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Kara zog ein kurzes, leichtes Kleid von einer der Stangen und hielt es vor die Dämonin. "Was ist damit?"
"Ist das unbedingt nötig?" Das Mädchen sah missbilligend auf den Stoff, dann zu Eironn, der ebenfalls Kleider zur Seite schob. "Auch wenn es nur für die Zeit in der Stadt ist, ja. Menschen machen sich keine Kleider aus Schatten." Der Magier zog seinerseits etwas heraus und reichte es ihr. Ein blaues Kleid mit deutlich zu vielen Verzierungen.
"Hm." Sie griff nach diesem und hielt es sich an. "Das ist eine komische Farbe. Mögen Menschen die?"
"Auch. Sie mögen bunte Sachen."
Prüfend sah Kara sich in dem Laden um. Trotz des Zaubers, den der Magier gewirkt hatte, fühlte sie sich unwohl in der Öffentlichkeit eines Geschäfts über Themen die die Midia betreffen zu sprechen. "Was würdest du denn auswählen?", fragte sie leise und hängte ihre Auswahl zurück.
Das Mädchen sah sie überrascht an, dann überflog sie die Stangen, auf denen sich die Kleider in Kindergröße reihten. "Hm." Ihr Blick blieb einen Moment auf einem der Stücke haften, und sie zupfte an einem schwarzen, schimmernden Stoff, wobei ihr Blick traurig wirkte.
"Etwas dunkel aber hübsch." Kara zog es heraus und fing erst da, den entsetzten Blick der Kleinen auf.
"Sicher, dass sie eine von uns ist?" Das Mädchen wich zurück und versteckte sich halb hinter dem Magier, der das Kleid bedenklich musterte.
"Ja. Aber noch nicht lange." Er ließ es sich reichen und erklärte. "In dem Stoff sind Schatten gefangen. Er wurde aus den Haaren von Dämonen gefertigt, die in Dunkelheit lebten. Das heißt, sie wurden gefangen und in dunkle Räume gesperrt." Der Magier strich nachdenklich über den Stoff. "Wir nehmen es mit. Es sollte nicht in den Händen der Menschen sein. Aber du suchst dir bitte trotzdem etwas aus. In diesem Lumpen erkennen dich die Soldaten zu schnell."
"Ist gut.", lenkte sie endlich ein und zog drei weiße Kleider heraus. Sie waren leicht und ohne Dekorationen. Günstig, aber gerade passend für eine kleine Familie. Und passend zu den Hemden und den vier Hosen, die Eironn zusätzlich noch für sich und Kara herausgesucht hatte. Alles wirkte einfach, niemand sollte so auf die Idee kommen, dass sie Magier waren, die unter Wolfsrudeln lebten.
"Alles gefunden?" Der Verkäufer am Tresen sah gelangweilt auf die Kleidung, zählte alles zusammen und verlangte zehn Silbermünzen. Theatralisch seufzend reichte der Magier ihm diese und brachte Kara dazu über seine Einnahmequellen nachzudenken. Nicht einmal bei den Jägern wären zehn Silber schnell verdient gewesen und die Kopfgelder für Midia waren hoch.

"Hier." Eironn reichte Kara die Tasche mit den restlichen Sachen und verschwand grinsend gemeinsam mit dem Dämonenmädchen um eine Häuserecke. In der Seitengasse konnten sie sich beruhigt umziehen, solange der Eingang bewacht wurde. "Und danke." Er nahm ihr die Tasche wieder ab und verstaute sie in seiner eigenen. Die Dämonin zupfte unruhig an den Falten des Kleidchens.
"Du gewöhnst dich daran." Kara reichte ihr die Hand. Das Mädchen war still, seit sie sich den Schnitzer mit dem dunklen Stoff erlaubt hatte. Außerdem wich sie ihrem Blick aus. "Ich muss mich entschuldigen." Kara kniete sich vor sie und nahm ihre Hände. Nun musste sich ihr Blick auf sie richten. "Ich kenne noch nicht viel vom Leben der Midia und eure Fähigkeiten haben sich bei mir auch noch nicht gezeigt. Darum werde ich sicher noch öfter unbedacht einen Fehler machen."
"Schon gut." Das Mädchen zog ihre Hände weg und klammerte sich stattdessen an Eironn. "Versuch es nochmal, wenn du älter bist." Damit starrte sie nach vorne, an Kara vorbei, die sie enttäuscht ansah.
"Älter?" Sie flüsterte nur und beobachte das Kind von der Seite. "Wer ist hier die Jüngere?"
"Das meint sie nicht so." Eironn nahm nun auch ihre Hand, wodurch er zwischen ihnen lief. "Sie ist wesentlich älter als du, immerhin hatte sie ihr Leben als Schatten auch schon. Sie ist vermutlich auch älter als ich, also denk dir nichts. Als Dämonin darfst du nicht auf ihre Äußerlichkeit achten, selbst wenn es der Körper eines Kindes ist. Und wenn du mit der Magie beginnst, kommt alles weitere von selbst." Er lenkte sie auf die Hauptstraße, zurück zum Tor.
Es war bereits voll, während der Himmel sich langsam in die dunklen Farben der aufziehenden Nacht färbte. Allein der Sicherheit der Dämonin wegen wollten sie nicht länger als nötig in der Stadt bleiben. Die Kontrolle beim Ausgang waren zu ihrem Glück weniger genau, was sie schnell wieder zurück auf das Grasland der Ebene führte.

