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Kara zitterte, seit sie zurückgebracht wurde. Eironn so zu sehen, gequält und wie tot in den Ketten hängend hatte sie entsetzt. Doch sie spürte, dass er noch lebte. Hätte schwören können, dass es seine Stimme war, die in ihrem Inneren hallte. Sie bat, stark zu bleiben und versicherte, dass er wirklich noch lebte.
"Ira..." Schluchzend drückte sie sich die Hand auf den Mund. Als eine der Wachen es gehört hatte, hatte der Mann sie wieder verprügelt. Aber sie brauchte ihre Kraft und konnte es sich nicht leisten sich schwere Verletzungen zu zu ziehen. Sie musste stark bleiben, auf Eironn und die Götter vertrauen, dass sie einen Weg nach draußen fanden.
Ihr Zeitgefühl war nun noch verzerrter als zuvor. Tag und Nacht, Schlaf und Wach hatten ihre Bedeutungen verloren. Sie schlief wenn ihr die Kraft fehlte und erwachte wenn es Essen gab - oder sie aus einem Albtraum floh.

Auch in dieser Schlafphase war sie von Träumen geplagt. Eironn stand mit zwei Frauen in einem Meer aus Blut. Sein Kopf war gesenkt, eine der Frauen hatte ein Schwert zum Schlag erhoben, die andere hielt fürsorglich die Hand auf seiner Schulter. Sie sah, wie sich die Lippen der Frauen bewegten, doch kein Laut erreichte sie, bis auf das Rauschen des Meeres, als rote Wellen an den Klippen brachen.
Sie befand sich wieder an der Klippe, wo ihr Vater sie gefunden hatte. Ihre Körper lagen regungslos im Gras, als ein Schrei die Stille zerriss. Ein Mädchen, nicht älter als der Körper der Dämonin bei ihrer ersten Begegnung, wurde neben ihr über den Abgrund gehalten. Ihr Vater starrte sie wütend an, schrie, doch sie verstand wieder kein Wort. Dann ließ er das Mädchen los. Ihr Todesschrei hallte noch nach, als Kara wieder auf der Götterwiese saß.
Windfeen schwirrten um sie herum. Die kleinen Münder bewegten sich, sie schrien, doch weiterhin schien Kara taub.
"Hast du uns verraten?" Eine strahlende Gestalt ersetzte die Feen, ihre Zelle ersetzte die Wiese. Die langen Ohren der Götter, ragten unter silbernem Haar hervor. Darüber thronten die Ohren eines Rehs sowie ein riesiges, weit verzweigtes Geweih. Gesicht und Körperbau wurden vom inneren Licht der Gestalt überstrahlt.
"Ich habe niemanden verraten." Kara senkte den Kopf. "Aber das glauben alle, nicht wahr?"
"Nicht unsere Worte sind wichtig. Unsere Taten sind es."
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter, dann ihre gefesselten Hände und sie sah in das besorgte Gesicht der Mondgöttin. Wenigstens eine, die sie nicht vergessen hatte. "Ihr müsst schnell handeln.", warnte sie. "Es bleibt nicht viel Zeit." Die Fesseln fielen ohne Widerstand ab, die Kette schlug auf den Boden.

Damit sprang die Zellentür auf und eine Silhouette war vor dem Licht der Fackeln auszumachen. Kara rappelte sich auf, da griff er bereits nach ihrer Hand und zog sie hinter sich aus den leeren Gängen des Kerkers.
"Ira?" Der Traum hatte sie in die Realität geführt. Doch sie stolperte mehr schlecht als recht hinter ihm her. "Was haben sie mit dir gemacht?"
"Nichts was mich umbringt." Blutverkrustet war sein Haar und seine Haut an vielen Stellen aufgeplatzt. Allein an seinem Rücken waren die Folgen unzähliger Peitschenhiebe zu sehen. Als er sich kurz umdrehte, erkannte sie eine leere Höhle unter seinem Augenlid.
"Ira..."
"Du bist nicht Schuld. Ich brauche nur Zeit. Und jetzt schnell.", ermahnte er und zog sie durch eine schwere Tür, die nur angelehnt war, hinaus ins Freie.
Kühle, frische Abendluft umwehte sie und trug den Geruch von Blut und Rauch zu ihnen. Das Schlagen von Metall erfüllte die Nacht. Wo auch immer sie waren - hier tobte eine Schlacht.
"Kara." Er schob sie zu einem Stall. Die aufgeregten Rufe der Pferde waren daraus zu hören. Auf dem Dach war bereits ein weiteres Feuer ausgebrochen. "Schnell jetzt." Eironn riss die Türen aus und entließ den noch dünnen Rauch, dann öffnete er das erste Gatter und das Pferd preschte laut wiehernd heraus.
"Kara!" Er rettete noch weitere Pferde, während sie erst langsam zurück in die Realität kam. Eironn war verletzt, aber das hinderte ihn nicht, die unschuldigen Tiere zu retten. Er hatte sich trotz der Gefangenschaft nicht verändert. Und sie? Kara sah auf ihre Hand. Untätig öffnete und schloss sie sich. Sie hatte einen weiteren Gott getroffen, aber vielleicht war auch das der Traum.
"Kara?" Seine Hände lagen an ihren Schultern und sie sah auf. Im Licht des brennenden Stalls sahen seine Verletzungen und das getrocknete und frische Blut noch schlimmer aus. Hatte er Stichwunden in der Brust? Ragte ein Knochen heraus? "Was ist los? Willst du bleiben?"
"Nein." Eilig schüttelte sie den Kopf, blinzelte um ihren Geist zu klären. Eironn hatte sie vom brennenden Gebäude weggezogen, hinter ihm wartete ein dunkles Pferd, das nervös mit den Hufen auf dem Erdplatz scharrte. "Wir... sollten verschwinden?"
"Gute Idee." Der Magier schwang sich auf das ungesattelte Pferd und zog sie vor sich hoch. "Festhalten.", warnte er noch und hielt sich an der Mähne des Tieres fest. Kara duckte sich, und klammerte sich mehr an den Hals, als das Pferd los preschte und mit fliegenden Hufen durch das weit offenen Fallgitter in die dahinter liegenden Straßen preschte.

Auch hier brannte es an vielen Stellen, Leichen säumten ihre Wege und entfernt waren die Kämpfe zu hören. "Helfen uns die Götter?", fragte sie leise und sah hoch. Sie konnte auf den Anblick der Toten verzichten.
"Krieg. Kein Werk der Götter. Nur menschliches Verlangen."
"Und die Kriegsgöttin?"
"Konflikte." Er lächelte. "Und sei es nur die Frage: jage ich diesen Hasen oder warte ich auf den nächsten." Sie bogen um eine Ecke, die Kämpfer in dieser Gasse ignorierten sie. "Das ist alles, was mir noch an Magie verblieben ist.", erklärte er den Umstand, dass sie durch die Soldaten ritten, ohne sie nur zu berühren. "Aber es hält nicht lang. Wir müssen raus aus der Festung."
"Haupttor." Kara deutete auf die Mauer. "Sie sind schon tiefer drin."
"Gut." Das Pferd änderte seinen Kurs, hielt auf die Mauer und das eingelassenen Tor zu. Darum lagen die meisten Leichen, doch der Zauber verhinderte noch, dass das Pferd sich an diesen stieß und stolperte.

MidiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt