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"Hör auf zu brüllen. Hört dich keiner.", knurrte wieder der Wolf und sie wurde an den Haaren gepackt und unsanft wieder zurück auf ihre erste Position geschleift. Die lange, feste Kleidung, bewahrte sie vor schlimmeren Verletzungen. Wie konnte er in dieser Finsternis eigentlich etwas sehen? Instinktiv tastete sie ihre Kleidung ab, so gut es ging. Da wurde ihr klar, dass sie bei der überstürzten Flucht nicht nur ihren Bogen im Dorf vergessen hatte, sondern auch ihr Messer nicht mehr bei sich trug.
"Ich hätte warten können.", erinnerte sie ihn, immerhin war sein Gerede über Ränge der Grund, warum er sie weggebracht hatte. Außerdem traute sie der Sache nicht mehr und vielleicht ließ der Wolf etwas nützliches fallen. "Oder zu erzählst mir was über diese Ränge." Im besten Fall verschaffte sie sich Zeit.
"Klappe, verdammter Mensch." Sie bekam einen Tritt in den Bauch. Panisch atmete sie ein, während sich der Schmerz ausbreitete. So war das nicht geplant. "Schade, dass ich dich nicht in Fetzen reißen darf."
Kara schwieg. Dieser Werwolf erinnerte mehr an die Geschichten der Jäger über gefährliche Bestien, die Frauen verschleppten und zerfleischten. Um die Echtheit dieser Geschichten zu prüfen, war ihr das Leben aber doch zu lieb.

"Endlich.", stöhnte der Wolf auf, als im Gegensatz zu seinen Bewegungen deutliche Schritte auf dem Stein zu hören waren. Und sogar Licht suchte sich seinen Weg in die Höhle, die die Fackel des Neuankömmlings als kleine Kammer erkennbar machte. Der Wolf konnte darin gerade gebückt stehen. "Ihr habt euch echt Zeit gelassen. Die Kleine heult mir hier die Ohren voll, das ist nicht auszuhalten."
"Tja, der Eingang war nicht ganz so leicht zu finden." Das Fackellicht offenbarte drei Männer. Einer trat näher an Kara heran und kniete sich vor ihr hin. Grob nahm er ihr Kinn und drehte ihren Kopf hin und her. "Das soll das Mädchen sein, das den Göttern so viel bedeutet? Nicht sehr... besonders."
"Behauptet Knurr, dieser Idiot." Der Wolf stupste sie wieder mit dem Fuß an. "Ich glaub nicht dran, aber ihr wolltet ja die Infos. Außerdem will ich kein Menschenpack in meinem Rudel."
"Verständlich." Der erste gab einem seiner Begleiter ein Zeichen, worauf er jetzt Kara hochhob und sich über die Schulter warf. Stumm ging er zurück, während gut für die Magierin sichtbar Münzen den Besitzer wechselten. Der Beweis, dass der Werwolf sein Rudel gerade verriet.
Nur konnte sie es niemandem sagen. Immerhin wurde sie gerade entführt. Dem Zeichen nach, das einer der Männer am Hals trug sogar von Jägern.

Ein weiteres Zeichen und der Fackelträger setzte sich in Bewegung. Gefolgt von Karas Träger und dem Anführer der Gruppe. Sie folgten einer Spur aus schimmernden roten Steinen, die in der Mitte des Ganges lagen. Durch die Vorherige Dunkelheit und jetzt den vermutlich langen Gang, wenn man bedachte, wie tief die Schlucht an ihrer Stelle war, konnte sie leider auch nicht sagen, wie lange sie schon entführt war - oder ob jemand sie suchen würde. Eironn vermutlich. Vielleicht halfen Sonne und Biene.
"Jäger also." Die Stille dröhnte in ihren Ohren. Außerdem fühlte sie sich mit einer Konversation weniger ausgeliefert. "Seit wann macht ihr mit Bestien Geschäfte? Würde mich interessieren, ich war nämlich auch mal in einer Gruppe."
"Das machen alle. Du warst nur nicht weit genug oben." Der Anführer grinste. "Welche Gruppe war es denn?"
"Also zuletzt hatten sie irgendwo im Süden gelagert. Aber es gibt ja tausende und ich bin echt schlecht, mir Namen zu merken."
"Aha. Süden. Und was macht ein Mädchen wie du bei Bestien?"
"Recherche." Die Antwort kam zu schnell, dass wusste sie. "Wölfe verfolgen, Informationen weitergeben und so. Musste mich sogar als Geisel nehmen lassen dafür. Obwohl... ihr seid echt schlecht vernetzt, wenn ihr nicht mal von mir wisst."

Der Anführer hob die Hand. Obwohl er als letzter ging, blieben seine Begleiter stehen und er trat näher zu ihr. "Absetzen.", zischte er, worauf ihr Träger sie schnell zurück auf den Boden fallen ließ. Der Anführer kniete sich wieder vor sie. "Du bist eine miserable Lügnerin, Kleine." Sie schrie auf, als er eine dünne Klinge in ihre Schulter bohrte. "In den Süden wagen sich keine Bestien mehr. Und jetzt die Wahrheit: was hast du mit den Wölfen zu tun?"
Sie biss sich auf die Zunge, vermied den Drang, die Wahrheit zu sagen, was den Jäger nur veranlasste, die Klinge tiefer in ihre Schulter zu stoßen. Im Nachhinein, war dieses Gesetz eine miserable Idee. Da fiel ihr auf, dass ihre Aussage zuvor sehr wohl eine Lüge war.
"Wer hat wohl mehr Ausdauer?" Der Mann riss die Klinge heraus und grinste, bevor er die Spitze vor ihr Auge hielt. "Vielleicht redest du mit einem Auge besser? Sonst wirst du nur von meinem guten Aussehen abgelenkt." Am guten Aussehen zweifelte sie. Natben überzogen das Gesicht, die Nase war mehrfach gebrochen. Sein Aussehen deutete klat auf eine hohe Position unter den Jägern hin. Er hatte lang genug gelebt, um die Zeichen zu tragen.
"Recherche.", wiederholte sie panisch, versuchte dem Kopf zur Seite zu drehen. Ihr Herz raste. Selbst wenn Eironn sie retten konnte, wollte sie ihm nicht entstellt gegenüber treten. Nicht, bei all den wunderschönen Wölfinnen des Werwolfrudels. "Ich sammle nur die Infos. Ehrlich! Ich..."