Dot
"Ein Mensch in der Schlucht? Was interessiert mich das?" Die Göttin verschob Seelen auf einer durchsichtigen Scheibe. Ihre Arbeit ruhte nie.
"Fremd. Magie." Der Schatten nickte eifrig. "Magie. Chaos."
"Ts. Ich fragte doch, was mich das interessieren soll. Die Schlucht gehört zu Tura und Khaos. Mich interessiert nicht, wen sie da reinlassen."
"Wölfe. Magie. Chaos.", fuhr der Schatten fort, was sie genervt aufseufzen ließ. "Magie. Chaos. Magie. Mond. Geister."
"Schon gut!" Dot schmetterte die Scheibe von sich. Sie zersprang in unzählige Scherben, noch bevor sie die Felswand berührt hatte. Der Schatten war schneller geworden. Ein Zeichen, dass er aufgeregt war. "Erzähl schon. Was ist passiert?" Sie wandte sich zu ihm um, während andere Schatten die Scherben zusammenräumten und ihr eine neue Scheibe gereicht wurde. Mussten die Toten eben einen Moment länger warten.
Wieder nickte der Schatten. "Pause. Gespräch. Feen. Jagd. Wasser. Schatten. Mensch. Magie. Jagd. Böse. Mensch. Wahrheit. Mensch. Weg."
"Spannend." Dot nickte verstehend. Von allen Wesen dieser Welt war sie gezwungenermaßen die Einzige, die die Schatten verstehen konnte. In ihrer stockenden Sprache konnten sie keine Worte verdrehen. "Aber ich denke, ich weiß, welchen Mensch du meinst. Khaos ist sehr an ihr interessiert. Und Kahlia lässt sie die Wölfe zur Zuflucht führen." Dot richtete den Blick nach oben. In der Höhlendecke befand sich ein Loch, durch das sie den immer strahlenden Himmel sehen konnte.
"Mensch. Beobachtung.", fragte der Schatten, worauf die Göttin den Blick im Himmel hielt und nickte.
"Wenn du möchtest. Aber nimm dich vor meinem Bruder in acht. Und lass ihnen Zeit. Es wäre merkwürdig, wenn du so kurz nach eurer Begegnung wieder auftauchst."
"Vorsichtig. Dankbar." Der Schatten nickte eilig, dann löste er sich in Rauch auf und Dot nahm die neue Scheibe vor sich. Ungestört arbeiten konnte sie jedoch nicht, als dem nur Sekunden nach dem Verschwinden des Schattens Tura in die Höhle trat und scheppernd ihren Schild in die Ecke warf.

"Menschen.", fauchte die Kriegsgöttin und ließ sich schwer auf einen der freien Stühle fallen. "Warum haben wir sie nochmal aufgenommen?"
"Weil Jahra darum gebeten hat. Und wir keine Unschuldigen sterben lassen konnten."
"Khaos konnte das nicht."
"Darum leidet er am meisten darunter." Wieder fand eine Seele ihren Weg. "Du solltest ihn mehr unterstützen, Tura."
Die Göttin schnaubte und sah sich um. "Bin ich die erste?", wechselte sie das Thema.
"Scheint so. Nach mir." Wieder eine Seele weg. Zwei weitere folgten schnell. Die erhöhte Sterblichkeit der Menschen erschwerte ihre Arbeit. Ihr Egoismus und das regelbrecherische Verhalten hingegen vereinfachten es. Weitere Seelen verschwanden von der Scheibe.
"Und was will Lia? Und warum ist sie nicht als erste hier."
"Bin ich doch." Kahlia trat aus dem Schatten. Dot reagierte nicht, Tura hingegen kippte erschrocken von ihrem Stuhl.
"Lass den Mist.", fluchte sie und richtete sich wieder auf. Die Platten ihrer Rüstung schlugen aneinander. "Kommt Khaos eigentlich? Oder versetzt er uns wieder?"
"Er versetzt uns.", bestätigte der Sonnengott, als er eintrat und die Höhle hell erleuchtete. In seinem Rücken schlich Vymi, versteckte sich vor den Augen den anderen, und wählte einen Platz am runden Tisch, am weitesten vom diesem entfernt.
Nimean interessierte sich jedoch nicht für sie und reichte Kahlia ein rundes Gerät. "Von den Menschen. Ich fange an sie zu mögen."
"Schlecht.", bemerkte seine Schwester und nahm neben ihm Platz. "Wir wollten eigentlich über ihre Vertreibung verhandeln. Bevor sie uns zuvor kommen."

MidiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt