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Sie fühlte sich unwohl, allein in dem großen Bett zu liegen und zu warten. Nachdem Tura sie in Khaos' Zimmer abgesetzt hatte, war sie grinsend verschwunden. Seitdem hatte Kara sich unter der dünnen Decke versteckt und den Blick nicht vom offenen Dach des Pavillons abgewandt. Sie zählte stumm die Sterne, die sich über ihr erstreckten. Diese waren anders angeordnet, als bei früheren Beobachtungen außerhalb der Götterwelt.
Dabei wanderten ihre Gedanken jedoch immer wieder zum Verhalten der Götter in der Besprechung.
Der misstrauische Blick des Sonnengottes jagte ihr noch immer Schauer über den Rücken.
Die Todesgöttin zeigte kein großes Interesse an ihrer Anwesenheit, aber das musste nichts heißen.
Die Göttin der Wahrheit strahlte Unsicherheit aus. Sie fürchtete sich, aber ob es nun die Anwesenheit der Magierin oder das Gesprächsthema war, konnte sie nur erraten.

"Schon zurück?"
Sie drehte den Kopf zur Quelle Eironns Stimme. Der Gott schien zu leuchten im dunklen Raum. Zumindest, solange es wirklich ein Raum war. Es fühlte sich mit dem Wald im Hintergrund mehr wie eine eigene Welt an.
"Noch nicht lange." Kara setzte sich auf. Sie wünschte wirklich, sie hätte die Schneiderei nicht gesehen. In dem ersten Kleid hatte sie sich noch wohler gefühlt.
"Ich weiß, dass wir hier nur wenig zu bieten haben." Die Matratze senkte sich ein kleines Stück, als er sich setzte. "Vor allem ich habe sicher keine Freizeitaktivitäten für dich. Immerhin reisen wir nicht mehr."
"Schon gut." Kara zupfte am durchsichtigen Stoff. Er fühlte sich an, wie gesponnenes Wasser. Bei dem Namen der Nymphe würde es sie nicht einmal überraschen. "Wie lange braucht ihr für den Fluch?"
"Ein paar Tage. Wir bearbeiten einen ähnlichen, aus unserer alten Welt."
"Alte Welt?" Kara wurde wieder hellhörig. Seine Geschichten am Abend waren eine Weile lang Tradition. "Heißt das, die Götter stammen auch nicht von hier?"
"Nicht alle." Eironn hob den Kopf zu den Sternen und ließ Nebel aufziehen. Figuren und Landschaften bildeten sich wieder ab. "Kahlia und Nimean lebten in dieser Welt lange Zeit allein. Alles was sie nutzen konnten war Magie. Sie konnten sie jedoch nur verändern, weiterentwickeln und perfektionieren. Tura, Dot und ich folgten. Wir wurden aus unserer Welt vertrieben. Unsere Mitgötter haben einfach entschieden, dass es einen anderen Chaosgott geben soll und mich vertrieben. Dot und Tura wollten mich nicht allein lassen und sind mir gefolgt. Genau wie Jahra kamen wir an diese Welt und baten um Zuflucht." Er lächelte. "Sie haben uns freudestrahlend aufgenommen, uns ihren Umgang mit der Magie gezeigt und wir haben unsere Talente gezeigt. Damals gab es nur Geister in einem leeren Raum voller Magie. Dot und ich haben dem ganzen Materie hinzugefügt und den Geistern Körper gegeben. Von Tura erhielten sie den Willen und Kahlia schenkte ihnen erste Magie. Diese Geister sind die, die auch heute noch die Welt bewegen.
Und dann folgte Vymi." Eironn senkte den Blick wieder. Ernst starrte er einen Moment auf einen Punkt, den nur er sehen konnte. "Sie war verzweifelt und verängstigt, als sie auftauchte. Offenbar hat in ihrer Welt niemand ihre Wichtigkeit erkannt. Sie wurde ausgegrenzt und sehr schlecht behandelt, was sie schließlich zur Flucht getrieben hat.
Tura hat sich ihrer sofort angenommen, sie beruhigt und ihr einen Platz angeboten. Der Rest von uns hatte nichts einzuwenden und mit einer neuen Göttin trat das erste Gesetz in Kraft. Nun, es ist wohl weniger ein Gesetz, als eine Regel mit der alle einverstanden sind."
"Wir lügen nicht." Kara schlug ihm grinsend leicht auf die Schulter. "Außer wir sind der Chaosgott und verbergen unsere Identität. Und unser Misstrauen."
"Ja. Das war... keine ruhmreiche Entscheidung. Aber leider notwendig. Hatte ich mich schon entschuldigt?"
"Mehrfach. Und der Zauber? Ihr habt einen ähnlichen also schon ein anderes Mal angewendet?"
"Zumindest entwickelt." Eironn verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln. "Es gab eine Auseinandersetzung in unserer alten Welt. Ich weiß nicht mehr viel, weil es schon zu lange her ist, aber es resultierte in einer starken Dezimierung der Sterblichen, um in der Definition der anderen Götter zu bleiben. Innerhalb von fünfhundert Jahren waren sie fast ausgestorben. Ich glaube Tura hat dich bei unserer Ankunft auch zu bezeichnet? Jedenfalls war meine Auflehnung gegen dieses Vorgehen wohl mit ein Grund, warum ich vertrieben wurde."
"Das klingt schrecklich. Und vor allem unnötig." Kara legte sich wieder hin und drehte sich so, dass sie zu ihm sehen konnte. Im Profil schien sich das Leuchten noch mehr wie eine Hülle um ihn zu legen. "Aber ohne deine Einmischung wäre diese Welt vielleicht nie so entstanden. Und wir hätten uns nicht getroffen."
Überrascht sah er zu ihr. "Du bereust unsere Begegnung nicht? Dabei ist es eigentlich meine Schuld, dass dir überhaupt so viel Leid zugefügt wurde."
"Ist es nicht." Sie schloss die Augen. Sofort erschienen Bilder. "Hast du mich eingesperrt? Mich hungern lassen? Mich verprügelt?"
"Nein. Aber ohne mich hätte nie einer der Täter den ersten Atemzug gemacht."
"Ich auch nicht. Und ich weiß, was du andeuten willst. Ich habe mal zwei Jäger bei diesem Thema belauscht. Leben ist nicht grausam. Und der Tod keine Erlösung. Das muss jeder Mensch und Midia für sich selbst entscheiden."
"Hm." Seine Hand streichelte über ihren Kopf. "Du bist weise, für ein so junges Wesen. Lass uns jetzt schlafen, morgen ist noch viel zu tun."
Kara nickte und spürte, wie er sie in die Arme schloss. "Schlaf gut."

MidiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt