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"Aufwachen.", flüsterte die fremde Stimme an ihrem Ohr, doch sie wollte nicht aufwachen. Das Bett war viel zu warm und flauschig, um aufzustehen. Es war ja nicht so, als ob jemand ihre Hilfe erwartete.
"Kara. Du wolltest doch mitkommen."
"Mitkommen?" Blinzelnd öffnete sie die Augen gegen das grelle Sonnenlicht. Das Bett war trotzdem noch zu bequem und wer wagte es eigentlich in ihre Hütte...
Ein brummen riss sie zurück in die Realität und die Frau setzte sich endlich auf. Sie erinnerte sich, nach den Wölfen gesucht zu haben. Den Magier hatte sie gefunden und wurde von ihm zum Rudel gebracht. Sie hatte sie gewarnt und... Kara sah sich um. Sie lag nicht in ihrer Hütte auf ihrem Lager. Sie kuschelte sich auf den Rücken der grauen Wölfin Sonne, die sie beim Aufbruch getragen hatte.
"Ich bin... eingeschlafen?" Beim zweiten Gedanken befand sie diese Frage als überflüssig.
"Bist du. Schon kurz nach dem Aufbruch. Wir wollten dich schlafen lassen, aber Sonne meinte, dass du nicht ewig auf ihr liegen bleiben kannst." Eironn hob sie vorsichtig von der liegenden Wölfin, die sofort aufstand, sich streckte und zwischen die nahen Bäume tapste. Der Magier hatte Kraft, was sie durch den schlanken Körper erst nicht vermutet hâtte.
"Ein Wolf ist überraschend bequem." Nun streckte sich auch Kara und dehnte ihre noch müden Muskeln. Dabei knackten auch ein paar Gelenke.
"Aber kein Bett auf Dauer." Der Magier schichtete ein paar Steine um ein kleines Lagerfeuer, damit es nicht so schnell auf die Umgebung übergreifen konnte.
Kara nutzte den Moment und sah sich um. Die Hügel waren einen dünnen Wald gewichen. Großer Abstand herrschte zwischen den einzelnen Bäumen, gefüllt von grünen Sträuchern und hohem Gras. "Sind wir weit gekommen? Also... die Wölfe. Gibt es Jäger in der Nähe?"
"Ein Stück." Der Magier sah nicht von seiner Arbeit auf. "Jäger haben wir noch keine gesehen. Die Vögel berichten auch nichts, also sollten wir vorerst sicher sein." Er legte ein paar Zweige nach, dann bat er einen der größeren Wölfe, auf das Feuer zu achten. "In der Nähe gibt es einen Bach, wenn du dich waschen willst. Ich beobachte dich nicht. Danach können wir nach etwas essbarem suchen. Du kannst auf die Jagd gehen."

Kara nickte. "Dann aber gleich. Noch ist es nicht so schlimm." Er hatte es besser. Ihn umgab die ganze Zeit ein beruhigender Fliederduft. Wenn sie darüber nachdachte, hatte sie bei dem einzigen Magier im Lager der Jäger nie auf so etwas geachtet. Ob es eine Besonderheit dieses Magiers war? Vielleicht verriet er ihr das Geheimnis auch irgendwann. Vorausgesetzt, das Rudel setzte sie nicht aus, weil sie nutzlos war.
"Deine Entscheidung." Eironn hängte sich eine Tasche um die Schulter, ein kleiner Dolch fand den Weg in seine Hand und von dort an eine Halterung der Tasche. "In dem Wald solltest du Erfolg haben. Entferne dich nur nicht zu weit. Nur weil hier noch keine Jäger sind, sind wir nicht sicher."
"Verstanden." Sie schulterte ihren Bogen und die Pfeile, ein Messer verstaute sie auch noch, dann ließ sie ein weiteres Mal den Blick über die Wölfe schweifen. Wie schon bei ihrer ersten nahen Begegnung mit dem Rudel, waren nur wenige zu sehen. Fenr hatte sich in der Mitte der Gruppe zusammengerollt, seine Ohren drehten sich jedoch weiter aufmerksam.

Sie folgte dem Magier in den Wald, etwas abseits von der Stelle, in der Sonne verschwunden war. "Fenr passt auf die anderen auf?" Sie wollte unbedingt mehr über die Wölfe erfahren.
"Er achtet auf Nachrichten." Eironn hob einen Arm und wie auf ein stummes Signal landete ein schwarzer Rabe auf dem angebotenen Platz. Seine Federn schimmerten im Sonnenlicht, wie schon bei den Tier, das beim ersten Mal den Mann begkeitet hatte. "Sie arbeiten zusammen. Die Raben achten auf die Umgebung oder führen zu Beute. Die Wölfe bieten ihnen Schutz und einen Teil der Nahrung." Bestätigend nickte der Vogel einmal und hob krächzend wieder ab. "Du siehst sie nicht, denn sie beherrschen Magie. Ein Lichtbrechung in ihren Federn, wenn sie in der Luft sind."
"Das meintest du mit den Vögeln." Kara ließ den Blick über die Äste der Bäume schweifen. Gleichmäßige Lieder hallten durch den Wald. "Das ist den Jägern sicher nicht bekannt."
Der Magier schüttelte den Kopf. "Fast. Einige vermuten einen Zusammenhang, aber da die Sturmraben verschwinden, sobald sie sich durch die Luft bewegen bleibt das auch eine Vermutung." Er hob die Hand und deutete stumm vor sich. "Zeit dich zu beweisen.", flüsterte er und trat lautlos zur Seite.

Kara trat an seine Stelle, darauf bedacht ebenfalls keinen Laut mehr zu machen. Sie duckte sich hinter einen Beerenstrauch und spähte auf eine kleine Lichtung. Kaum sichtbar wühlte ein brauner Hase auf der anderen Seite zwischen toten Blättern. Immer wieder wechselte er die Position, noch bot er ein gutes Ziel.
Die Jägerin sah sich kurz nach dem Magier um, der stumm an einem Baum lehnte und die Szene beobachtete. Als er den Blick bemerkte, hob er erwartungsvoll eine Augenbraue und richtete seinen Blick wieder auf den Hasen.
Kara folgte dem Blick, legte ihren Pfeil ein und erhob sich leise. Sie zwang sich, langsamer und leiser zu atmen. Noch wehte eine Brise auf sie zu, doch der Wind konnte schnell drehen.
Sie lauschte auf ihren Herzschlag, zog die Sehne näher zu sich und visierte das kleine Tier an.
Der Pfeil löste sich zwischen zwei Herzschlägen, durchschlug den Kopf des Hasen und bohrte sich ein Stück in den Boden.

"Nicht schlecht." Eironn trat auf die Lichtung und betrachtete ihr Werk stumm. Kurz schüttelte er den Kopf und sagte, als sie wieder neben ihm stand: "Ich muss ein paar Sachen auffüllen. Wenn du noch mehr brauchst, dann geh allein weiter. Sei aber bitte vor Sonnenuntergang zurück."
"Möchtest du auch was?" Sie kniete sich hin und zog den Pfeil aus ihrer Beute.
Wieder ein Kopfschütteln und er drehte sich weg. "Wir treffen uns später wieder zurück beim Rudel. Verlauf' dich nicht." Er hob zum Abschied die Hand und verließ die Lichtung.
Kara sah ihm noch einen Moment hinterher, dann ging sie langsam zurück.

MidiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt