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Sie verpasste das gemeinsame Essen. Durch einen kleinen Spalt über der Tür konnte sie die Veränderung des Lichts mitverfolgen. Die Sonne verschwand, silbernes Mondlicht wanderte. Draußen heulten Wölfe. Einige erkannte sie vom Rudel, andere stammten von den Werwölfen. Vollmond kam und ging und zwang sie in Verwandlungen. Obwohl sie müde wurde, zwang sie sich, weiter die Tür zu beobachten. Eironn hatte sich nicht bewegt, schlief wie ein Stein. Magie war gefährlich für den Anwender, das hatte sie hiermit verstanden. Sie würde alles tun, um nicht in eine solche Situation zu geraten. Nicht wehrlos ihrer Umwelt ausgeliefert zu sein, weil sie sich überanstrengte.
Und doch zweifelte sie. Sie zweifelte, ob sie es allein mit auch nur einem der Werwölfe aufnehmen konnte, sollte einer entscheiden, doch in die Hütte zu kommen. Sie doch zu dem zu zerren, der behauptete sie sei seine Seele. Dabei konnte es nicht sein. Warum sollte die Göttin sonst ihr das Ziel gegeben haben, um die Wölfe zu führen? Sie hätte wissen müssen, dass hier jemand auf sie wartet. Solange es kein Irrtum ist.

Das Licht wurde wieder golden, als es vorsichtig klopfte. "Wir machen uns Sorgen.", begann die weibliche Stimme. "Ist alles in Ordnung?"
"Alles gut.", brachte Kara hervor und stand auf. Vor der Tür stand Biene, wenn sie die Stimme richtig deutete. "Eironn ist nur erschöpft."
"Verstehe. Ich habe hier Frühstück für euch beide. Ich kann es vor die Tür stellen, wenn du möchtest. Kara, richtig?"
"Kara..." Sie zog die Tür auf. Abschließen konnte man die Hütte nicht. Dafür waren die Werwölfe zu ehrlich. Die Wölfin stand mit einem Korb davor. Wieder waren ihre Augen dunkel. "Das wäre nicht nötig gewesen."
"Ihr seid unsere Gäste. Das war nötig, sonst wären wir schlechte Gastgeber." Sie hielt ihr den Korb demonstrativ hin. Eine Ablehnung wäre jetzt unhöflich, also nahm Kara ihn an sich. "Außerdem soll ich noch eine Nachricht überbringen: der Anführer erwartet euch beide am Nachmittag auf dem Trainingsplatz. Und falls Ira noch länger schläft kannst du nach unserem Heiler rufen. Sprich einfach den nächsten an und bitte darum."
"Wird gemacht. Danke Biene."
"Gerne doch." Das Lächeln war zu ehrlich und aufrichtig, um ihr zu misstrauen, womit die Wölfin wieder zwischen den Hütten verschwand.
Ein kurzer Blick in der Umgebung verriet Kara außerdem, dass sich die Schäden des Wolkenbruchs wohl doch in Grenzen hielten. Ein paar Wasserfässer waren übergelaufen und die Pfützen noch nicht getrocknet. Sonst schien alles intakt zu sein.

Sie schloss die Tür wieder und sah zu dem Magier. Inzwischen war er aufgewacht und sah sie mit einem seltsam starren Blick an. "Essen...", murmelte er und starrte auf den Korb.
"Von Biene." Kara zog das Tuch weg und reichte ihm eine der Schüsseln mit noch warmen Brei. Wieder wurde sie eines besseren belehrt, immerhin dachte sie, die Werwölfe würden sich von rohem Fleisch ernähren. Aber warum sollten sie dann Felder zwischen den Hütten angelegt haben. Handel konnten sie nicht treiben.
"Danke." Eironn legte die leere Schüssel zurück, da hatte sie noch nicht angefangen. Er beobachtete sie auch nicht beim Essen, sondern schloss wieder die Augen.
"Du hast dich also überanstrengt.", bemerkte sie zwischen zwei Bissen. "Passiert das öfter?"
"Nein. Ich habe nur lange nichts so großes mehr bewirkt. Wobei die Größe eines Zaubers nichts über seinen Energieverbrauch sagt."
"Hm." Dann musste es auch große Zauber geben, die weniger bis kaum Magie verbrauchen. Um so etwas zu versuchen, musste sie aber zuerst überhaupt Magie nutzen können.
"Ich habe mich noch nicht bedankt, Kara. Dafür, dass du geblieben bist." Der Magier sah sie nun doch am. "Das ist nicht selbstverständlich."
Kara schüttelte den Kopf und kratzte den Rest des Frühstücks zusammen. "Ich sagte doch, dass ich nicht allein unter ihnen sein will. Nicht nach..."
"Schon gut." Der Magier stand auf, streckte sich kurz und nahm wieder neben ihr Platz. Vorsichtig legte er ihr die Hand auf die Schulter. "Knurr erwartet uns doch am Nachmittag, nicht? Vielleicht gefällt dir der Wolf am Ende. Sonst finden wir schon eine Lösung, um es allen recht zu machen."
Sie nickte, stellte die Schale zurück. "Was erwartet mich eigentlich? Also, sollte er sich nicht täuschen. Muss ich dann..." Düstere Geschichten drangen an die Oberfläche. Die Jäger mochten nicht immer die Wahrheit gekannt oder verbreitet haben, dafür waren ihre Geschichten immer sehr detailliert. "...bleiben?", umschrieb sie, um die Erinnerungen wieder zurück zu drängen.
"Sie möchten die zweite Seele in Sicherheit wissen. Das ist nichts verwerfliches."
"Doch." Sie legte den Kopf auf die Hände. "Doch, es ist verwerflich. Selbst wenn die Jäger nur Unsinn erzählt haben. Du weißt nicht, wie dieser spezielle Wolf es handhabt."
"Die Geschichten kenne ich auch." Er strich ihr über das feine Haar. "Er wird dich zu nichts zwingen, versprochen. Noch ist nicht einmal sicher, ob er sich täuscht."
"Du bist dir viel zu sicher..."
"Kara." Er nahm ihre Hand, was sie zwang aufzusehen. "Wenn du dich dann besser fühlst kann ich dir einen ersten Schritt zur Magierin zeigen. Dann kannst du zumindest die Magie spüren und dich verteidigen."
"Magie? Das... könnte helfen. Aber sagtest du nicht, es wäre heikel, es mir beizubringen. Gerade hier."
"Wir sind vorsichtig." Damit griff er nun auch ihre zweite Hand. Reine Wärme sprang auf sie über, beruhigte ihren Herzschlag und ihre Gedanken.
"Schließ die Augen, horche in dich hinein. Suche die Quelle deiner Magie. Stell es dir als Teich vor, aus dessen Tiefen unablässig Wasser strömt."
Kara folgte, schloss ihre Umgebung aus und konzentrierte sich auf ihren eigenen Herzschlag. Auf dem Weg ihres Geistes dorthin fand sie die Quelle und der Vergleich mit einem Teich war nicht untertrieben. Eine kleine Wasserquelle in einer riesigen dunklen Höhle. Leise plätscherte es.
"Nun stelle eine Verbindung her..."
Sie kniete sich ans Ufer. Der Teich schimmerte, als sie die Hand danach ausstreckte. Die Magie kribbelte, als sie ihre Hand berührte. Einen Moment verharrte sie so, bevor sie noch ein Stück tiefer in die Magie griff. Das Gefühl war berauschend und sie rückte näher ans Ufer. Was wohl passierte, wenn sie in der Magie schwamm? Konnte man darin ertrinken?

Der Gedanke war noch nicht zuende, als die Magie sich fast ängstlich vor ihr zurückzog. Der Teich wurde kleiner und eine Säule aus Wasser erhob sich. Es bildete die Form einer gigantischen Schlange, die drohend ihr Maul aufriss. Kara schrie, dann verkrampfte sich ihr Körper. Sie fand den Weg zurück nicht mehr und alles verschwand in der Finsternis...

MidiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt