blau schimmernden Haar.
"Zurück zum Thema. Ich kann euch an einen solchen Ort führen. Auch Eironn sollte er bekannt sein, doch er wagt sich nicht mehr dorthin. Vor den Menschen ist dieser geschützt. Sie gelangen nicht über die Berge, ohne die Verteidigung zu aktivieren. Und ich weiß, was du jetzt denkst: nein, du kannst sie begleiten. Du trägst doch Khaos' Segen. Als Magierin betrachten dich die Menschen doch längst nicht mehr als Teil von ihnen."
Kara nickte. Eironn hatte seinen Segen des Chaos mit ihr geteilt. "Darf ich fragen, wenn es nicht unhöflich ist, was es wohl ist..."
"Khaos ist unser Chaosgott. Seine Schwester Dot ist die Todesgöttin. Mein Name ist Khalia. Mein Bruder ist Nimean, Sonnengott. Dann sind da noch Tura, Kriegsgöttin und Vymi, Wahrheitsgöttin. Der Gott der Menschen tragt den doofen Namen Jahra, aber das bleibt unter uns. In unsere schöne Dualität hat er einfach Unordnung gebracht. Gemein, nicht wahr?"
"Gemein..." Die alten Götter trugen also tatsächlich Namen. Dabei klang es in den Geschichten immer so, als seien es nur Laute, die die Tiere machen.
"Hach, Kindchen. Schon so lange seid ihr hier und habt nicht eingesehen, dass es erst noch etwas zu lernen gibt." Lachend schüttelte die Göttin den Kopf und sah zum Himmel. "Aber so gern ich auch weiter deine unausgesprochenen Fragen beantworten möchte, diese Zeit fehlt uns im Moment." Ihre Miene wurde ernst, als sie den Blick wieder auf Kara richtete. "Lass dir von ihm beibringen, wie man spricht, hört, sieht und fühlt. Verstehe diese Welt, während du ihm die Richtung weist. Das ist meine Bitte im Austausch für einen Wunsch."
"Eironns Wunsch..." Kara nickte und nahm die angebotene Hand der Göttin. Kaum hatten sie einander berührt, stürmten Bilder ihren Geist und sie verlor noch im Traum das Bewusstsein.

MidiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt