"Wie schön." Kara trat an den Rand der Klippe. Unter ihr brachen sich die Wellen, ein stetes Rauschen, dass über den weiten, endlos dunklen Ozean schallte. Ohne das Licht des Mondes waren die unzähligen Sterne gut zu sehen, wenn sie sich auch nur gebrochen in den Wellen spiegelten.
"Es heißt, hier sei man den Göttern besonders nah." Eironn legte seine Hand an ihren Rücken. "Und es heißt doch, dass die Götter Interesse an dir haben."
"Ich ich dachte, du schubst mich jetzt runter." Kara drehte sich lachend um und umarmte den Magier. Er war mit ihr an diesem schönen Ort. Nicht Sena. Nicht Sonne. "Wobei es trotzdem etwas gibt, das mich interessiert."
"Wenn du damit deine Eifersucht gegenüber unserer Dämonin meinst: die ist unbegründet."
"Dämonin..." Kara entglitt ihre fröhliche Miene. Woher... "Du... weißt davon?"
Der Magier lächelte und hielt sie fest, als sie die Umarmung lösen wollte. "Es war nicht gerade unauffällig. Außerdem ist Sonne schon aus dem gleichen Grund zu mir gekommen und ich musste sie abweisen. Und das schon vor einigen Jahren. Also, nicht die Dämonin, sondern ihre Gefühle für mich." Er kratzte sich verlegen am Kopf.
"Also... du wählst Sena?"
"Nein." Er ließ los und wandte den Blick seinerseits in den Himmel. "Ich habe dich aus einem Grund hergebracht. Und ich hoffe hier dafür Vergebung zu erlangen."
"Vergebung?" Sie nahm seine Hand. Gerade wollte sie lieber über ihre Gefühle sprechen, aber sie spielte mit. "Von wem? Was ist los?"
"Ich fürchte... ich war nicht immer ehrlich zu dir, Kara." Er sah zu ihr. Schuld spiegelte sich in seinem Blick. "Zum einem: deine Magie. Es liegt nicht nur an dir, dass du keine Verbindung herstellen kannst."
"Hast du sie blockiert? Oder...?" habe ich gar keine?, wollte sie anfügen als er bereits den Kopf schüttelte.
"Dein erster Kontakt wurde von dir unterbunden. Sie hat sich gegen dich gewendet, weil du ansonsten in ihr verschwunden wärst. Ich habe deine Überlegung mitbekommen. Ich habe dich nämlich begleitet, aus Sorge, dass etwas schief gehen könnte."
"Du warst in meinem Kopf.", fasste sie zusammen. Verständlich. Wie könnte sie sonst seine Gedanken hören.
"Bei deiner Magie.", korrigierte der Magier. "Deiner Quelle. Nach dem Angriff habe ich sie dann aktiv blockiert."
"Hm." Kara betrachtete den Boden. Das Gras um ihn herum schien zu schimmern. "Der Jäger, oder? Du hast mir gesagt, dass ich gelogen habe. Aber... du warst dir nicht sicher?"
"Du klangst sehr überzeugend. Recherche, damit man die Midia leichter finden und auslöschen kann. Das ist uns leider schon zu oft passiert. Ich habe gezweifelt. Und sie blockiert." Er seufzte, befreite seine Hand aus ihrem Griff und drehte sich weg. "Und ich kann verstehen, wenn du ab sofort lieber doch wieder unter den Menschen leben willst."
"Du musstest die Wölfe schützen.", flüsterte sie leise, nachdem eine Weile nur das Meer zu hören war. "Du konntest kein Risiko eingehen. Das kann ich verstehen. Und dein Handeln vergeben."
"Danke." Eironn drehte sich wieder zurück und legte seine Hand auf ihre Brust. Warme Magie durchfloss sie. "Damit wird die Blockade aufgehoben. Ich wollte das schon länger..." Ein Ruck ging durch seinen Körper, übertrug sich auf die Frau, kurz bevor er die Hand wegriss und sich vom Meer abwandte. Im spärlichen Licht konnte Kara den Pfeil erkennen, der in seinem Rücken steckte.
"Eironn?"
"Jäger.", zischte der Magier und bat leiser: "Ab sofort nennst du mich Ira. Egal was passiert."
Kara nickte ungesehen, starrte auf den Pfeil. Rote Federn starrten zurück. Dieser Treffer tötete keinen Magier. Keinen Midia.
"Ira..." Sie wandte den Blick in seine Richtung, als sich Menschen aus der Nacht näherten. Dunkle Kleider ließen sie mit den Schatten verschwimmen, doch ihre Sehkraft hatte sich auch ohne Magie deutlich verbessert.
"Kara, Kind. Hier steckst du.", hallte die kalte, bekannte Stimme über die Klippe. Schauer jagten ihr über den Rücken während der Gestank von brennendem Fleisch in ihrem Geist präsent wurde. Angst zwang sie zurückzuweichen. Wissend, das hinter ihr der Tod im Meer lauerte. "Ich habe alles abgesucht, seit deinem Verschwinden."
Die Jäger im Rücken des Sprechers legten erneut Pfeile an. Sie zielten auf den Magier, nicht Kara. "Komm nach Hause, Kind."
"Die Wölfe sind sicher." Eironns Worte waren kaum noch ein Hauch. "Vergibst du mir noch einmal?" Eine dunkle, dünne Klinge erschien in seiner Hand, zur Verteidigung erhoben. Er würde keinen der Menschen töten, selbst wenn er die Gelegenheit hatte. Er bat um Vergebung, weil er sie nicht beschützen konnte.
"Immer..." Ihre Worte schienen im Rauschen des Meeres zu verschwinden. Sie trat zurück. Unter ihren Schuhen bröckelte bereits die Erde, als der Magier seinen Zauber sammelte und hohe Erdwälle aus dem Boden schossen.
Die Jäger hielt es nicht auf, lediglich die Pfeile, die dagegen trafen. Sekunden bevor die Wälle wieder zerfielen, weil jemand gegen seine Magie arbeitete. Die Jäger hatten mindestens einen Magier in ihren Reihen.
"Damit willst du sie schützen, Verräter?" Sie sah, dass Eironns Hand mit dem Dolch zitterte, bevor er zusammenbrach. Doch es war keine Erschöpfung, die ihm die Kraft raubte. Es wurde Kara bewusst, als auch ihr schwindelig wurde. Sie fiel auf die Knie. Definitiv Magie.
"Bleib stark...", trug der Wind zu ihr, bevor sie das Bewusstsein verlor.
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Midia
FantastikNach der Zerstörung ihrer eigenen Welt musste die Menschheit in eine andere fliehen. Zurückgeworfen in die Anfänge der Zivilisation erinnern nicht einmal mehr Legenden an eine andere Zeit. Kara wurde in diese Welt geboren, die die Menschen den urspr...