Der Gang bebte, und kleine Steine rieselten von der Erde. Die Jäger sahen sich irritiert um, als eine Ranke aus der Decke brach, die Fackel umschlang und löschte.
Finsternis legte sich wieder über den Gang, gefolgt von einem kurzen Schrei und einem Gurgeln.
"Weg da!", befahl eine Stimme, die von allen Seiten zu kommen schien. Ein helles Klirren erfüllte den Gang, als der Anführer die Klinge fallen ließ. Eilige Schritte entfernten sich, wieder ein hoher, diesmal längerer Schrei, dann war es wieder still.

Nervös sah Kara in die Dunkelheit, atmete flach und versuchte nicht ihrerseits zu schreien. Was sie gerettet hatte, war sicher nicht ungefährlich. Hatte es sie überhaupt getettet? Sie wusste nicht einmal, woher es kam, denn außer der Ranke konnte sie keine Richtungen zuordnen.
Als sie etwas an der Wange berührte, riss sie den Kopf zurück und starrte in diese Richtung. "Du hast gelogen." Ihr Herz schlug wieder gleichmäßig, kaum dass sie Eironns Stimme erkannte. Nur fehlte die Enttäuschung, die sie erwartet hatte.
"Sie wollten mich mitnehmen. Ich dachte, ich kann so etwas herausfinden.", rechtfertigte sie sich schnell und hob die gefesselten Hände auf Höhe ihres Gesichts. "Es tut mir leid."
"Klinge ich... böse? Deswegen?" Wieder eine Berührung. Die Fesseln wurden locker. Als verwandelten sie sich im Käfer kribbelten ihre Füße, Hände und Arme, als das Blut zurückfloss. "Du bist verletzt." Er strich über die aufgerissenen Gelenke. Sie spürte die Magie und wie sich die Verletzungen schlossen. Auch an der Schulter. "Bist du mir böse? Weil ich zurück geblieben bin?"
"Nein." Ihr wurde warm, als sich seine Hände an ihr Gesicht legten. Vorsichtig zog er sie vor und platzierte einen hauchfeinen Kuss auf ihren Lippen. "Warst... du das? Die Ranke. Und..." Sie zerstörte den schönen Moment nur ungern, aber ohne eine Antwort, würde sie nicht ruhig schlafen können.
"Leider." Er klang traurig. "Wie bei dem Regen. Es war ein Versehen."
"Du hast mich gerettet.", lenkte sie auf das Wesentliche. "Aber du musst mir noch viel mehr über diese Welt beibringen."
"Ja. Das auch. Hättest du das mit den Rängen gewusst..."
"Es ist doch vergangen. Also, der Werwolf wurde erwischt? Und jetzt weiß ich für die Zukunft, dass ich warten muss."
Der Magier lachte. "Du musst nicht warten. Als Magierin stehst du direkt unter den Anführern. Egal wie der Fortschritt deiner Ausbildung aussieht. Mich wundert auch, dass du nicht sofort in die erste Reihe gedrückt wurdest."
Sie versuchte sich erinnern. "Sie haben mich nicht bemerkt. Ignoriert. Als wäre ich nicht da."
"Magie.", bestätigte er. "Aber nicht von ihm. Die Jäger?"
"Vielleicht. Sie haben nichts gesagt... doch! Die Götter sollen Interesse an mir haben. Aber das kam von dem Jäger."
"Hm." Eironn brummte. "Ich muss darüber nachdenken. Aber jetzt sollten wir raus."
"Gute Idee." Kara stützte sich an der Wand ab, um aufzustehen. Es war kein kleiner Gang, weshalb sie sich zumindest nicht mit dem Kopf stoßen konnte. Dafür versagten ihre Beine ihr kurzerhand den Dienst und sie musste sich von dem Magier auffangen lassen.
"Soll ich dich tragen?"
"Kannst du das?" Sie hielt sich an seinen Schultern fest, als er sie plötzlich hochhob und an sich drückte.
"Natürlich. Obwohl ich vielleicht gerne noch ein Weilchen ungestört sein würde."
"Unge...? Eironn." Sie lachte und drückte gegen seine Brust. Dabei fiel ihr etwas auf und sie spürte mehr, als die Wärme seiner Magie, die in ihrem Körper stieg. "Du... hast etwas an?" Eigentlich wollte sie die Antwort nicht wissen.
"Naja, nicht alle meine Verwandlungen verschonen meine Kleidung und ich habe sofort nach dir gesucht. Also nein."
"Das ist..." Er stellte sie wieder auf den Boden und unterbrach sie mit einem weiteren Kuss. Der regte etwas in ihr und sie schlang die Arme um seinen Nacken.
"So fühlst du für mich?", fragte sie leise, als ein langes Heulen durch den Gang schallte. Eironn blieb ihr die Antwort vorerst schuldig, als er sie wieder auf seine Arme nahm und den Gang zurücktrug.

MidiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt